Monumente der Versorgung: Ein Studio zu Deutschlands vergessenen Silos
222 Getreidesilos, Speicher und Lagerhäuser aus acht Epochen: 13 Masterstudierende untersuchten Getreidesilos nicht als Umbauprojekte, sondern als eigenständige Architekturen.
Le Corbusier nannte sie „prachtvolle Erstgeburten der neuen Zeit“, Gropius verglich sie mit den Bauwerken des Alten Ägypten. Gut hundert Jahre später stehen Getreidesilos quasi als Abrissposten in Gemeinderatssitzungen zur Debatte. Diesen Widerspruch untersuchten 13 Masterstudierende im Studio „Ikonen der Moderne“, geleitet von Kevin Weidemann am Lehrstuhl Bauen mit Bestand und Baukonstruktion der Bergischen Universität Wuppertal. Über zwei Semester hinweg verbanden sie Literaturanalyse, Objektsammlung, Ortsbesuche und Interviews mit Akteur*innen aus Landwirtschaft, Planung und Kommunalpolitik. Ihre Ergebnisse zeigen sie ab dem 22. September 2026 in einer Ausstellung.
Tubes und Zylinder: Woher die Typologie?
Sei es die geometrische Klarheit, die serielle Wiederholung oder die Ableitung der Form aus Konstruktion und Schwerkraft: All das faszinierte die frühen Geister der Moderne an den Lagerhäusern. Heute bleibt diese Typologie kaum beachtet. Genau hier setzt das Studio an: bewusst theoretisch und nicht als Entwurf für eine mögliche Transformation.
222 Objekte recherchierten die Studierenden quer durch Deutschland, grenzten sie auf 24 Referenzbauten ein und ordneten sie schließlich acht Zeitabschnitten zu. Die Fallbeispiele reichen dabei von mittelalterlichen Fachwerkspeichern über die monolithischen Reichsspeicher der NS-Zeit bis zur modularen Metallanlage in Salzgitter. Interessant und auffällig dabei: Die Bauform verschob sich mit der Lage. Am städtischen Marktplatz steht das Lagerhaus mit Satteldach, das am Ortsrand zum fensterlosen Zylinder aus Beton wird. Die Fassaden verloren Fenster, Dekor und städtebaulichen Bezug, während die Dimensionen, je ruraler es wurde, von zehn auf siebzig Meter Höhe wuchsen.
Innenräume, die meist niemand kennt
Ortsbesuche in Krefeld und Münster machten sichtbar, was Fotos kaum transportieren. Im Krefelder Lagerhaus von 1911 beispielsweise erzeugen serielle Betonstützen und trichterförmige Siloböden Räume von unerwarteter Wucht. Im Münsteraner Mischfutterwerk der AGRAVIS verzweigen sich hingegen Rohrsysteme durch die Geschosse wie ein technisches Geflecht.
Beide Orte zeigen: Die Ästhetik dieser Bauten entsteht nicht trotz, sondern durch ihre kompromisslose Ausrichtung auf Materialfluss und Schwerkraft. Gleichzeitig verdeutlichten Gespräche mit Planer*innen der AGRAVIS, dass architektonische Gestaltung im Silobau keine Rolle spielt. Fließdiagramme bestimmen die Form, nicht Entwurfsentscheidungen.
Schandfleck oder Denkmal?
Besonders interessant ist, dass sich die öffentliche Wahrnehmung zu spalten scheint. Nach den Recherchen des Teams diskutierte ein Gemeinderat der Kreisstadt Waghäusel über zwanzig Jahre lang den Erhalt zweier Zuckersilos neben einer barocken Schlossanlage. 2020 wurden sie schließlich abgerissen. In Frankfurt etwa ersetzte ein Neubau vom Architekturbüro Meixner Schlüter Wendt den ikonischen Henninger Turm, weil die alte Silostruktur statisch nicht für Wohnungen taugte. Die Silhouette blieb schließlich als Zitat. Beide Fälle zeigen: Zwischen Denkmalschutz, Wirtschaftlichkeit und kollektiver Erinnerung gibt es selten eindeutige Antworten.
Raus aus der Theorie
Das Studio belässt es nicht bei der Analyse. Unter dem Titel „Was fehlt, wenn nichts mehr stört?“ gründeten die Studierenden die Initiative arch.silo. Auf drei Exkursionen verteilten sie Plakate, Sticker und Postkarten an Museen, Kioske und Passant*innen. Die Kampagne hat das gesetzte Ziel, die Bauten wieder ins Augenlicht zu rücken. Denn: Silos sichern immer noch Ernten, stabilisieren Versorgungsketten und prägen dadurch nicht nur rein visuell Ortsbilder über Jahrzehnte. Doch scheinbar erst, wenn sie verschwinden, scheint aufzufallen, was fehlt.