55 Meter Ordnung für einen Raum ohne Grenze: Die Re-Wall
Re-Wall organisiert Ausstellungen mit einem zirkulären System – ein räumliches Gerüst, das sich immer wieder neu bespielen lässt.
Ausstellungen kommen und gehen – ihre Architektur meist auch. Mit Re-Wall entwarfen Studierende der Universidade Autónoma de Lisboa eine Infrastruktur, die genau diesen Ablauf durchbricht. Für das Centro de Arte Moderna der Calouste Gulbenkian Foundation (CAM) in Lissabon entstand unter der Leitung von João Quintela und Marta Sequeira im Sommer 2025 eine Ausstellungsstruktur, die nicht für eine einzige Schau gedacht ist. Drei Jahre lang soll sie unterschiedliche Formate aufnehmen und sich immer wieder neu konfigurieren lassen.
Das Projekt – ein Design-Build-Studio der Fakultät – verbindet Entwurf, Konstruktion und Nutzung zu einem System, das sowohl Ressourcen spart als auch kuratorische Flexibilität ermöglicht. Damit reagiert Re-Wall auf ein Grundproblem vieler Ausstellungsarchitekturen: ihren kurzen Lebenszyklus.
Ein Raum ohne feste Grenze
Der Eingriff setzt in einem Raum an, der sich der klaren Ordnung entzieht. Der Engawa im CAM, geprägt durch den Umbau von Kengo Kuma, funktioniert als Schwellenraum zwischen Gebäude und Garten. Im japanischen Wohnbau bezeichnet der Engawa traditionell einen Übergangsbereich zwischen innen und außen. Wege kreuzen sich, Blickachsen bleiben offen, Innen- und Außenbereich greifen ineinander. Gerade deshalb lässt sich der Raum nur schwer bespielen. Wie gibt man also solchem Raum eine Struktur, ohne ihn zu fixieren?
Ein Gerüst für wechselnde Räume
Re-Wall antwortet mit einer Infrastruktur statt einer Installation. Über 55 Meter zieht sich ein lineares Rückgrat durch den Engawa. Säulen im Raster von 2,40 Metern definieren den Takt, horizontale Träger stabilisieren die Konstruktion. Daran befestigten die Studierenden bewegliche Wandpaneele. Die Elemente lassen sich verschieben, drehen oder vollständig entfernen. So entstehen wechselnde Raumsituationen: offene Passagen, gefasste Kabinette oder gezielte Sichtachsen – ohne die Grundstruktur umzubauen. Die Architektur bleibt damit permanent unfertig und kann auf neue kuratorische Anforderungen reagieren.
Prototyp, Produktion, Montage
Das Material für die Re-Wall stammt aus zwei Quellen: Bauindustrieüberschüsse des portugiesischen Bau- und Ingenieurkonzerns DST Group und Reste früherer CAM-Ausstellungen. Kiefernbalken, Verbundplatten, Stahlrahmen und Winkelverbinder bestimmen die Konstruktion. Auch die Fügung folgt dieser Logik. Die Beteiligten verschraubten alle Elemente, statt sie zu verkleben. Bauteile lassen sich lösen, versetzen und erneut verwenden. Selbst Tische und Sitzmöbel entstehen aus diesem System heraus.
Wie belastbar das System ist, zeigte der Bauprozess. Die Studierenden testeten die Struktur zunächst als 1:1-Prototyp bei der DST Group in Braga. Erst danach fertigten sie die einzelnen Elemente passgenau vor. Der Aufbau im CAM dauerte schließlich nur zweieinhalb Tage. Ein Team aus 28 Studierenden und Lehrenden montierte die Konstruktion vor Ort.
Struktur mit Zukunft
Seit Oktober 2025 trägt Re-Wall wechselnde Ausstellungen im Engawa im CAM. Der Raum wirkt dabei nicht abgeschlossen – eher wie eine Serie von kurzen Setzungen entlang einer offenen Bewegung zwischen Garten und Gebäude. Was bleibt, ist ein Zustand, der sich immer wieder neu konfigurieren lässt.