Es geht auch ohne Chef: Der genossenschaftliche Ansatz des Belwerk Kollektivs

Belwerk übersetzt Freundschaft, Handwerk und Gestaltung in eine Arbeitsstruktur, die dem gängigen Entweder-Oder aus Angestelltenverhältnis oder Selbstständigkeit entkommt – behutsam, kollektiv und wertschätzend.

Über 20 Mitglieder – und es werden mehr. Doch hier geht es nicht um ein mittelgroßes Architekturbüro, das Kitas und Gewerbebauten plant. Belwerk Kollektiv ist vor allem ein Zusammenschluss von Freund*innen, die Gestaltungsprinzipien, Nähe zum Handwerk und selbstbestimmtes Arbeiten verbinden. Wie funktioniert diese Struktur – und kann sie langfristig bestehen?

Ausgangspunkt: eine WG und ein Baumhaus

Ein Haus mit einer kleinen Werkstatt in Weimar, in dem Gleichgesinnte zusammenwohnen: Hier beginnt 2021 die Geschichte von Belwerk. Nicht alle kommen aus der Architektur, doch sie verbindet eine enge Freundschaft. Auch ihr Wachstumsmechanismus ist unkonventionell – das Team erweitert sich über persönliche Kontakte, und Projekte entstehen meist durch Bekanntschaften. Für jedes Projekt stößt oft jemand mit spezieller Expertise dazu. Mit Zimmerern, Tischlern und Designer*innen im Team kann Belwerk selbst entwerfen und bauen – und dabei nah am Handwerk bleiben.

Der erste Auftrag, ein „Baumhaus“ des Architekten Van Bo Le-Mentzel, erreichte zunächst Tillmann Gebauer und Felix Stockhausen. Beide hatten Erfahrung im Möbelbau, doch das Projekt war zu groß für zwei. Also holten sie Paul Repple und Konstantin Graf aus dem Freundeskreis dazu. Zu viert realisieren sie das Projekt und legen gleichzeitig den Grundstein für Belwerks kollektive Arbeitsweise.

Kleiner Maßstab, große Selbstbestimmung

Prägend wurde auch die Zusammenarbeit mit Jurek Brüggen an seinen experimentellen Projekten in Werder, wofür Belwerk ingeniöse handwerkliche Lösungen entwickelte. Das Kollektiv realisiert aber auch eigene Entwürfe, etwa die Wohn- und Übernachtungseinheit UDO (unidentified driving object). Der Maßstab bleibt bewusst klein, die Eigenregie maximal. 

Expertise, Neugier und Lernbereitschaft

Heute sind die Mitglieder über Deutschland verteilt und haben einen eigenen Modus der Zusammenarbeit entwickelt. Sie beteiligen sich an den Projekten, die ihre Expertise erfordern oder ihr Interesse wecken. Deswegen steht einer Grafikdesignerin aus dem Team, die handwerklich arbeiten möchte, nichts im Weg, an einer Dachstuhlsanierung mitzuwirken – und sich das nötige Fachwissen dort anzueignen. Das Kollektiv dient als informelle Ausbildungsplattform, in der sich Projektteams gegenseitig weiterbilden. In manchen Projekten ist man “die Expertin”, in anderen „die Praktikantin“.

Absprachen und Entscheidungen trifft das Team meist digital in Plena. Alle paar Monate kommen sie zu Visionstreffen zusammen, um sich auszurichten. So entwickelt sich eine Arbeitskultur, die kollegial, wertschätzend, unterstützend und zugleich professionell ist. 

Rechtsform? Nichts überstürzen.

Das Kollektiv besteht aus Freiberufler*innen, die je nach Verfügbarkeit mitwirken. Für einige ist Belwerk ihre Hauptbeschäftigung, andere engagieren sich projektweise. Wer noch studiert, macht in den Semesterferien mit. Wer einen anderen Job hat, nimmt sich mal eine Woche Urlaub für die Baustelle. Die Hierarchie bleibt flach. Im Mittelpunkt stehen nämlich das menschliche Kapital und das Gefühl der Zugehörigkeit.

Selbstverständlich hat eine informelle Struktur ihre Kehrseite. Antworten auf die große Frage „Wer haftet?“ sind schwierig. Auch größere Aufträge lassen sich ohne klare Rechtsform schwer umsetzen. Die Dezentralität bringt außerdem bürokratischen Mehraufwand, und die verteilte Expertise führt manchmal zu Fehleinschätzungen. Deshalb strebt Belwerk eine Genossenschaft an: eine demokratische, nicht gewinnorientierte Struktur. In Leipzig soll eine Werkstatt als geografischer Anker und neue Adresse dienen.

Wachstum? Ja, aber langsam.

Das Kollektiv setzt auf Kompetenz, nicht auf Geschwindigkeit. Es versteht sich als bewusster Gegenentwurf zur beschleunigten Arbeitswelt und strebt eine behutsame Entwicklung an.

Ihnen wird manchmal Naivität vorgeworfen. Doch Idealismus aus dem Studium ins Berufsleben mitzunehmen, ist keine Schwäche, sondern Haltung. Und Belwerk zeigt, dass Haltung und Zusammenhalt viel wichtiger sind als ein wasserdichter Businessplan.