Architektur zum Andocken: Ein offenes System für Barcelonas Nachkriegssiedlungen
Aus der Untersuchung bestehender Nachkriegssiedlungen in Barcelona entwickelt ein Forschungsteam ein modulares Holzsystem, das Wohnhäuser erweitert und sich den unterschiedlichen Bedürfnissen ihrer Bewohner*innen anpasst.
Die Nachkriegssiedlungen am Rand Barcelonas wirken auf den ersten Blick unscheinbar. Erst beim genaueren Hinsehen zeigen sich die Spuren ihrer Bewohner*innen: verglaste Balkone, nachgerüstete Vordächer und andere Zeichen, wie sie ihre Wohnungen an den Alltag angepasst haben. Viele dieser Quartiere sind längst mehr als reine Wohnmaschinen der Nachkriegszeit – über Jahrzehnte haben ihre Bewohner*innen die Gebäude angeeignet und die Identität der Nachbarschaften aufgebaut. Gleichzeitig gelten zahlreiche Wohnanlagen als sanierungsbedürftig und laufen Gefahr, ersetzt statt weiterentwickelt zu werden.
Die Forschungsgruppe REARQ der Universitat Politècnica de Catalunya (UPC) untersucht im Projekt Open Regeneration of Housing Estates in Barcelona unter der Leitung von Prof. Pere Joan Ravetllat, wie sich diese Bestände erhalten und an heutige Anforderungen anpassen lassen. Dafür entwickelte das Team einen 1:1-Prototyp: eine vor die Fassade gestellte Struktur, die bestehende Wohnhäuser erweitert und mit zusätzlichen Modulen auf verschiedene Bedürfnisse reagiert.
Aus der Siedlung entwickelt
Gemeinsam mit Masterstudierenden des Studiengangs MBARCH-ETSAB untersuchte das Team über mehrere Jahre Wohnanlagen wie Les Oliveres, Ciutat Badia, Ciutat Meridiana oder den Südwesten des Besòs. Die Studierenden dokumentierten die Gebäude und prüften ihre Grundrisse, Erschließungen und Freiräume. Sie fragten, welche Eingriffe zu den unterschiedlichen Gebäudetypologien und den Bedürfnissen der Bewohner*innen passen.
Dabei zeigte sich, dass viele Wohnblöcke ähnliche Probleme aufweisen: Zugänge fehlen oder sind nicht barrierefrei, Gemeinschaftsräume lassen sich kaum aneignen, und die Fassaden bieten wenig Schutz vor sommerlicher Hitze. Anstelle von Einzellösungen suchte das Team nach einem System, das sich an verschiedene Gebäude anpassen lässt. Das Ergebnis ist ein offenes Bausystem mit einer selbsttragenden Holzkonstruktion, die unabhängig vor der Fassade steht.
Ein System zum Andocken
An dieser Holzkonstruktion lassen sich unterschiedliche Bausteine, sogenannte „Kits“, befestigen. Sie übernehmen jeweils eine bestimmte Aufgabe: Ein Erweiterungsmodul schafft zusätzlichen Wohnraum oder neue Flächen für die Gemeinschaft. Andere Bausteine verbessern die Gebäudehülle, etwa durch Photovoltaik, Regenwasserspeicherung oder bepflanzte Elemente, die vor Sonne schützen. Ein weiteres Kit misst mithilfe von Sensoren die Umweltbedingungen am Gebäude. So entsteht vor der bestehenden Fassade eine zweite Hülle, die Wohnungen vor Hitze schützt und nutzbare Zwischenräume schafft.
Alle Module folgen demselben Prinzip wie die Tragstruktur. Sie werden im Trockenbau montiert, also verschraubt statt dauerhaft verklebt. Dadurch lassen sie sich austauschen, erweitern oder später wieder entfernen. Das System kann schrittweise ergänzt und an veränderte Bedürfnisse der Bewohner*innen angepasst werden.
Der Prototyp dient derzeit als Versuchsbau, an dem das Forschungsteam das System unter realen Bedingungen überprüft. Die Forschenden beobachten, wie sich die Konstruktion im Alltag verhält und welche Erkenntnisse daraus für weitere Anwendungen entstehen.
Vom Prototyp zur Wohnpolitik
Die Frage, wie sich diese Wohnanlagen weiterentwickeln lassen, betrifft längst nicht nur Barcelona. In vielen europäischen Städten stehen Nachkriegssiedlungen vor derselben Herausforderung: Wie lassen sich Gebäude verbessern, ohne die Nachbarschaften zu verdrängen, die um sie herum entstanden sind? Projekte wie die Wohnhochhauserweiterung in Bordeaux von Lacaton & Vassal haben gezeigt, dass bestehende Wohnhäuser durch zusätzliche Strukturen weitergenutzt werden können. Die REARQ-Forschungsgruppe überträgt diese Haltung des Weiterbauens auf ein System, das sich an unterschiedliche Wohnanlagen anpassen lässt. Ob daraus mehr als ein Forschungsprototyp wird, entscheidet sich aber nicht allein am Holztragwerk. Wesentlich ist, ob Städte bereit sind, diese Quartiere langfristig zu erhalten und ihre Bewohner*innen in die Veränderung einzubeziehen.