Gebäude erhalten, Lehre neu denken: So war der Nachwuchsarchitekt:innentag 2026

Rund 300 Teilnehmende kamen am 23. Oktober zum dritten Mal beim Nachwuchsarchitekt:innentag zusammen, diesmal am KIT in Karlsruhe. Am Ende standen fünf abgestimmte Thesen und ein deutliches Signal: Lehre und Berufsbild müssen sich verändern.

Wie verändert sich der Architekturberuf, und was muss die Lehre daraus ableiten? Beim diesjährigen Nachwuchsarchitekt:innentag (NAT:26) fielen die Antworten auffallend ähnlich aus: In den Runden herrschte ein gemeinsames Verständnis und der Wille, etwas zu verändern. Teilnehmende aus ganz Deutschland kamen an die Fakultät für Architektur des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), um ihre Praxis über Generationen hinweg zu hinterfragen und gerechtere und nachhaltigere Ziele zu formulieren. BauNetz CAMPUS war vor Ort und fasst einen dichten Tag zusammen.

Viele Studierende, wenige Lehrende

Mit etwa 300 Teilnehmenden blieb die Anzahl im Vergleich zur vergangenen Edition gleich. Rund 130 von ihnen, also knapp die Hälfte, studierten. Gut ein Viertel stand am Anfang des Berufslebens. Den Rest machten Lehrende und Kammervertreter*innen aus, wobei die Lehrenden dieses Jahr deutlich in der Minderheit waren.

Zehn Workshops zur Zukunft der Architekturpraxis

Zehn Workshops griffen auf, was Studierende, Planende und Kammern gleichermaßen umtreibt: Wie verändert die Digitalisierung die Praxis? Welche Kompetenzen muss das Studium vermitteln? Welche Ansprüche gelten an Arbeit und Vergütung? Vormittags gab es Inputs, nachmittags Gesprächsrunden – daraus entstanden anschließend die Thesen. 

Schon die Zwischenbilanz zeigte: Gegenpole blieben die Ausnahme, die meisten waren sich einig. Das liegt nahe, denn die Runden saßen im selben Boot. Wer studiert, kennt die starren Stundenpläne, die ungewisse Vergütung und den Druck, sich in einem unsicheren Umfeld zu behaupten. Die Seite, die vom Status quo profitiert, etwa Büroinhaber*innen als Arbeitgeber, war kaum vertreten.

Was der Architekturlehre fehlt

Im Workshop zur Transformation der Lehre ging es um eine grundlegende Frage: Was macht Architekt*innen eigentlich aus? Eine eindeutige Antwort fand die Runde nicht. Sie müssen vieles zugleich sein: Entwerfende, Koordinierende und Vermittler*innen. Diese Vielseitigkeit erschwert es, das Berufsbild auf konkrete Fähigkeiten herunterzubrechen.

Auch die Ausbildung stand in der Kritik: Die Kammern geben Studienpläne vor, damit die Studiengänge kammerfähig bleiben. Für eigene Schwerpunkte bleibt kaum Platz. So will man die perfekten Berufseinsteiger*innen ausbilden und scheitert an der Unflexibilität, während Praxis und Lehre auseinanderdriften. Die Teilnehmenden wünschten sich dagegen ein Studium, das Fähigkeiten vor Wissen stellt. 

Deutlich wurde das beim Thema Vermittlung: Hochschulen trainieren Studierende darin, ihre Entwürfe zu präsentieren und sich zu verkaufen. Wie sie zwischen den Gewerken vermitteln, unterschiedliche Interessen zusammenbringen und mit Bauherr*innen kommunizieren, kommt dagegen offenbar zu kurz.

Was uns am dringlichsten beschäftigt

Im Anschluss stimmten die Teilnehmenden über die fünf dringlichsten Kernthesen ab:

  • Höchstes Kredo: Gebäude sind zu erhalten.
  • Kammern müssen gesellschaftlich relevanter werden.
  • Planungsprozesse sollen interdisziplinärer und experimenteller werden.
  • Wohnen darf nicht mehr als Spekulation verstanden werden.
  • Es braucht echte Standards: Gehälter, Mentoring in der Einstiegsphase, Kostenübernahme und Freistellung für Fortbildungen.

Im Abschlussplenum wurde diskutiert, wie es nach der dritten Ausgabe weitergeht. Die Antwort: Jetzt aktiv werden und ins Handeln kommen. Aber man weiß auch um die eigene Bubble und will die Forderungen aus ihr heraustragen.

Samstag: Ein Einblick in die Selbstständigkeit

Zum Ausklang am Samstag standen Führungen am KIT und durch verschiedene Architekturbüros auf dem Programm. Bei Curious About gab Gründer Florian Bengert Einblicke in den Weg zur Selbstständigkeit. Als er fragte, wer sich vorstellen könne, später ein eigenes Büro zu führen, reagierte die Runde mit zurückhaltendem Schweigen. Das überrascht kaum: In der aktuellen Krise ist ohnehin vieles unsicher, und wer jetzt gründet, stürzt sich in eine zusätzliche Unsicherheit. Hinzu kommt, dass die Gründungsberatung der Kammern wohl oft oberflächlich bleibt. Im Alltag stellen sich konkrete Fragen, bei denen niemand hilft: Wie setzt man einen Partnerschaftsvertrag auf? Wie schreibt man Rechnungen? Und was bedeutet es, sich für seine Arbeit fair bezahlen zu lassen? Bengert rät deshalb: Wer gründen will, sollte sich im Bekanntenkreis umhören und Selbstständige fragen, die den Schritt schon gegangen sind.

Ein Anfang ist gemacht

Immerhin: Ab sofort ist der Kammer Guide online. Er begleitet vom Studium über die Berufspraxis bis zur Kammereintragung und erklärt Eintragungsvoraussetzungen, Praxiszeiten, Fortbildungen sowie Rechte und Pflichten der Mitgliedschaft. Das geht in die richtige Richtung. Die Thesen des Tages zeigten, was als Nächstes folgen müsste: bessere Standards für den Einstieg und die Beratung, die im Alltag der Gründung hilft.