„Architektur ist nie neutral“: Kritik in schrillen Farben und extravaganten Formen

Ein Gespräch mit Mireia Luzárraga, Gründerin von TAKK, über ökologische Architektur jenseits von CO₂-Bilanzen, Petrokapitalismus, extraktiven Praktiken und Ungleichheiten auf Makroebene.

Essbare Installationen, opulente Skulpturen für Tiere oder Raumsysteme für unerwartete Wohnmodelle: Unabhängig vom Format verbindet die Arbeit des Architektur- und Raumgestaltungsbüros TAKK (Barcelona und New York) eine kritische Auseinandersetzung mit Ökologie im architektonischen Diskurs. Die Projekte des Gründerduos haben internationale Reichweite. Auf dem UIA-Kongress präsentierte TAKK zuletzt das „Manifesto for Sedimentary Futures“. Dort sprach BauNetz CAMPUS (BC) mit Co-Gründerin Mireia Luzárraga (ML) über die Verantwortung von Gestaltenden in einer Welt, in der architektonisches Handeln weitreichende, oft undurchdringliche Folgen hat.

BC: Mireia, die Arbeit eures Büros basiert auf Forschung und kritischem Denken. Was macht euren ökologischen Ansatz aus?

ML: Seit Jahren sprechen wir über CO₂-Emissionen, Dekarbonisierung und die Abhängigkeit von fossilen Energien. Daraus sind viele Standards und Zertifizierungen entstanden. Aber Ökologie lässt sich nicht allein über Kennzahlen oder eine CO₂-Bilanz bestimmen. Die Folgen dessen, was wir bauen oder konsumieren, bleiben nicht am Ort des Projekts. Sie hängen mit komplexen Netzwerken zusammen – Rohstoffgewinnung, Energiepolitik, Lieferketten – und können geopolitische Konflikte und soziale Ungleichheiten hervorrufen. 

Besonders sichtbar wurde dies im Krieg gegen die Ukraine: Energieabhängigkeiten können Konflikte mitbedingen. All diese Zusammenhänge werden in einem LEED-Zertifikat nicht sichtbar. Es zeigt uns nicht, unter welchen Bedingungen ein Material gewonnen wurde, welche Abhängigkeiten es erzeugt oder wer die Folgen davon trägt. Deshalb verstehen wir Ökologie intersektional. Es reicht nicht, weniger Emissionen zu verursachen. Wir müssen auch fragen, ob unsere Räume rassistische, sexistische oder andere Ausschlüsse reproduzieren. Architektur kann Hierarchien verstärken oder abschwächen, Geschlechterrollen festschreiben oder auflösen. Sie kann feministisch, antirassistisch und antispeziesistisch sein – oder das Gegenteil.

BC: Du lehrst aktuell an der Columbia University in New York. Vermittelst du diese Haltung auch den Studierenden? 

ML: Die Studierenden sollen verstehen, dass Architektur nicht nur Gebäude bedeutet. Wenn wir ressourcenschonend arbeiten möchten oder unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen verringern wollen, dürfen wir nicht weiter so planen, als hätte sich nichts geändert. Wir müssen die Logik der Moderne – die Ausbeutung von Ressourcen, das unbegrenzte Wachstum, die Standardisierung und die globalen Produktionsketten –, auf der ein Großteil der zeitgenössischen Architektur aufgebaut ist, kritisch hinterfragen.

In einem Masterstudio haben wir beispielsweise zeitgenössische Phänomene behandelt, die massive Ungleichheiten erzeugen, wie Tourismus und Mobilität. In Barcelona sehen wir, wie Wohnraum und Stadtleben zunehmend einer globalen Lifestyle-Gentrifizierung unterworfen werden. Wie können wir eingreifen, ohne bestehende Ungleichgewichte weiter zu verschärfen?

Ein anderer Kurs beschäftigte sich mit Energielandschaften – Windparks, Solarparks. Wenn wir auf erneuerbare Energien umstellen, müssen wir fragen: Woher kommen die Materialien? Welche Landschaften werden verändert? Und für wen wird Energie produziert?

BC: Geht es dir dabei hauptsächlich um Bewusstseinsschaffung für die Probleme und deren komplexe Zusammenhänge?

ML: Es geht uns eher darum, Folgen sichtbar zu machen, um darauf einwirken und sie verändern zu können. Jeder Entwurf hat Konsequenzen. Nehmen wir das Beispiel Wasser: Es ist nicht nur eine Ressource für Menschen. Boden, Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen brauchen es ebenfalls. Wenn wir einen Staudamm bauen, erzeugen wir Energie – aber wir verändern auch das Ökosystem des Flusses. Sedimente gelangen nicht mehr ins Meer, Arten verlieren ihren Lebensraum, der Sauerstoffgehalt verändert sich, Algen wachsen anders. Solche Zusammenhänge müssen wir mitdenken.

