DDR Platte als Bauteilquelle: Das Forschungsprojekt „Gute Fügung?“
Ein studentisches Forschungsprojekt untersucht und entwickelt kreislaufgerechte Fügungskonzepte für die Wiederverwendung von Bauteilen aus Stahlbetonskelett- und Holzbauweisen.
„Rationalisierte mehrgeschossige Stahlbetonskelett-Montagebauweise 2 Mp im VEB BMK Ost“, kurz „SK Ost“ – hinter dieser griffigen Bezeichnung verbirgt sich ein industriell gefertigtes Bausystem aus der DDR. Auch das in den 1980er-Jahren errichtete Verwaltungsgebäude „Haus 2“ an der Jägerallee in Potsdam gehört zu diesen Stahlbetonskelettbauten aus Fertigteilen. Ausgehend von diesem potenziellen Spendergebäude haben sich Studierende am Natural Building Lab (NBL) der Technischen Universität Berlin im Sommersemester 2025 und im Wintersemester 2025/26 mit der möglichen Wiederverwendung von Bauteilen beschäftigt.
Von der Recherche zum Bauteilkatalog
Seit den 1990er-Jahren erforschen Projekte die Demontage und Wiederverwendung von Betonfertigteilen, insbesondere aus DDR‑Typenbauten. In einer umfangreichen Recherche werteten die Studierenden rund 50 Publikationen aus und fanden: Eine sorgfältige Demontage und ein Wiedereinbau sind technisch möglich, doch rechtliche, wirtschaftliche und organisatorische Rahmenbedingungen verhindern oft die Umsetzung.
Auf die Beschäftigung mit der Theorie folgte ein Blick in die Praxis. Christoph Henschel und Wolfgang Lehmann berichteten von ihrem Pilotprojekt mit wiederverwendeten Stahlbetonplatten, das sie im Rahmen des Forschungsprojekts „ReCreate“ umsetzen. Vor Ort in Potsdam prüften die Studierenden selbst den Zustand und die Qualität der Bausubstanz. Sie dokumentierten die am häufigsten vorkommenden Bauteile auf Grundlage von Bestandsplänen und historischen Systemunterlagen.
Demontage statt Abriss
Damit die Bauteile überhaupt erst wiederverwendet werden können, bedarf es einer behutsamen Demontage. Das Gebäude wird dabei systematisch, kontrolliert und möglichst beschädigungsarm in seine Bestandteile zerlegt. Dies erfordert sorgfältige Planung und umfassende Dokumentation. Schadstoffbelastungen wie Asbest, polychlorierte Biphenyle oder künstliche Mineralfasern müssen vorab geprüft und fachgerecht entfernt werden.
Die Demontage erfolgt in umgekehrter Reihenfolge zur ursprünglichen Montage: zuerst Deckenplatten, dann Riegel und zuletzt Stützen. Weiterhin stellen der Transport und die Lagerung der ausgebauten Teile eine Herausforderung dar. Um Risse oder Kantenabbrüche zu vermeiden, müssen sie entsprechend ihrer statischen Eigenschaften abgestützt, vor Feuchtigkeit und Frost geschützt sowie gegen Verrutschen oder Kippen gesichert werden.
Neue Fügungen für alte Bauteile
Wie lassen sich die ausgebauten Teile wieder nutzen? Die Studierenden entwickelten zwei Varianten, die wiederverwendete Stahlbetonteile des Systems „SK Ost“ mit neuen Holzelementen verbinden. Die erste Variante ersetzt die Stütze des Systems mit einer gleichwertigen Stütze aus Holz, während die zweite Variante die Stahlbetonhohlkammerdecken des Bausystems mit Brettsperrholzdecken ersetzt. Die ergänzenden Holzbauteile schaffen Spielraum, um je nach Variante Geschosshöhen oder Spannweiten flexibel an die Anforderungen eines neuen Gebäudes anzupassen.
Vorerst bleiben die Konzepte jedoch planerische Entwürfe. Für eine tatsächliche Wiederverwendung wären umfassendere Materialprüfungen, statische Nachweise und Genehmigungen erforderlich. Der nächste Schritt wäre, die entwickelten Verbindungskonzepte im Maßstab 1:1 zu erproben, um Tragfähigkeit, Demontierbarkeit und Umsetzbarkeit unter realen Bedingungen zu überprüfen. Damit die Wiederverwendung von Betonbauteilen auch Einzug in die Baupraxis hält, braucht es erst noch die richtigen strukturellen Rahmenbedingungen.