Keine Pause erlaubt: Projekt gegen defensive Architektur in München
Das Studio „PLATZ DA!“ richtet den Blick auf Sitzmöbel, die ausgrenzen – und testet im Stadtraum andere Formen des Aufenthalts.
Eine Bank ist nie nur eine Bank. Metallbügel, segmentierte Sitzflächen oder geneigte Lehnen bestimmen, wer sitzen, liegen oder verweilen darf. Im Wintersemester 2025/26 nahmen Studierende des dritten Bachelorsemesters Innenarchitektur an der Akademie der Bildenden Künste München diese oft übersehenen Regeln des öffentlichen Raums auseinander. Im Studio „PLATZ DA!“ entwickelten sie Interventionen gegen defensive Architektur. Die Projektarbeit am Lehrstuhl für Entwurf und Produkt leiteten Prof. i. V. Julia Czirnich und künstlerischer Mitarbeiter Lukas Schreiber.
Gestaltete Abwehr
Defensive Architektur löst soziale Konflikte nicht, sondern verschiebt sie. Wer auf einer Bank nicht liegen kann, verschwindet nicht aus der Stadt – verliert aber einen Ort zum Ausruhen. Besonders Menschen ohne Wohnung trifft diese Gestaltungspraxis. Sie macht den öffentlichen Raum zur kontrollierten Zone und übersetzt Ausgrenzung in Form, Material und Detail.
Die Lehrveranstaltung setzte bei dieser Widersprüchlichkeit an. Die Studierenden suchten in München Sitzgelegenheiten, deren Gestaltung abweisend wirkt, und bearbeiteten die Objekte weiter im Maßstab 1:1. Ihre Eingriffe sollten die Mechanismen der Abwehr sichtbar machen, umkehren oder bewusst überzeichnen. Damit verschob sich die Frage von der bloßen Kritik zur Nutzung: Was passiert, wenn eine Bank wieder Raum für unterschiedliche Körper und Aufenthaltsweisen bietet?
Drei Wege zur Aneignung
In Zweierteams entwickelten die Studierenden zunächst drei Ansätze für ihren jeweiligen Ort. Übertreibung, Umkehrung sowie Fehlfunktion oder Aneignung dienten als unterschiedliche Entwurfsstrategien. Die Übertreibung legt die Härte eines Sitzobjekts offen. Die Umkehrung verwandelt sein ausschließendes Prinzip in ein Angebot. Aneignung nutzt die vorhandene Konstruktion gegen ihre ursprüngliche Absicht.
Diese frühe Auswahl war mehr als eine Ideensammlung. Sie zwang die Teams, ihre Haltung zu präzisieren: Soll die Intervention provozieren, spielerisch irritieren oder tatsächlich neue Aufenthaltsformen ermöglichen? Die stärksten Arbeiten verbinden beides. Sie machen die soziale Gewalt einer alltäglichen Gestaltung lesbar, ohne bei einer symbolischen Geste stehen zu bleiben.
Vom Entwurf auf die Straße
Nach Orts- und Objektanalyse vertieften die Teams ihre Konzepte in Nutzungs- und Funktionsskizzen. Danach entschieden Materialität, Stabilität, Transport und Kosten darüber, ob aus einer Idee ein belastbarer Prototyp werden konnte. Die Studierenden bauten ihre Interventionen schließlich im Maßstab 1:1, erprobten sie am ausgewählten Ort und dokumentierten die Reaktionen vor Ort.
Gerade diese Erprobung unterscheidet die Projektarbeit von einer rein bildhaften Kritik. Eine Bank lässt sich nicht allein am Modell beurteilen: Erst wenn Menschen sie benutzen, zeigen sich Komfort, Zugänglichkeit und mögliche Konflikte. Gleichzeitig bleibt die Reichweite begrenzt. Ein temporäres Objekt beseitigt weder Wohnungslosigkeit noch die politischen Ursachen von Verdrängung.
Platz für eine anders gedachte Stadt
„PLATZ DA!“ fordert keine dekorativ freundlichere Stadtmöblierung. Die Lehrveranstaltung fragt grundsätzlicher, wem Straßen, Haltestellen und Plätze dienen sollen. Die Arbeiten zeigen: Gestaltung organisiert Verhalten und verteilt Rechte auf Aufenthalt. Indem sie defensive Elemente unterwandern, machen die Studierenden sichtbar, dass öffentlicher Raum nicht neutral ist – und dass schon eine Bank darüber entscheidet, wer bleiben darf.