Tempelhofer Feld als Ökoton: Ideen auf 100 Hektar

Neue Perspektiven auf einen der bedeutendsten Freiräume Berlins: Eine internationale Sommerschule entwickelte spekulative Entwürfe für den Übergangsbereich zwischen Stadt und Landschaft.

40 Studierende aus Bochum, Bukarest und San Diego kamen im Juli 2026 in Berlin zusammen, um das Tempelhofer Feld zu erkunden. Die zweiwöchige Sommerschule „Contested Ground: Ecotone THF“ wagte den Blick von außen auf diese einzigartige Freifläche der Stadt. Das Projekt entstand in Kooperation der Hochschule Bochum, der Ion Mincu University of Architecture and Urbanism in Bukarest und der New School of Architecture and Design in San Diego. 

Rand als Potenzialraum

Die Debatte um das Tempelhofer Feld klingt nicht ab. Mit Verweis auf die Wohnungsnot rückte das Areal 2023 erneut ins Visier der Stadtpolitik – trotz des eindeutigen Ergebnisses des Volksentscheids von 2014 und des darauffolgenden Gesetzes zum Erhalt des Tempelhofer Feldes (ThFG). Ein internationaler Wettbewerb 2025 mit sechs prämierten Konzepten sowie ein Entwurf der Architekten Hans Kollhoff und Tobias Nöfer,  den sie gemeinsam mit Immobilienunternehmer Hamid Djadda vorlegten, stifteten erneut Verwirrung über etwaige Bebauungspläne. Allen Konzepten ist gemein, das Innere des Feldes als Freiraum zu bewahren und Eingriffe – ob baulich oder landschaftlich – auf den Rand zu beschränken.

Auch die Sommerschule nahm die Peripherie des Feldes als Untersuchungsfläche in den Blick. Diese Entscheidung war jedoch nicht stadtpolitisch motiviert. Die Betreuer*innen betrachteten den Feldrand als Ökoton – einen Übergangsbereich zwischen zwei Ökosystemen oder Lebensräumen. Dieser Ansatz erinnert an Richard Sennetts Definition der Grenze. Er versteht „Borders“ als durchlässige, membranartige Zonen, die Begegnung und Austausch fördern. Der Soziologe plädiert bekanntlich für belebte, veränderbare urbane Ränder – eine Idee, die die (Bio)diversität eines Ökotons widerspiegelt. 

100 Hektar in zwei Wochen 

Die 100 Hektar große Untersuchungsfläche wirkte zunächst überwältigend, obwohl sie nur ein Drittel des Gesamtareals umfasst. Um den Charakter des Gebiets zu durchdringen, verbrachten die Teilnehmenden viel Zeit vor Ort, sprachen mit Anwohner*innen und Besucher*innen und dokumentierten die zahlreichen Aktivitäten, die der Freiraum ermöglicht. Inputvorträge ordneten zudem Geschichte und Kontroverse ein. Besonders aufschlussreich waren dabei die Perspektiven von Markus Bader von Raumlabor – einem der sechs Wettbewerbssieger – und Christian Junge von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen.

„Contested Ground“ fragte nach der Verbindung zwischen Stadt und Landschaft – räumlich, programmatisch oder infrastrukturell. Einige Teams schlugen vor, die Fläche mit minimalen Eingriffen zu aktivieren, etwa durch Installationen à la Raumlabor. Sie entwarfen ikonische Landmarks, darunter aufblasbare Objekte in leuchtenden Farben, Kletter- und Aussichtstürme oder modulare Systeme mit flexibler Nutzung, und platzierten sie an strategischen Stellen. Andere arbeiteten auf infrastruktureller Ebene: Eine aufgeständerte Struktur sollte Bewegungsströme bündeln und eine neue Topografie schaffen, ein Gondelsystem das ehemalige Flughafengebäude mit dem Feld verbinden. Weitere Konzepte setzen auf landschaftsarchitektonische Eingriffe, die den Freiraum strukturieren. Allein ein Entwurf wagte es, den Rand teilweise mit einer Mischung aus Investorenarchitektur und Urban Farming zu bebauen. 

Experimentierfeld mit Weitblick

Das erklärte Ziel war ausdrücklich nicht, umsetzbare Entwürfe zu liefern. Vielmehr zeigte der Workshop, wie das Feld als Raum für architektonische Experimente dienen kann. Die ungewöhnliche Weite, die komplexe Beziehung zur Stadt, die ökologische Bedeutung und die Rolle als Naherholungsgebiet – all diese Aspekte werden zu wichtigen Entwurfsvariablen. Für Studierende bietet dieser Freiraum wertvolle Erkenntnisse. Und für Berlin bleibt er unverzichtbar.

Ob die drei Hochschulen ihre Zusammenarbeit künftig in einem ähnlichen Format fortsetzen werden, bleibt offen. Geeignete Fallstudien in vergleichbarer Größenordnung gäbe es jedoch noch – etwa in Bukarest.