Die Straße als Bestand: Studio Lost Highway

350 Studierende denken Österreichs meistbefahrene Straße neu – und bauen auf dem Bestand auf.

180.000 Fahrzeuge rollen täglich über die Wiener Südosttangente A23. Die meistbefahrene Straße Österreichs zerschneidet auf rund 17 Kilometern Wohngebiete, Gewerbeareale und Grünräume. Im Wintersemester 2025/26 untersuchten mehr als 350 Studierende der TU Wien diese Infrastruktur. Im Studio „Habitat A23 – Lost Highway“ entwickelten sie unter der Leitung von Prof. Dietmar Feichtinger und Laurenz Steixner Zukunftsbilder für das Jahr 2050. Ihre zentrale Frage: Was passiert mit einer Stadtautobahn, wenn keine Autos mehr über sie fahren?

Die Autobahn als Rohbau

Im Horrorklassiker Lost Highway von David Lynch ist die Straße ein Ort der Transformation. Identitäten verschieben sich, Gewissheiten lösen sich auf, Bekanntes wird fremd. Im Studio der TU Wien verliert dagegen die Autobahn ihre ursprüngliche Funktion. Die A23 soll nicht länger Tausende Fahrzeuge durch die Stadt leiten. Stattdessen ziehen Werkstätten, Bibliotheken und Wohnräume auf die bestehende Infrastruktur.

Dafür untersuchten die Studierenden acht Abschnitte der A23. Sie kartierten Hitzeinseln unter Brücken, analysierten versiegelte Restflächen zwischen Auf- und Abfahrten und untersuchten die Luftströmungen entlang der Trasse. Aus diesen Analysen entwickelten sie Programme, die auf die jeweiligen Orte reagieren. Die Tragstruktur blieb dabei stets der Ausgangspunkt: Fahrbahnen, Brücken und Hochstraßen tragen, was als Nächstes entsteht. 

Nutzungen nach dem Verkehr

Die Projekte unterscheiden sich deutlich in ihren Programmen: Obwohl alle Teams auf derselben Infrastruktur aufbauen, entwerfen sie sehr unterschiedliche Zukunftsbilder. Die einen schaffen Wohnraum, die anderen Orte für politische Debatten. Wieder andere nutzen die Trasse als Produktionsstandort. 

Michelle Muhr, Maximilian Beck und Paul Ritter schlagen mit ihrem Projekt Habitat A23 eine schrittweise Stadterweiterung vor. Großmaßstäbliche Stahlrahmen überspannen die bestehende Infrastruktur und verbinden das Niveau der ehemaligen Autobahn mit den angrenzenden Quartieren. Die Tragstruktur der A23 dient als Unterbau eines Systems, das sich entlang weiterer Abschnitte fortsetzen lässt. 

Stefan Guttmann, Jonas Mayr und Moritz Moser wählen mit Agora23 einen anderen Ansatz. Sie verankern politische Bildung und öffentliche Debatten auf der ehemaligen Verkehrsachse. Drei Türme tragen eine große Veranstaltungshalle, Werkstätten, Labore und Bibliotheken ergänzen das Programm. Gleichzeitig integrieren die Studierenden ein Energiekonzept: Die Bausubstanz speichert Wärme, ein aufgegebenes Parkhaus dient als Energiespeicher. 

Die Straße als Bestand

Das Studio setzt nicht beim Rückbau der Stadtautobahn an, sondern beim Weiterverwenden von Fahrbahn und Brücken als Bauwerk. Es liest die A23 als Bestand – als große, bereits gebaute Struktur, die neue Nutzungen aufnehmen kann. Deshalb reicht die Debatte auch über Wien hinaus. Die A23 erfüllt für Wien dieselbe Funktion wie die A100 für Berlin: Beide Straßen zählen zu den wichtigsten Verkehrsachsen ihrer Stadt und schneiden dicht bebaute Quartiere. Während in Berlin über den weiteren Ausbau der A100 gestritten wird, richtet das Studio den Blick auf eine andere Frage: Wie viel Stadt steckt bereits in der Autobahn?