Weiterbauen mit Autobahnbrücken: Das Forschungsprojekt "Unbuilding Bridges"
Obsolete Spannbetonbrücken werden zerlegt und verwertet – dabei gehen alle konstruktiven Eigenschaften verloren. Forschende und Studierende untersuchen, ob Brückenträger als ganze Bauteile in der Architektur weiterleben können.
Zerkleinert, getrennt, wiederverwertet: So endet derzeit fast jede Autobahnbrücke, die ersetzt werden muss. Rund 4.000 Bauwerke im deutschen Fernstraßennetz gelten als prioritär modernisierungsbedürftig – gebaut zwischen 1960 und 1985 für geringere Verkehrslasten als heute, nach 50 bis 70 Jahren am Ende ihrer Lebensdauer. Die Recyclingquoten beim Abbruch sind hoch, die Prozesse wirtschaftlich eingespielt. Doch mit der stofflichen Verwertung verschwinden Tragfähigkeit, Geometrie und Vorspannung unwiederbringlich.
Das Forschungsprojekt „Unbuilding Bridges“ am Institut für Raumkonzeptionen und Grundlagen des Entwerfens (IRGE) der Universität Stuttgart stellt diese Routine infrage. Unter Leitung von Prof. Adrien Verschuere untersucht das Team seit dem Wintersemester 2025/26, ob sich Spannbetonelemente obsolet gewordener Brücken kontrolliert zurückbauen und in architektonischen Entwürfen wiederverwenden lassen. Den Ausgangspunkt bilden reale Brücken an der A6, die wegen des geplanten sechsspurigen Ausbaus abgerissen werden müssen. Erste Ergebnisse präsentierte eine Ausstellung im Wechselraum Stuttgart im Juni 2026.
Überdimensioniert für die Straße, passend für den Hochbau
Rund 70 Prozent der Fernstraßenbrücken bestehen aus Spannbeton. Ihre Querschnitte und Spannweiten – häufig 25 bis 40 Meter pro Feld – wurden für extreme Verkehrslasten dimensioniert. Im Hochbau fallen die Anforderungen deutlich geringer aus. Genau darin liegt das Argument: Was für die Autobahn nicht mehr reicht, könnte für ein Gebäude mehr als genug sein. Doch der Weg vom Brückenfeld zum Bauteil ist technisch anspruchsvoll. Seil- und Wandsägen zerlegen bereits heute Brücken in transportfähige Segmente. Entscheidend ist, wo die Schnitte erfolgen: Zu wenige erzeugen Elemente, die hunderte Tonnen wiegen und kaum bewegt werden können. Zu viele Schnitte zerstören genau jene Vorspannung, die erhalten bleiben soll.
Das Projekt zeigt, dass der Erhalt der Vorspannkraft vom Verpresszustand der Spannglieder und der Wahl der Schnittbereiche abhängt. Sind Mörtel und Verbund intakt, bleibt ein wesentlicher Teil der Vorspannung auch nach dem Trennen wirksam. Wiederverwendung wird damit zur Aufgabe präziser Planung – nicht grundsätzlicher Machbarkeit.
Vom Rückbauszenario zum Bausystem
Im Wintersemester analysierten Studierende sechs Brücken entlang der A6. Für jede entwickelten sie im Austausch mit Brückenbauingenieur*innen, Materialprüfer*innen, Recycler*innen und Sägehersteller*innen ein Rückbauszenario und setzten mit den erhaltenen Bauteilen Entwürfe um.
Im Sommersemester konzentrierte sich das Seminar auf eine 1972 errichtete Spannbetonbrücke, deren Bauweise exemplarisch für den Bestand dieser Epoche ist. Die Studierenden erarbeiteten drei Varianten, wie sich die gewonnenen Elemente zu neuen Bausystemen fügen lassen, und bauten Betonmodelle im Maßstab 1:20. Diese lieferten den Ausgangspunkt für die Ausstellung. Dort zeigte das Projekt bewusst noch keine fertigen Gebäude – sondern Kombinationen und Systeme, bevor Fassade, Programm und Standort die Auseinandersetzung erweitern. Im nächsten Schritt sollen die drei Varianten im Entwurfsstudio zu Typologien weiterentwickelt werden.
Normen, Schadstoffe, fehlender Markt
Die größte Hürde liegt nicht in der Technik. Für gebrauchte tragende Betonelemente fehlen Standards, Zulassungsverfahren und ein funktionierender Markt. Ohne Nachfrage lohnt sich keine Lagerung, ohne verfügbare Bauteile entsteht keine Nachfrage. Hinzu kommt der pauschale Asbestverdacht für Brücken vor November 1993: Nach geltendem Recht ist jede Wiederverwendung asbesthaltiger Bauteile ausgeschlossen, obwohl das kontrollierte Sägen weniger lungengängige Faserstäube freisetzen dürfte als die vorgeschriebene mechanische Zerkleinerung. Auch Lagerung bindet Fläche, kostet Geld und birgt Schadensrisiken.
Das Projekt löst dieses noch Dilemma nicht, veranschaulicht jedoch das Thema und verschiebt vor allem die Perspektive: Ehemalige Brückenträger sind nicht nur Abfall mit hoher Recyclingquote, sondern ein Ensemble aus Tragfähigkeit, Geometrie und materieller Geschichte – Eigenschaften, die beim Zerkleinern verschwinden und die kein Recyclingprozess zurückbringt.