Das Reallabor ZuHaus: Vom Parkraum zum Quartierzimmer

Können innerstädtische Parkflächen auf die Wohnungsfrage reagieren? Clemens Hoyer überträgt in seiner Promotion eine alte Typologie aus dem ländlichen Raum auf dichte Gründerzeitquartiere. 

Während der Mangel an bezahlbarem Wohnraum in Großstädten wächst, schaffen klassische Nachverdichtungsstrategien aufgrund hoher Grundstücks- und Baukosten häufig keine sozialverträglichen Lösungen. Um das Wohnen in hochverdichteten Stadträumen zu entlasten, blickt Clemens Hoyer auf die Straße: Seine Doktorarbeit „Vom generischen zum spezifischen Raum“ an der Technischen Universität Darmstadt untersucht, inwiefern öffentliche Parkflächen einen typologischen und sozialen Wandel vollziehen können. In München-Haidhausen erprobt das Reallabor „ZuHaus“ nun die Potenziale einer solchen Umwidmung von Parkraum zu einem gemeinschaftlich nutzbaren Quartierzimmer.

Die Ressourcen liegen auf der Straße

Der hohe Bedarf an Wohnraum und sozialer Infrastruktur steht in deutschen Großstädten einem Straßenraum gegenüber, der überwiegend dem Auto dient: Etwa die Hälfte aller PKW-Parkplätze liegt im Straßenraum und beansprucht Flächen, die angesichts eines wachsenden Anteils autofreier Haushalte anderweitig genutzt werden könnten. Insbesondere in gründerzeitlichen Quartieren mit hoher funktionaler Dichte eröffnet der sinkende Stellplatzbedarf daher Potenziale für eine Umwidmung dieser Flächen.

Hoyer untersuchte zunächst die Situation im Franzosenviertel in München-Haidhausen: Dort stehen den 4.700 gemeldeten Fahrzeugen 5.400 private Parkplätze in Hoch- oder Tiefgaragen und Hinterhöfen gegenüber. Zusätzlich werden rund 1,8 Hektar öffentlicher Straßenraum für das Parken genutzt. Würde man diese komplett umnutzen, könnten rechnerisch bis zu 471 weitere Menschen in Haidhausen wohnen. Können kleine, schmale Strukturen ihre großmaßstäblichen Nachbarn ergänzen und mit ihnen in einen produktiven Nutzungsdialog treten? 

 

Das Prinzip Zuhaus

Hoyer orientiert sich an einer historischen Typologie aus dem Alpenraum: Als dem Haupthaus zugeordnetes Nebengebäude ermöglicht das Zuhaus älteren Generationen nach der Hofübergabe, in vertrauter Umgebung eigenständig weiterzuleben. 

Um dieses Prinzip auf einen innerstädtischen Kontext zu übertragen, bearbeitet er in seiner Promotion zwei Szenarien, die er auch mit Studierenden an der TU Darmstadt untersuchte: Im ersten Szenario entsteht Wohnraum für benachteiligte Gruppen. Die Entwurfsstudien untersuchten verschiedene Wohnformen, so auch barrierearme, ebenerdige Zuhäuser. Dank der technischen Infrastruktur unter der Straße lassen sie sich problemlos an die Netze anschließen. 

Im zweiten Szenario übernehmen die Zuhäuser eine unterstützende Funktion für das Quartier. Bestimmte Nutzungen wandern aus der Privatwohnung in gemeinschaftlich nutzbare Räume und senken den Pro-Kopf-Flächenverbrauch im Wohnbestand. Gleichzeitig fördert die Typologie nachbarschaftliche Begegnungen. Für das Reallabor eignete sich das zweite Szenario als Quartierzimmer besonders, da sich die Genehmigung leichter begründen ließ und mehr Nutzer*innengruppen einschloss.

Reallabor Franzosenviertel

Als mögliche Orte für ein Reallabor identifizierte Clemens Hoyer im Franzosenviertel Erdgeschosszonen, die kaum mit dem Stadtraum kommunizierten. Bereits 2022 installierte er zur siebten Architekturwoche des BDA München die zwei Meter breite und sieben Meter lange Struktur „Schani Schani, but different“ auf eineinhalb Längsparkplätzen. Die Aneignung des nutzungsoffenen Raumangebots durch die Nachbarschaft lieferte wichtige Erkenntnisse für das heutige Reallabor „ZuHaus“. Nun untersuchte Hoyer, welche alltäglichen Nutzungen dort Platz finden können und wie sich auf schmaler Fläche räumliche Vielfalt schaffen lässt.

Zwischen Erdgeschoss und erstem Obergeschoss nimmt die Struktur das Erkermotiv der Gründerzeit auf und erzeugt eine Abfolge von Nischen und Raumschwellen. Über den bestehenden Fahrradständern entsteht so eine Hülle, die durch verschiedene räumliche Situationen zur vielfältigen Aneignung anregen soll.

Eine Website organisiert die Bespielung der hölzernen Innenräume: Neben Veranstaltungen wie Bürger*innengesprächen, Lesungen und Live-Musik können Menschen freie Zeitfenster buchen und ihre eigenen Vorstellungen eines Quartierzimmers verwirklichen. Alle Teilnehmenden haben im Anschluss die Möglichkeit, eine Umfrage auszufüllen. Anschließend wertet Hoyer diese aus, um Erkenntnisse über Nutzungsmöglichkeiten, Akzeptanz und Bedürfnisse in seine wissenschaftliche Untersuchung einzubeziehen. Das „ZuHaus“ steht vorerst noch bis Ende Juli 2026 in der Metzstraße.