Universität der Stadt: Alessandro Gess über die Architekturlehre als urbane Praxis
An der HafenCity Universität Hamburg arbeitet Alessandro Gess mit seinem Team an neuen Schnittstellen zwischen Hochschule und Stadt und hinterfragt die Aufgabe der Architekturlehre heute. Ein Gespräch über Umbau, Berufsbild und die Uni als urbane Akteurin.
An der HafenCity Universität Hamburg leitet Alessandro Gess seit 2024 das Fachgebiet Entwerfen, Raum- und Gebäudelehre. Als Partner des Pariser Büros l'AUC arbeitet er an der Schnittstelle von Architektur und Stadt – und analysiert, wie Architekturlehre selbst zum Instrument urbaner Veränderung werden kann. Auch bei SORTIMENT, der von Studierenden organisierten Jahresausstellung, stehen diese Fragen auf dem Programm der Auftaktsveranstaltung am 24. Juli, die er kuratorisch begleitet. Die BauNetz-CAMPUS-Redaktion ist als Medienpartnerin und auf dem Podium mit dabei.
Deine Antrittsvorlesung trug den Titel „Urban After All“. Was hat dich an die HCU gezogen – und was steckt hinter diesem Titel?
AG: Ich bezeichne die HCU gerne als eine Universität der Stadt, weil hier verschiedene Disziplinen der gebauten Umwelt gemeinsam an den Zukunftsfragen unserer Städte arbeiten. Gleichzeitig ist Hamburg selbst ein außergewöhnliches Labor für diese Fragen – von Wohnraummangel und Leerstand über die Weiterentwicklung bestehender Quartiere bis hin zum Spannungsfeld zwischen Hafen, Infrastruktur und urbaner Entwicklung.
Urban After All beschreibt das Potenzial des Umbaus unserer gebauten Umwelt als Ausgangspunkt neuer urbaner Entwicklungen. Die Bauwende ist für mich nicht nur eine ökologische Herausforderung, sondern vor allem eine gesellschaftliche – und damit immer auch eine urbane Aufgabe. Viele monofunktionale Quartiere sowie Gebäude und Infrastrukturen mit obsoleten Nutzungen gilt es, wieder als Teil der Stadt zu denken und ihnen durch Architektur eine neue gesellschaftliche Bedeutung zu geben.
Entscheidend ist deshalb nicht allein, dass wir umbauen, sondern wie. Architektur kann den Bestand von innen heraus neu denken, räumliche Beziehungen neu ordnen und einen neuen urbanen Beitrag leisten, weit über die Grenzen des einzelnen Gebäudes oder Grundstücks hinaus. Das World Trade Center in Brüssel, das wir mit unserem Büro l'AUC gemeinsam mit 51N4E transformiert haben, zeigt dieses Potenzial: Aus einem introvertierten Bürokomplex in einem monofunktionalen Geschäftsviertel wurde wieder ein Stück Stadt.
Ihr löst die Grenzen zwischen Architektur und Stadtplanung bewusst auf. Wie setzt ihr das in der Lehre um?
AG: Ich glaube, dass sich das Verständnis von Architektur gerade grundlegend verändert – und mit ihm auch die Architekturlehre. Die Gebäudelehre versteht den Entwurf bis heute vor allem als räumliche Organisation eines definierten Raumprogramms. Wenn wir heute überwiegend im Bestand arbeiten, beginnt der Entwurf nicht mehr mit einer Nutzungsprojektion, sondern mit einer bereits gebauten Realität in einer urbanen Situation. Damit verliert auch die klassische Trennung zwischen Architektur und Städtebau an Bedeutung.
In der Lehre geht es deshalb darum, räumliche Potenziale zu erkennen, freizulegen und weiterzuentwickeln – und dabei zukünftige Nutzungen möglichst offenzuhalten. Die Komplexität und die Reibungen, die dabei entstehen, versuchen wir nicht zu glätten, sondern produktiv in den Entwurfsprozess einzubeziehen.
Das verändert auch unsere Arbeitsweise. Wir arbeiten bewusst mit Maßstabssprüngen und wechseln kontinuierlich zwischen Gebäude, öffentlichem Raum und Stadt. Ein Beispiel bietet unsere Zusammenarbeit mit dem Kulturzentrum Le Sample in Paris. Die Studierenden entwickelten Zukunftsperspektiven für das vom Abriss bedrohte Ensemble. Die Entwürfe wurden vor Ort ausgestellt und eröffneten einen neuen Dialog zwischen Nutzer*innen, Nachbarschaft und Verwaltung. Genau darin sehe ich auch die Rolle der Universität: nicht als Beobachterin gesellschaftlicher Veränderungen, sondern als engagierte Akteurin des urbanen Wandels.
