Dem Fluss folgen: Neugestaltung des Spinnereigeländes in Ettlingen

In Ettlingen wird Wasser zum Ausgangspunkt für die Transformation eines ehemaligen Industrieareals.

In Ettlingen wechselte die Alb ihre Rolle bereits mehrfach. Einst trieb der kleine Fluss die Maschinen der Textilindustrie an. Heute verdrängen versiegelte Flächen und gewerbliche Nutzungen den Fluss weitgehend aus dem Stadtraum. Damit steht Ettlingen vor einer neuen Herausforderung: Hochwasserschutz und Regenwassermanagement müssen wieder Teil der Quartiersplanung werden. 

Das Masterstudio „Blue-Green Transformation – Reimagining the Spinning Mill Area in Ettlingen“ am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) nimmt sich dieser Aufgabe am ehemaligen Spinnereigelände im Osten der Stadt an. 24 Architekturstudierende entwickelten im Sommersemester 2025 unter der Leitung von Prof. Barbara Engel und Prof. Mário Franca wassersensible Konzepte für das rund 55 Hektar große Areal.

Wasser braucht Raum im Quartier

Die Alb ist in Ettlingen nicht verschwunden. Sie ist nur schwer zugänglich und räumlich kaum sichtbar. Darin liegt auch das Problem: Wo der Fluss im Stadtraum keine erkennbare Rolle spielt, wird Hochwasser schnell zur technischen Herausforderung, die Schutzbauwerke lösen sollen. Die Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 hat gezeigt, wie schnell diese Logik an ihre Grenzen gelangt. Die Alb ist kleiner – die planerische Konsequenz bleibt dieselbe: Wasser muss im Quartier mitgedacht werden, bevor Gebäude und Nutzungen ihren Platz bekommen.

Der Fluss als öffentlicher Raum

Der Entwurf „Roter Faden“ von Elena Jaworski und Lilith Wagner macht diesen Ansatz besonders greifbar. Ein neuer Weg folgt der Alb und verbindet die Teilbereiche des Areals. Rote Markierungen, wiederkehrende Beleuchtung und Stadtmöbel führen ihn vom Quartier bis in den Wald. Entlang dieses Weges holen Flussaufweitungen, Versickerungsflächen und naturnahe Ufer den Hochwasserschutz in den Alltag des Quartiers. Er führt zur ehemaligen Bleicherei, die Jaworski und Wagner in ein Kulturzentrum umwandeln, und weiter zu einer Promenade mit Sitzstufen am Wasser. Im Osten liegen 132 Wohneinheiten. Die V-förmig versetzten Gebäude schirmen die Straße im Norden ab und öffnen sich zur Alb.

Die Alb als Netz, Kreislauf und Korridor

Die Entwürfe geben der Alb mehrere räumliche Funktionen. In „Slopes and Streams“ denken Alisa Erhart und Ignaz Mink Wasser, Grünräume und Mobilität als zusammenhängendes System. „Airís Alba“ von Victor Kuebart und Maira Stützel rückt dagegen den Wasserkreislauf selbst in den Stadtraum: Reinigungsbiotope und vertikale Zisternen machen die Wasserinfrastruktur sichtbar. Andere Arbeiten führen die Alb über autofreie Landschaftsräume weiter oder nutzen das ehemalige Spinnereigelände als Reallabor für neue Beziehungen zwischen Stadt und Landschaft. Der Fluss bleibt damit nicht auf sein Bett beschränkt. Er verbindet Quartiere, prägt Freiräume und beeinflusst, wie Wohnen und Arbeiten am Wasser angeordnet werden.

Die Entwürfe unterscheiden sich, doch eines eint sie: Der Wasserraum steht immer am Anfang ihrer städtebaulichen Planung. Sie schaffen Raum für den Fluss und verknüpfen ihn mit neuen Wegen, Wohnräumen sowie Kultur- und Gewerbenutzungen.

Architektur beginnt beim Wasser

In Ettlingen beginnt der Entwurf am Fluss. Die Studierenden ordnen das Quartier entlang der Alb – und geben dem Fluss damit die Rolle zurück, die er an diesem Ort schon einmal bekleidete: Er bestimmt, wie die Stadt gebaut wird.

Dieser Ansatz steht im Zusammenhang mit einer größeren Veränderung in der Planung. Städte versuchen zunehmend, Flüssen wieder Bewegungsräume zu geben, statt Wasser ausschließlich durch technische Anlagen zurückzuhalten. Für Architekt*innen bedeutet das, auch zu hinterfragen: Wo läuft das Wasser? - bevor das erste Gebäude geplant wird.