Muskelhypothek statt Luxussanierung: Wie Team Dis+Ko Selbstbau zur Methode macht
Acht Planer*innen aus Berlin gründen eine Genossenschaft – nicht, um Häuser zu besitzen, sondern um anders zu arbeiten. Mit angeleiteten Selbstbausanierungen schaffen sie günstigen Wohnraum und hinterfragen, wer in der Planungsbranche eigentlich abgesichert ist.
Eine leerstehende Wohnung in Berlin-Wedding, stark sanierungsbedürftig: keine Dusche, keine Heizung, marode Substanz. Die herkömmliche Sanierung wäre teuer – und die Miete danach entsprechend hoch. Team Dis+Ko wählt einen anderen Weg: Zwei Auszubildende richten die Wohnung unter Anleitung des Teams selbst her, bauen Trockenbauwände, streichen, verlegen Böden. Fachfirmen übernehmen Elektrik und Heizungseinbau. Die Kosten blieben im Rahmen des Voranschlags, die Mieter*innen, die am 1. Juni 2026 die Wohnung bezogen, wohnen günstiger.
Ihre Arbeit wirkt quasi als Muskelhypothek. Der Name des Teams steht für Diskurs und Kooperation – und genau darin liegt die Methode.
#StudioUnderConstruction blickt auf Entstehungsgeschichten, Projekte und Philosophien von Architekturbüros, die ihre Gründung innerhalb der letzten fünf Jahre vollzogen haben – oder mittendrin stecken. Eine Reihe von und für Newcomer*innen.
Vom Entwurfssemester zur Genossenschaft
Binta von Rönn, Flavia-Ioana Biianu, Julian Mönig, Lisa-Marie Kolbinger, Lisa Reis, Nina Wester, Samuel Reichl und Sina Jansen arbeiten seit 2018 im Kollektiv zusammen. Kennengelernt haben sie sich im Masterstudium, zunächst in einem Entwurfssemester, dann über eine gemeinsame Masterarbeit zur Zukunft der Friedhofslandschaft am Jacobi-Friedhof an der TU Berlin. Ihre Disziplinen – Architektur, Landschaftsarchitektur, Städtebau und Gestaltung – brachten von Beginn an unterschiedliche Perspektiven in die Projekte. Aus der Abschlussarbeit wuchs eine kollektive Praxis: gemeinwohlorientierte Projekte, Bauen im Bestand, Umnutzungen mit vorhandenen Ressourcen. Fünf Jahre arbeiteten sie freiberuflich in wechselnden Konstellationen, bis sie Anfang 2025 eine eingetragene Planungsgenossenschaft gründeten.
Die Rechtsform war keine spontane Entscheidung. Flavia und Julian schrieben zahlreiche Büros an, deren Arbeitsweise sie interessierte, um zu verstehen, wie andere ihre Strukturen organisieren. Die Erkenntnisse waren teils ernüchternd: Im Studium fehlte das Thema Büroorganisation fast vollständig, obwohl Selbstständigkeit als Ziel suggeriert wird. Die Genossenschaft sichert nun, was in der Freiberuflichkeit fehlt: Sozialversicherung, Krankenversicherung, flexible Arbeitsverträge pro Projekt. Wer mehr Kapazität für Dis+Ko hat, wird stärker eingebunden; wer parallel an der Uni lehrt, arbeitet mit reduziertem Anteil. „Uns war wichtig, dass es nicht nur eine Absichtserklärung in guten Zeiten ist, sondern wirklich unantastbar ist“, sagt Sina.
Bleibe 1.0 und 2.0: Eine Methode entsteht
Kern ihrer derzeitigen Praxis ist die Zusammenarbeit mit der gemeinnützigen Gesellschaft GSE und den Prinzessinnengärten. Aus der Kooperation mit der GSE entstand das Modell „Bleibe“: Leerstehende Wohnungen werden an junge Menschen in Ausbildung vergeben, die sie unter Anleitung von Dis+Ko selbst sanieren. Prämisse: Das Ergebnis muss besser sein als eine herkömmliche Sanierung – wiederverwendete Materialien, keine minderwertigen Einbauten, kreislaufgerechte Bauweise. Die Bewohner*innen erarbeiten sich durch den Selbstbau günstigere Mieten und eignen sich handwerkliches Wissen an, das dem langfristigen Erhalt der Wohnung dient. Die Wohnberechtigung ist an den Ausbildungszeitraum gekoppelt – danach wird die Wohnung der nächsten Bedarfsgruppe übergeben.
Bei Bleibe 1.0 sanierten drei Architekturstudierende eine Erdgeschosswohnung und übernahmen anschließend eine Hausmeisterrolle im Haus. Bleibe 2.0 stellte das Team vor neue Fragen: Die beiden Auszubildenden – ein Veranstaltungstechniker und eine Medienkauffrau, Anfang 20 – brachten kaum Bauerfahrung mit und arbeiteten abends nach vollen Arbeitstagen. Der Rhythmus war langsamer, der Sanierungsumfang größer. „Was kann man selber machen und wo sollte man lieber die Finger von lassen – dass das unsere Aufgabe wird, darüber zu entscheiden, war uns am Anfang nicht klar“, sagt Nina. Dis+Ko passte Anleitung, Zeitplanung und Leistungsumfang an – und entwickelte so schrittweise eine übertragbare Methode.
Struktur als Entwurfsaufgabe
Wohnungen positiv zweckzubinden – also nicht für Profitmaximierung, sondern für Bedarfsgruppen zu sichern – ist rechtlich kaum geregelt. Dis+Ko musste gemeinsam mit der GSE eigene Rahmen schaffen: Mietverträge mit Übergangsphasen, Schnittstellen zwischen Selbstbau und Fachgewerken, Konzepte für Baustelleninfrastruktur. Die klassische Planer*innenrolle reicht dafür nicht aus. Sie wird ergänzt um Wissensvermittlung, Prozessgestaltung und die Frage, wem eine Sanierung eigentlich dienen soll.