Design als Antwort: Die Ausstellung „Make It Make Sense“
Statt an der Oberfläche zu bleiben, graben sich 71 Abschlussarbeiten tiefer in die Dinge und Systeme unseres Alltags. Die Ausstellung „Make It Make Sense“ zeigt, wie Design helfen kann, die Widersprüche einer komplexen Welt lesbar zu machen.
„Make It Make Sense“ – ein Ausruf, den viele von uns beim Scrollen durch Social Media oder beim Versinken in einem Rabbit Hole zumindest schon innerlich von sich gegeben haben. Immer dann, wenn Erklärungen nicht greifen, Widersprüche sichtbar werden oder schlicht der Kontext fehlt, um eine Situation einzuordnen.
Die bundesweite Initiative German Design Graduates hat in Kooperation mit dem Museum Die Neue Sammlung – The Design Museum 71 Abschlussarbeiten aus 28 Hochschulen ausgewählt, die sich solchen Fragen aus Perspektiven des Produkt- und Industriedesigns, des Kommunikations- und Digitaldesigns sowie des Textil- und Modedesigns nähern. Die Studierendenentwürfe sind vom 16. Oktober bis zum 29. November in der Münchner Pinakothek der Moderne zu sehen.
Neue Rahmenbedingungen, neues Design?
Informationen sind oft nur einen Klick entfernt, dadurch aber nicht unbedingt verständlicher. Hinter vertrauten Alltagsgegenständen stehen verzweigte Produktions- und Lieferketten und neue Technologien schaffen neben Freiheiten auch Abhängigkeiten. Hier setzt die Ausstellung an: Die Abschlussarbeiten fragen nicht allein nach Form und Funktion, sondern erkunden die Bedingungen dahinter. Wer legt fest, was als Standard gilt? Welche Zusammenhänge bleiben unsichtbar? Für wen schafft Gestaltung Zugang und für wen nicht?
Vier Perspektiven auf Gestaltung
Statt die 71 Arbeiten nach Studiengängen zu sortieren, gliedert die Ausstellung sie in vier Bereiche.
- „Design stärkt“ fragt nach Teilhabe und Selbstbestimmung. Imani Fee Hallein und Mara Timea Kossira entwickeln in „Angepisst vom Warten?“ ein mobiles Urinal für menstruierende FLINTA*-Personen und reagieren damit auf ungleiche Wartezeiten an öffentlichen Toiletten. Samuel Goudefroys „Astro“ setzt an einer anderen Alltagserfahrung an: Das modulare Gerät trennt Funktionen wie Telefonieren, Fotografieren und Navigieren von der ständigen Ablenkung durch das Smartphone.
- In „Design experimentiert“ geht es um Materialien, Werkzeuge und Verfahren. Max Popp entwickelte mit „Vom Ankerloch zum Ankerpunkt“ einen Dübel für vorhandene Schalungsankerlöcher in Sichtbeton. Mit den modularen Möbeln „To Brick or Not to Brick“ entwarf Caspar Fischer ein System, das sich über ein Steckprinzip verbinden und neu konfigurieren lässt.
- Der Bereich „Design ordnet“ widmet sich dem Sichtbarmachen von Komplexität, die unserer Wahrnehmung sonst entgeht. Catherina Stuckmann untersucht beispielsweise in „Reclaiming Matter“, wie Reststoffe aus der Zuckerindustrie und dem Natursteinabbau zu einem regional produzierbaren Baustoff werden können. Jens Riesenbergs „Hades“ erfasst Höhlen per laserbasierter 3D-Vermessung und überführt die Daten in ein digitales Forschungsarchiv.
- „Design erhält“ richtet den Blick schließlich auf die Wechselwirkungen von belasteten Ressourcen, Ökosystemen und Infrastrukturen sowie der zeitgenössischen Gestaltung. Freia Antonia Weiss’ textiles Verschattungssystem „Soft Shade“ soll urbane Aufenthaltsorte hingegen vor Hitze schützen und durch Verdunstung kühlen. Julika Schwarz und Louisa Graupe entwickelten mit „Water from Air“ einen mobilen Wassererzeuger, der Feuchtigkeit aus der Luft gewinnt und dezentral eingesetzt werden kann.