SOS_Urban Heat: Temporäre Hitzeminderung im öffentlichen Raum
Extreme Temperaturen führen Städte in den Ausnahmezustand. Dabei ließen sich viele Risiken durch Planung mindern. Zwei Studentinnen zeigen in ihrer Abschlussarbeit, wie ein praxisnaher Leitfaden Kommunen dabei unterstützen kann, Hitze zu begegnen.
Mit unserer Masterarbeit "SOS_Urban Heat" haben wir am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur und öffentlichen Raum der TU München untersucht, wie temporäre Maßnahmen öffentliche Räume bei zunehmender Hitze kurzfristig entlasten können. Ende Juli 2026 stellten wir die Ergebnisse im Pavillon333 in München aus.
Hitze als räumliche Frage
Als Planerinnen erleben wir täglich die große zeitliche Lücke zwischen akuten Hitzeereignissen und dauerhaften Lösungen. Der Sommer 2026 mit seinen extremen Hitzewellen zeigte erneut, wie dringend wir handeln müssen. Öffentliche Räume bleiben an heißen Tagen zwar zugänglich, verlieren aber oft ihre Nutzbarkeit. Plätze ohne Schatten, aufgeheizte Wartebereiche und versiegelte Wege werden zu Orten körperlicher Belastung. Damit ist Hitze nicht allein ein klimatisches, sondern auch ein soziales Problem. Thermischer Komfort darf kein Privileg sein. Er ist eine Frage städtischer Daseinsvorsorge.
Entsiegelung, Baumpflanzungen und langfristige Stadtumbauten müssen die Grundlage städtischer Klimaanpassung bleiben. Ihre Planung und Umsetzung brauchen jedoch Zeit. Temporäre Maßnahmen können in dieser Übergangsphase kurzfristig entlasten, während langfristige Veränderungen noch ausstehen. Sie eröffnen zudem Handlungsspielräume, wo dauerhafte Eingriffe nur schwer oder gar nicht möglich sind.
Sammeln und bewerten
Für die Untersuchung entwickelten wir das SOS_Prinzip, das die Arbeit in die drei Schritte Situieren, Observieren und Spezifizieren gliedert. SOS steht bewusst als Notsignal für die Dringlichkeit, mit der Städte auf Hitze reagieren müssen. Zunächst schufen wir einen theoretischen Rahmen zu urbaner Hitze, thermischem Außenkomfort und öffentlichem Raum. Anschließend sammelten wir internationale Beispiele temporärer Hitzeminderung in einer eigenen Projektdatenbank mit über 100 Einträgen und untersuchten rund 40 Projekte vertieft.
Für die vergleichende Analyse entwickelten wir ein Quick- und Deep-Scoring, das Projekte nach den fünf Handlungskriterien klimatisch, temporär, sozial, räumlich und institutionell bewertet. So konnten wir die Projekte vergleichen und wiederkehrende Qualitäten und Defizite temporärer Maßnahmen sichtbar machen.
Temporär handeln
Unsere Untersuchung zeigt: Es gibt viele gute Ideen für temporäre Maßnahmen. Oft fehlt jedoch ein verlässlicher Rahmen für ihre wiederholte Umsetzung. Genehmigungswege, Zuständigkeiten und Verwaltungsroutinen sind vielerorts auf dauerhafte Eingriffe ausgelegt, nicht auf saisonale, reversible Maßnahmen. Temporäre Hitzeminderung ist damit nicht nur eine gestalterische, sondern auch eine institutionelle Aufgabe. Wer Kommunen zu kurzfristigem Handeln befähigen will, muss auch die organisatorischen Voraussetzungen schaffen.
Vom Fallbeispiel zur Praxis
Am Beispiel München untersuchten wir, welche temporären Maßnahmen zur Hitzeminderung bereits erprobt wurden und unter welchen institutionellen Bedingungen sie entstanden sind. Von der Wanderbaumallee über Parklets bis zu forschungsbasierten Reallaboren zeigt sich: Temporäres Handeln ist in München möglich. Ein nächster Schritt wäre, aus solchen Einzelprojekten eine verlässliche, saisonal wiederholbare kommunale Praxis zu entwickeln.
Aus den Erkenntnissen der Arbeit leiten sich Handlungsempfehlungen entlang der fünf Kriterien ab. Sie bieten keine fertigen Lösungen, jedoch beschreiben die Bedingungen, unter denen temporäre Hitzeminderung im öffentlichen Raum tragfähig wird.