Genug ist genug: Wie ein Fachgebiet mit "Enoughness" Wachstum entwirft

Doppelte Glasfassaden, tragende Brüstungen, zu tiefe Grundrisse – was sonst zum Abriss führt, wird unter einem Jahresthema zum Entwurfsmaterial.

Ein Büro zieht aus, seine Räume und Bauteile bleiben. Was davon braucht die nächste Nutzung? Unter dem Jahresthema „Enoughness“ untersuchten Studierende an der HafenCity Universität Hamburg (HCU) diese Frage in Entwurfsstudios und Abschlussarbeiten unter der Leitung von Prof. Alessandro Gess und seinem Team am Fachgebiet Entwerfen, Raum und Gebäudelehre. Drei Arbeiten und ein Studio stellen wir exemplarisch vor: Ihr Ansatz reicht vom neuen Einsatz vorhandener Materialien bis zu einem Eigentumsmodell gegen Spekulation.

Neubau trotz Leerstand

In Europa steht jede zehnte Bürofläche leer. Laut der Europäischen Umweltagentur gilt rund ein Fünftel des städtischen Gebäudebestands als un- oder untergenutzt. Trotzdem genehmigen Behörden täglich über eine Million Quadratmeter neue Gebäudefläche. Effizienz allein reiche also nicht, folgert die Professur, solange Finanzierung, Regelwerke und Planungspraxis den Neubau begünstigen. 

Ihr Gegenvorschlag: Suffizienz durch Wandelbarkeit. „Enoughness“ fragt nicht allein, wie Gebäude effizienter werden, sondern wie viel Veränderung eine neue Nutzung braucht. Suffizienz bedeutet hier, Bedürfnisse mit weniger Ressourcen zu erfüllen. Der Bestand ist deshalb weder bloße Hülle noch unangreifbares Ganzes: Bauteile dürfen ihren Ort wechseln, Räume andere Funktionen übernehmen, gezielte Ergänzungen neue Nutzungen ermöglichen.

Glas wird Grundriss 

Im Studio „Assemblages“ stand die Rekombination von Bauteilen im Mittelpunkt: Was entsteht, wenn vorhandene Elemente in andere Zusammenhänge rücken?Wiederverwendung sollte dabei nicht nur als konstruktive Strategie verstanden, sondern auch darauf untersucht werden, wie sie Raum, Ästhetik und Gebrauch verändert. Im Entwurf „Performing Transparency“ bauten die Studierenden beispielsweise mit Material aus dem Hochhaus eine Büroetage zu Wohnungen um. Die für Bürobauten typische doppelte Glasfassade rückt ins Hausinnere und organisiert die Wohnungen. Was bislang nach außen für Offenheit stand, soll im Inneren nun Privatheit und Gemeinschaft aushandeln. Laubengänge ermöglichen eine neue Grundrissorganisation. Auch die Gebäudetechnik verändert ihre Rolle: Statt Räume zentral und unabhängig vom Gebrauch zu klimatisieren, übersetzt das Projekt technische Funktionen in einfache, bewegliche TGA-Objekte. 

Mit der Tiefe arbeiten

Für ihre Abschlussarbeiten entwickelten die Studierenden eigene Fragestellungen und wählten passende Orte und Maßstäbe. Auch rechtliche und wirtschaftliche Bedingungen gehörten zur Entwurfsaufgabe. Im Projekt „Potenziale einer Großstruktur – Neue Mitte Hamburg Nord“ entschieden sich die Studierenden für einen großen Maßstab und beschäftigten sich mit einem Einkaufs- und Bürokomplex aus den 1960er- und 1970er-Jahren. Hier stehen Büros leer, im Erdgeschoss dominieren Verkehr und Parkflächen. Durch gezielten Rückbau für Licht und Durchwegungen sowie vorgelagerte Laubengänge und Wintergärten will der Entwurf die tiefen Bürogrundrisse für Wohnen nutzbar machen. Eine Aufstockung greift auf Tragwerksreserven zurück. Tragende Brüstungen bestimmen Schnitt und Raumorganisation. Die Eigenheiten des Gebäudes liefern die Regeln für den Umbau.

Eine weitere Abschlussarbeit unter dem Titel „The Economy of Reuse – In Service of Affordability“ widmet sich einem leerstehenden Bürohochhaus aus den 1970er-Jahren an der Hamburger Amsinckstraße, das einem Neubau weichen soll, obwohl die Tragstruktur intakt ist. Die Verfasser*in haben sich für die Transformationen einen Kostenrahmen für bezahlbaren Wohnraum gesetzt: 1.200 Euro Umbaukosten pro Quadratmeter. Eine Polycarbonatschicht übernimmt klimatische und akustische Funktionen, ergänzende Strukturen schaffen Gemeinschaftsflächen. Waschbetonplatten werden zu Bodenbelägen und kompakte Funktionskerne lassen Raum für späteren Selbstausbau. Doch wer sichert günstige Mieten, wenn der Umbau wenig kostet? Ihr Eigentumsmodell soll über städtisches Vorkaufsrecht und getrenntes Grund- und Gebäudeeigentum Spekulation verhindern. Damit wird Bezahlbarkeit nicht allein dem Grundriss überlassen.

Die Arbeiten verstehen „genug“ also nicht als unveränderten Bestand, sondern als begründete Auswahl dessen, was bleibt, wechselt oder hinzukommt. Im nächsten Studienjahr will die Professur das Thema unter dem Titel „ ALTERATIONS“ fortführen. Nach der Rekombination soll die Reinterpretation von Bestehendem in den Mittelpunkt rücken.