Dem Lehm treu geblieben: Das Materialverständnis von Earthbound

Erst Architekturabsolventen, dann Materialforscher, jetzt Baustoffhersteller: Die Gründer von Earthbound setzen dort an, wo der Impact groß ist. Tragende Lehmziegel aus Baustellenaushub als Standardbaustoff zu etablieren, verstehen sie als ihre Mission.

Als sie 2023 ihren Masterabschluss in Architektur an der TU Berlin feierten, dachten sie vermutlich nicht daran, wenige Jahre später Baustoffhersteller zu sein. Dabei verlief für Christian Gäth und Micha Kretschmann der Weg dorthin recht geradlinig. Sie blieben ihrer Überzeugung treu, dass die Bauwende bei den Materialien beginnt. Ihr konkreter Beitrag: ein Lehmziegel. Daran forschten sie zunächst bei Bauhaus Erde, bevor sie den Schritt in die industrielle Serienproduktion wagten. 

#StudioUnderConstruction wirft einen Blick auf Entstehungsgeschichten, Projekte und Philosophien von Architekturbüros, die ihre Gründung innerhalb der letzten fünf Jahre vollzogen haben – oder mittendrin stecken. Eine Reihe von und für Newcomer*innen.

Erdgebunden

2025 gründeten Christian und Micha gemeinsam mit David Janotta das Unternehmen Earthbound, um tragende Lehmsteine und -mörtel zu herzustellen. Was ihre Produkte auszeichnet, sind die Beschaffung des Rohmaterials und der mechanische Herstellungsprozess. Der Lehm stammt aus lokalem Baustellenaushub. Die Ziegel werden ohne Bindemittel unter hohem Druck gepresst statt gebrannt und anschließend getrocknet. „Regional. Ungebrannt. Ohne Zement.“ gilt also für Earthbound als Materialspezifikation und Marketingslogan zugleich. 

Zur Produktreife führte ein mehrjähriger Forschungsprozess. Christian und Micha vertieften die Untersuchung aus ihrem Masterprojekt zunächst bei der Forschungsinstitution Bauhaus Erde. Als wissenschaftliche Mitarbeiter entwickelten sie die Lehmsteine weiter, erprobten die notwendige Produktions- und Verarbeitungskette und bauten ein Netzwerk von Partnern auf. Die inzwischen normgerechten Bauteile wurden experimentell bei zwei Projekten eingesetzt: im Holz-Lehm-Campus Berlin und im Pavillon ProtoPotsdam.

Forschungstransfer

Zwei Schlüsselmomente führten von der Forschung zur Serienproduktion. 2024 pressten Micha und Christian mit Studierenden 3.000 Lehmziegel in Handarbeit für den Forschungspavillon ProtoPotsdam. Kurz darauf erhielten sie konkrete Anfragen von Bauherr*innen und Planer*innen. Doch die experimentellen Bauteile reichten nicht aus, um die Nachfrage zu bedienen. Desweiteren erkannten sie auf einer Fachkonferenz, dass Innovationen, die in Forschungskreisen diskutiert werden, die Bauindustrie nur selten erreichen. „Wir wollten unseren Impact nicht in Zitierungen, sondern in CO₂-Einsparungen messen“, betonte Christian bei der Einweihung der Earthbound-Produktionsstätte im Mai 2026. Zu dem Zeitpunkt waren ihnen der Forschungstransfer und der Maßstabssprung bereits gelungen. Heute betreibt das Start-up seine Pilotanlage im Innovationsökosystem der Urban Tech Republic auf dem Gelände des stillgelegten Flughafens Berlin-Tegel. 

Vom Unikat zum 1-Euro-Stein

Die Gründungsidee fußt auf Daten: Allein in Berlin fallen pro Jahr rund 500.000 Kubikmeter Baustellenaushub an. Was meist als Abfall kostenpflichtig entsorgt werden muss, dient Earthbound somit als Rohstoff – und ist reichlich vorhanden. Die Herstellungsmethode stand, ebenso das Netzwerk. Ein Start-up braucht jedoch Kapital. Die Zeit, die früher in Forschungsanträge floss, ging nun in die Erstellung von Businessplänen. Christian und Micha stützten sich dabei auf die kaufmännische, strategische und baubranchenbezogene Expertise von David, dem dritten Gründer im Team. Über einen Businessplan-Wettbewerb sowie öffentliche Innovations- und Gründungsförderungen sicherten sie sich die Startfinanzierung. 

Der Skalierungsanspruch besteht darin, das heute noch aufwendig produzierte Pilotprodukt in den nächsten Jahren zu einem preislich wettbewerbsfähigen Mauerstein zu etablieren, der sich für jedes Bauvorhaben eignet. Denn ein Lehmziegelmauerwerk soll zum Standard werden, nicht nur einer Bauelite zugute kommen.

Allrounder in der Produktionshalle

Das aktuelle Team von Earthbound ist nun achtköpfig. Ihren Arbeitsalltag wickeln sie in der riesigen Produktionshalle, zwischen industriellen Maschinen und Bergen an Erde, ab. Micha und Christian beschäftigen sich derzeit mit der Entwicklung neuer Lehmbaustoffe, der Optimierung bestehender Produkte und dem Ausbau der Produktionskapazitäten. Sie beteiligen sich sogar an der Entwicklung der Maschinen selbst. Gleichzeitig beraten sie Bauherrschaften und Planende zum Einsatz der Lehmsteine und zu konstruktiven Details. 

Nur selten werden Architekturabsolvent*innen zu Baustoffherstellern. Micha und Christian sehen aber ihre Ausbildung als wichtige Grundlage für Earthbound. Denn sie denken vom Gebäude her – nicht vom Produkt. Ihr Anspruch sind ästhetisch hochwertige Lehmbaustoffe, die sich selbstverständlich in konventionelle Bauprozesse einfügen und die Bauwende dort voranbringen, wo sie beginnt: beim Material.