Wie übersetzt du Erfahrungen aus der internationalen Praxis in die Lehre – und was können Studierende der Praxis zurückgeben?
AG: Durch die Arbeit in unterschiedlichen europäischen Planungskulturen und internationalen Projekten entsteht ein kontinuierlicher Austausch zwischen Hochschule und Praxis. Meine Erfahrungen aus Paris, Brüssel, Rom oder Shenzhen zeigen, wie produktiv der Blick nach außen für die Herausforderungen deutscher Metropolregionen sein kann. Die Universität bringt dabei etwas ein, das der Praxis häufig fehlt: Zeit, Offenheit und die Freiheit, bestehende Annahmen grundsätzlich infrage zu stellen. Umgekehrt bringt die Praxis reale Akteur*innen, komplexe Aushandlungsprozesse und Verantwortung in die Lehre.
Ein Beispiel ist Learning from Kampnagel, das wir zusammen mit Amelie Deuflhard und Anja Schumacher entwickelt haben. Gemeinsam mit den Studierenden untersuchten wir, wie sich die Prinzipien, die Kampnagel auszeichnen – Offenheit, Experimentierfreude und gesellschaftliches Engagement – während des Umbaus in die Stadt tragen lassen. Nicht das Gebäude stand dabei im Mittelpunkt, sondern die Frage, wie sich die Haltung einer kulturellen Institution räumlich übersetzen lässt. Gerade, weil die Universität nicht institutionellen oder operativen Routinen unterliegt, kann sie etablierte Planungsprozesse produktiv irritieren. Darin liegt für mich der wichtigste Beitrag der Studierenden zur Praxis.
Wie kann sich die HCU stärker in die Stadt öffnen?
AG: Ich glaube nicht, dass sich Universitäten nur stärker zur Stadt öffnen müssen. Sie sollten selbst zu proaktiven Akteurinnen urbanen Wandels werden. Die HCU bringt dafür bereits viele Erfahrungen aus Reallaboren und Praxisprojekten mit. Mich interessiert vor allem die Frage, welche Rolle eine Universität heute im städtischen Gefüge einnehmen kann. Sie sollte nicht nur Wissen über die Stadt produzieren, sondern dieses gemeinsam mit Stadtgesellschaft, Verwaltung, Politik, Kultur und Praxis entwickeln.
Vor diesem Hintergrund entsteht derzeit im Oberhafen-Quartier in unmittelbarer Nähe der HCU ein neuer, interdisziplinärer Raum. Er versteht sich als Schnittstelle zwischen Hochschule und Gesellschaft und verbindet Lehre, Forschung, Praxis und öffentlichen Dialog. Als Ort für 1:1-Experimente und die Zusammenarbeit mit externen Partner*innen soll er neue Kooperationen ermöglichen und zugleich jungen Initiativen und Gründungsvorhaben Raum geben.
Welche Räume und Formate braucht Architekturlehre heute?
AG: Wenn Architektur sich zunehmend mit Transformation, Bestand und offenen Prozessen beschäftigt, braucht sie auch andere Räume und Formate. Genau dieser Frage widmet sich die diesjährige Jahresausstellung SORTIMENT III, die von den Studierenden der Architektur organisiert wird, und die Lisa Zander und ich kuratorisch begleiten. Gemeinsam mit Gästen diskutieren wir, welche räumlichen, institutionellen und didaktischen Voraussetzungen Universitäten heute benötigen, um auf die Herausforderungen urbaner Transformation zu reagieren.
Der neue Raum im Oberhafen ist für uns eine erste Antwort darauf. Wir verstehen ihn nicht als fertige Infrastruktur, sondern als Forschungs- und Lehrprojekt. Er entwickelt sich gemeinsam mit Lehre, Forschung sowie Stadtgesellschaft und Praxis kontinuierlich weiter. Erkenntnis gewinnt man dabei nicht erst nach dem Umbau, sondern im Umbau selbst.
Diese Haltung prägt auch unsere Forschung. Mit dem Forschungs- und Buchprojekt Soft Spots untersuchen wir Orte im Wandel, die sich eindeutigen Zuschreibungen und Formen der Kommerzialisierung entziehen. Uns interessiert, wie ihre räumliche und programmatische Offenheit durch minimale Eingriffe und das Zusammenwirken unterschiedlichster Akteur*innen langfristig erhalten werden kann. Der Oberhafen ist für mich genau ein solcher Soft Spot: Ein Ort im Übergang, dessen Potenzial gerade in dieser Offenheit liegt.
Für mich entsteht Architekturlehre dort, wo Entwerfen selbst zum Forschungsinstrument wird und die Universität gemeinsam mit der Stadt neue Formen des Zusammenlebens erprobt.