Zwischen Küche und Stadt: Prof. Julia von Mende über Essensräume im Wandel
Prof. Julia von Mende forscht an den Schnittstellen von Architektur, Soziologie und Stadt. Im Gespräch erläutert sie, wie Essenspraktiken Räume zwischen Küche und Stadt neu ordnen und warum sich Grundrisse im Gebrauch verschieben.
Sie untersuchen räumliche Strukturen im Zusammenhang mit Alltagspraktiken wie Wohnen oder Essen. Was gewinnt die Architektur, wenn sie solche alltäglichen Handlungen stärker berücksichtigt?
JvM: Wie Nutzer*innen die von Architekt*innen entworfenen Räume tatsächlich annehmen, nutzen oder verändern, ist schwer voraussagbar. In der Vergangenheit gab es immer wieder Versuche, Alltagspraktiken wie das Haushalten in der Küche vorab zu simulieren – sogar im Labor –, um optimale Grundrisse für effiziente Abläufe zu erzielen. Dabei wird ein Szenario entworfen, das von einem fiktiven Durchschnitts-Menschen ausgeht. Überraschende, individuelle Umdeutungen oder Varianten der Raumaneignung bleiben dabei jedoch im Dunkeln. Bezieht man jedoch die Perspektiven der Bewohnenden ein, lassen sich Zusammenhänge, Bedingtheiten und letztendlich Muster erkennen. Solche qualitativen, empirischen Untersuchungen von Alltagsräumen liefern Architekt*innen Hinweise auf sich wandelnde Bedarfe und mögliche programmatische Neuzuordnungen. Dadurch können sie entscheiden, wie offen oder wie festgelegt Grundrisse sein sollten, um Nutzungsveränderungen im Lauf der Zeit zu erleichtern.
In ihrem Buch „Zwischen Küche und Stadt“ untersuchen Sie die Verräumlichung von Essenspraktiken. Was war der Ausgangspunkt Ihrer Forschung – und welche zentralen Erkenntnisse haben Sie gewonnen?
JvM: Der Einstieg ins Thema war meine Mitarbeit im Basisprojekt „Die Anthropozän-Küche“ am Exzellenzcluster Bild Wissen Gestaltung an der Humboldt-Universität zu Berlin. Hier ging es um die Zusammenhänge zwischen Ernährung, gebauter Umwelt und dem sich wandelnden Verhältnis von Haus, Stadt und Welt. In der Untergruppe Stadt analysierten wir in einem interdisziplinären Team die historische Genese des urbanen Metabolismus am Beispiel Berlins. Bereits um 1900 hatte sich in Berlin eine ausdifferenzierte Landschaft von Räumen für das Essen außer Haus entwickelt. Vieles davon – von Erlebnisgastronomie bis Coffee-to-go – ist heute zurück. Dabei interessierte mich, welche Hintergründe diese räumlich entgrenzten Essenspraktiken in einer Stadt wie Berlin haben. Fallstudien zu Berliner Küchen in Privathaushalten führten an Orte außer Haus wie Teeküchen oder Verkehrsknotenpunkte. Diese untersuchte ich anschließend mit Studierenden in forschenden Lehrformaten am Lehrstuhl Gebäudelehre und Grundlagen des Entwerfens der RWTH Aachen. Dabei ließen sich Phänomene der Verräumlichung von Essenspraktiken in Auslagerung, Überlagerung und Verschränkung kategorisieren.
Sie beschreiben in ihrem Buch, dass die Küche zunehmend „kalt“ bleibt, während Essen überall stattfindet. Wie prägt dieses Phänomen unsere heutige Stadt- und Wohnkultur?
JvM: Es ist paradox: Während die Küchen immer hochwertiger ausgestattet werden, wird immer weniger darin gekocht – zumindest im Alltag. Gleichzeitig gibt es in Großstädten wie Berlin kaum noch einen Ort, an dem nicht gegessen oder getrunken wird. Öffentliche Räume werden zunehmend für das Essen und Trinken gegen Bezahlung möbliert – ein Trend, den die Pandemie verstärkt hat. Außerdem entstehen mehrfachcodierte Räume, etwa die Überlagerungen von Mode- oder Buchläden mit Kaffeeverköstigung im Einzelhandel. Das schnelle Essen materialisiert sich auch in den Möblierungen der Gastronomie. Die Studie zeigte aber auch Sehnsüchte nach dem gemeinschaftlichen Kochen in der Freizeit als Halm im Sturm des rasenden Alltags. Doch häufig sind die Küchen im Privathaushalt viel zu klein dafür und der Alltag zu eng getaktet, um gemeinsames Kochen und Essen zu ermöglichen. Die Antwort auf diese Entgrenzungen des Arbeitsalltags, in dem immer mehr Mahlzeiten mit Kolleg*innen oder am Rechner eingenommen werden, sind Tendenzen zur Abgrenzung des Privaten vom Außen – ein Phänomen, das auch die Soziologie beschreibt.
Sie erwähnten das forschende Lehren. Welche Rolle spielt es in Ihrer Arbeit?
JvM: Für mich ist es inspirierend, gemeinsam mit Studierenden in Seminaren zu forschen. Neben der Frage, wie etwas geworden ist, geht es darum, die Wirkung der gebauten Umwelt auf Alltagspraktiken zu verstehen. Die Studierenden lernen dabei Feldforschung an selbstgewählten Fallbeispielen. Dabei eröffnen sie überraschende Felder, die mir verborgen geblieben wären. Ein Beispiel dafür, wie solche Ergebnisse in die eigene Forschung einfließen, ist die wissenschaftliche Auswertung des Materials aus dem Seminar „Half Measures – Das Einfamilienhaus zur Disposition“. Das Seminar führte ich im Rahmen der interdisziplinären Forschungswerkstatt „Krise und Transformation des Eigenheims“ an der Bauhaus-Universität Weimar mit der Architektin Hanna Maria Schlösser (Oficina) durch.
Ihr aktuelles Forschungsprojekt widmet sich der Wohnforscherin und Bauhaus-Schülerin Grete Meyer-Ehlers. Was hat Sie an ihrem Werk interessiert, und warum ist es heute relevant?
JvM: Die Beschäftigung mit Küchen hat mich zum Wohnen geführt und mehr noch zur Frage: Wie kann man Wohnpraktiken analysieren? Grete Meyer-Ehlers hat im Sinne heutiger „Post Occupancy Studies“ die frisch bezogenen Wohnungen der Interbau 1957 im Berliner Hansaviertel untersucht. Dazu ließ sie die Bewohner*innen zu Wort kommen und erfasste zeichnerisch die materiellen Ordnungen in den Wohnungen – oft abweichend von den Planungen der Architekten. Methodisch knüpft das an gegenwärtige qualitative Wohnungsforschung mit praxistheoretischem Ansatz an. Im Projekt, an dem Nicole Opel und Stefan Staehlé mitarbeiten, interessiert uns auch, warum Grete Meyer-Ehlers Werk bisher kaum Beachtung gefunden hat. Mit dem Projekt „Grete Meyer-Ehlers (1904–2003) – Leben und Werk einer Pionierin der empirischen Erforschung von Wohnpraktiken“ wollen wir solche blinden Flecken der Architekturgeschichtsschreibung aufzeigen. Meine Anbindung an das Forschungslabor Nachkriegsmoderne an der Frankfurt University of Applied Sciences oder an das wissenschaftliche DFG-Netzwerk WAS und der damit verbundene Austausch mit Kolleg*innen bereichern diese Forschungsinhalte sehr.