Ein Gebäude, viele Gesichter: Marbrerie 13 in Genf

Für die Marbrerie 13 in Genf haben Studierende einzeln entworfen und gemeinsam gebaut. Ein 1:20-Modell zeigt, wie viele Ideen in einem Bestand Platz finden.

Im Genfer Entwicklungsgebiet Praille-Acacias-Vernet (PAV) stehen viele Gebäude mit industrieller Vergangenheit. Sie sollen komplett abgerissen werden und Platz für ein neues Viertel machen: PAV soll zum neuen Herzen von Genf werden. 

Das Studio Fagart & Fontana an der Haute école d'art et de design (HEAD Genève) beschäftigt sich seit 2024 mit dem Erhalt der Bestandsgebäude im PAV: jedes Semester ein neues Gebäude, immer mit derselben Strategie – den Bestand erhalten, ihm neues Leben einhauchen und so eine Alternative zum Abriss aufzeigen. Im Frühjahrssemester 2026 untersuchten Studierende das Gebäude Marbrerie 13. Dafür bauten sie gemeinsam ein Modell im Maßstab 1:20 und testeten, wie sich Wohnen, Arbeiten und Gemeinschaft in einem Gebäude unterbringen lassen.

Stahlbeton und freie Grundrisse

Marbrerie 13 ist ein Gebäude aus den frühen 1960er-Jahren. Ursprünglich diente es als Buchbinderei, später nutzte es das Konkursamt des Kantons Genf. Das Gebäude wurde verkauft und war zum Abriss vorgesehen. Doch weil die Baugenehmigung für die geplanten genossenschaftlichen Wohnhochhäuser bislang ausbleibt, kann die Genfer Genossenschaft Ressources Urbaines die Räume zwischenzeitlich für Künstler*innen und Vereine nutzen. Die Konstruktion bietet beste Bedingungen dafür: Die Tragstruktur aus Stahlbeton liegt außen, die Fassade trägt nicht. Die Innenräume haben große Spannweiten, vier Meter Geschosshöhe und, dank großzügiger Verglasung, viel Licht.

Das Projekt im Projekt

Wie geht man solch ein Gebäude an? Die Antwort: im Modell. Jede*r Studierende entwarf einen Bereich – mit eigenen Ideen zu Material und Nutzung. Am Ende mussten alle Einzelentwürfe maßstabsgetreu ineinandergreifen und ein stimmiges Modell im Maßstab 1:20 ergeben. Das verlangte von Anfang an Absprachen: Wo trifft ein Bereich auf den nächsten? Wie schließen Ebenen und Wände aneinander an? Wie bleibt das Gebäude trotz zwölf unterschiedlicher Handschriften als Ganzes lesbar? Untergeschoss und Dachgeschoss widmeten die Studierenden Gemeinschaftsräumen und Aktivitätsbereichen, das Erdgeschoss – leicht über dem öffentlichen Raum gelegen – sowohl Gemeinschafts- als auch Wohnräumen. Die Aktivitätsräume öffneten sie für die Bewohner*innen des Gebäudes ebenso wie für das umliegende Stadtviertel.

Besonders am fertigen Modell: Es lässt sich auseinandernehmen und von innen betrachten. So lassen sich die verschiedenen Ansätze der Studierenden direkt vergleichen. 

Ein Spektrum an Möglichkeiten

Das gemeinsame Modell bündelt die unterschiedlichen Entwürfe zu einem Gebäude, das nicht eine eindeutige Identität hat, sondern viele. Es demonstriert die Vielfalt der Potenziale dieses Bestands. Dass eine Umnutzung tatsächlich funktioniert, zeigt bereits die Zwischennutzung durch Künstler*innen und Vereine. Nun braucht es nur noch Engagement der Verantwortlichen, um eine dauerhafte Umnutzung möglich zu machen – und mit dem Modell hat man bereits eine konkrete Vorstellung davon, wie lebendig das aussehen könnte.