BC: Gerade das thematisiert euer Projekt Manifesto for Sedimentary Futures“ für die Ausstellung auf dem UIA-Kongress in der Kategorie „Becoming More Than Human“. 

ML: Ja. Uns beschäftigt die Frage, wie wir den Planeten mit mehr-als-menschlichen Akteur*innen teilen und neue Beziehungen zu ihnen entwickeln können. Wir haben in früheren Projekten mit Mikroorganismen, Katzen, Pflanzenarten und Vögeln gearbeitet. Dahinter steht die Idee, dass Architektur nicht nur einen abgeschotteten Schutzraum für Menschen schaffen sollte. 

In „Manifesto for Sedimentary Futures“, einer Kollaboration zwischen TAKK und Eva Franch i Gilabert, beschäftigten wir uns mit dem Ebro-Delta. Der Ebro ist der wasserreichste Fluss Spaniens. Sein Delta ist über Jahrtausende durch abgelagerte Sedimente entstanden. Doch durch die vielen Staudämme entlang des Flusses erreichen diese Sedimente das Delta nicht mehr. Gleichzeitig steigen die Meeresspiegel, und durch intensive Landwirtschaft sinkt der Boden zunehmend ab. Das Delta verliert damit seine Grundlage. 

BC: Ihr identifiziert also zunächst einen kritischen Sachverhalt. Und wie entsteht daraus eine Intervention, die weder typisches Architekturprojekt noch Kunstexponat ist?

ML: Wir überlegen immer: Wie schaffen wir es, dass jemand stehen bleibt, liest, nachdenkt und vielleicht selbst aktiv wird? Dagegen ist ein Auftrag für Wohnungsbau fast einfacher, haha. Unsere Intervention auf dieser Ausstellung ist wie ein Monument angelegt. Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf etwas, das sonst kaum wahrgenommen wird: auf Steine, die flussabwärts wandern und für das Leben im Delta entscheidend sind.

Für uns ist die ökologische Krise auch eine Krise der Repräsentation. Die Zusammenhänge sind so komplex, dass sie oft unsichtbar bleiben. Unsere Aufgabe als Architekt*innen und Gestalter*innen besteht deshalb auch darin, Kontroversen, Abhängigkeiten und Konflikte sichtbar und verständlich zu machen. Wir übersetzen also Forschung in räumliche, materielle und visuelle Formen, die Menschen erreichen können.

Die meisten unserer Arbeiten bauen und produzieren wir selbst, in der eigenen Werkstatt. Das ist wichtig, weil sich die Ideen auch im Umgang mit Material, Konstruktion und Maßstab weiterentwickeln. 

BC: Der UIA-Kongress brachte die ganze Welt zusammen. Ich habe ein heterogeneres Panorama erwartet, aber der Diskurs wirkt erstaunlich geschlossen. Erkennst du trotz aller Unterschiede eine globale Ausrichtung?

ML: Die Ausgangspunkte sind unterschiedlich, aber die Dringlichkeit ist überall spürbar. Wir wissen, dass die Architektur der Moderne so nicht funktioniert, die Abhängigkeit vom Petro-Kapitalismus. In der Schweiz stehen vielleicht Fragen der Materialkreisläufe stärker im Vordergrund. In tropischen Regionen geht es oft um lokale Materialien, Low-Tech, Belüftung und den Umgang mit Hitze.

Gerade davon können wir lernen. Was heute in Bangladesch entwickelt wird, kann für uns sehr bald relevant sein, wenn sich unser Klima weiter verändert. Dann merken wir vielleicht, dass bestimmte Bauweisen – etwa der unkritische Einsatz großer Glasflächen – nicht mehr funktionieren.

BC: Klingt nach einer großen Verantwortung für die kommenden Generationen. Was würdest du Architekturstudierenden mitgeben, wenn sie in die Berufswelt gehen?

ML: Zunächst: Sie müssen nicht sofort entscheiden, was sie für den Rest ihres Lebens tun werden. Architektur bietet viele Rollen. Man kann Gebäude planen, forschen, kuratieren, forensisch arbeiten, politisch aktiv sein. Und man darf den eigenen Weg ändern.

Es wäre zu viel verlangt, Studierenden zu sagen, sie hätten allein die Verantwortung, den Planeten zu retten. Das kann lähmen. Aber sie sollten verstehen, dass Architektur nie neutral ist. Sie kann Unterschiede vergrößern oder Ungleichheiten abbauen. Sie kann bestimmte Lebensweisen privilegieren oder Räume für andere öffnen. 

Wir werden Fehler machen. Trotzdem müssen wir weiter versuchen, anders zu entwerfen, anders zu forschen und anders zu handeln.

Das Interview in spanischer Sprache wurde mithilfe von KI-gestützten Tools übersetzt und von BauNetz CAMPUS geprüft und redaktionell bearbeitet.