Der verdichtete Boden: Rosalea Monacella über Landschaft als dynamisches Gefüge
Die Landschaftsarchitektin und Forscherin Rosalea Monacella lehrt an der Schnittstelle von Raumgestaltung, Ökologie und Technologie in Harvard. Im Interview spricht sie darüber, wie sie Studierende dazu anleitet, vom „Boden aus“ zu entwerfen oder ökologische Systeme jenseits kolonialer Denkrahmen zu lesen – und, weshalb Lehre immer auch ein ethischer Akt ist.
Das Interview in englischer Sprache wurde automatisch sowie redaktionell übersetzt und von BauNetz CAMPUS geprüft und bearbeitet. Englische Version unten.
Was sind deine wichtigsten Prioritäten beim Lehren an der Schnittstelle von Raumgestaltung und Umweltsystemen?
RM: Lehren ist ein Privileg – eine Verantwortung, die ich nicht auf die leichte Schulter nehme. Wir haben die Möglichkeit, Wissen zu teilen und Menschen auf einer Bildungsreise zu begleiten, die unweigerlich transformativ ist.
Meine Priorität ist es, Studierende zu befähigen, Unsicherheit nicht als Problem zu betrachten, das gelöst werden muss, sondern als produktiven Raum zu begreifen – einen Raum, in dem sich alternative Wege des Verstehens von Umweltbeziehungen und -herausforderungen eröffnen.
Ich gestalte Lernprozesse so, dass sie kontinuierlich zwischen „sichtbar machen“ und „handeln“ wechseln. So werden Studierende beispielsweise dazu angeleitet, eine Region aus verschiedenen Perspektiven und über unterschiedliche Raum-Zeit-Ebenen hinweg zu kartieren und diese Erkenntnisse anschließend in spekulative Interventionen zu übersetzen. Diese sollen reparative Handlungen in den Vordergrund stellen und zugleich reflektieren, wessen Stimmen gehört – und wessen ausgelöscht – wurden.
Auf diese Weise treten verborgene Geschichten zutage, die in Landschaften eingeschrieben sind: Wessen Arbeit diese Ökologien geprägt hat, welche Wissensformen unterdrückt wurden, und wie koloniale Systeme weiterhin unser Umweltdenken und unsere Entwurfspraxis beeinflussen.
Anstatt mich als alleinige Expertin zu positionieren, schaffe ich kollaborative Lernräume, in denen Studierende ihre eigenen Methoden entwickeln, um mit mehr-als-menschlichen Systemen umzugehen. Das Ziel ist nicht, vorab definierte Ergebnisse zu produzieren, sondern „kreative Intelligenz“ zu kultivieren – die Fähigkeit, mehrere Perspektiven gleichzeitig zu halten und dabei verantwortungsvoll im Sinne einer planetaren Ethik zu handeln. So werden Studierende von passiven Empfängerinnen zu aktiven Wissensproduzentinnen.
Deine Forschung untersucht urbane Transformationen durch dynamische Ressourcenflüsse und fortgeschrittene Modellierungstechniken. Wie prägen diese Methoden das Verständnis deiner Studierenden von Landschaft?
RM: Meine Forschung befasst sich mit den Ontologien von Energie und damit, wie alternative Systeme der Messung und Darstellung die Wirkungsweisen von Energie- und Extraktionsinfrastrukturen über Territorien hinweg sichtbar machen – und dabei konventionelle Kartierungspraktiken infrage stellen, die koloniale Raumstrukturen reproduzieren. Durch gemeinsame Feldarbeit und raumzeitliche Archivforschung entwickeln Studierende die Fähigkeit, komplexe natürliche Systeme aus unterschiedlichen Perspektiven zu lesen. Dabei setzen sie sich mit Konzepten wie Datensouveränität und pluriversellen Wissenssystemen auseinander.
Das Ziel ist nicht, rein technologische Lösungen zu entwerfen, sondern eine Sensibilität für lebende und nicht-lebende Systeme zu entwickeln – ein Bewusstsein für verschiedene zeitliche Rhythmen und kulturelle Zugänge zu Landschafts- und Territorialveränderungen. Studierende werden ermutigt, ihre eigene Position als Umweltakteur*innen kritisch zu reflektieren und Werkzeuge zu gestalten, die Weltentwürfe (worldbuilding) durch multiperspektivische Ansätze ermöglichen. Dabei entsteht ein Geflecht materieller Performativität, das Beziehungen zwischen Entitäten berücksichtigt und die ökologischen Verschiebungen und Anforderungen in unserem Verständnis territorialer Organisation beschreibt.
Du sprichst davon, gleichzeitig "von unten nach oben und von oben nach unten" zu arbeiten. Wie leitest du Studierende an, diese doppelte Perspektive einzunehmen, und was bedeutet sie?
RM: Diese doppelte Perspektive bildet den Kern meines pädagogischen Ansatzes, der zwischen Maßstabsebenen wechselt und dabei eine ethische Verantwortung gegenüber relationalen Netzwerken wahrt.
Studierende beginnen „von oben“, indem sie georäumliche Narrative durch Archive, Karten und Analysen materieller Flüsse und Machtstrukturen über große Territorien hinweg untersuchen. Anschließend bewegen sie sich „von innen“, indem sie Darstellungsformen entwickeln, die den Boden als aktiven materiellen Prozess begreifen – in direkter Zusammenarbeit mit Gemeinschaften und Ökosystemen. Schließlich nähern wir uns „von unten“, indem wir alternative Konzepte von Energie, Arbeit und Verwandtschaft erforschen, die auf das planetare Wohlergehen ausgerichtet sind. In diesem Prozess lernen Studierende, dass Information nie neutral ist – dass konventionelle Messsysteme oft voreingenommen sind und vor allem ökonomischen Interessen dienen.
Wir entwickeln alternative Wertsysteme, die ökologische und soziale Wohlfahrt über rein wirtschaftliche Kennzahlen stellen. Das übergeordnete Ziel ist, zu verstehen, dass lokale und planetare Maßstäbe untrennbar miteinander verbunden sind – und daher Entwurfsansätze erfordern, die zwischen den unmittelbaren Bedürfnissen von Gemeinschaften und längeren ökologischen Zeiträumen vermitteln. Dabei muss stets der Einfluss globaler und planetarer Systeme mitgedacht werden. Das nenne ich den „verdichteten Boden“ (the thickened ground).
Welche Rolle siehst du für das Publizieren bei der Gestaltung des Diskurses der Landschaftsarchitektur heute – insbesondere in Zeiten sich wandelnder institutioneller Prioritäten?
RM: Publizieren ist eine kritische Infrastruktur für die Entwicklung und Transformation der Landschaftsarchitektur als Disziplin. Angesichts globaler institutioneller Spannungen und der Klimakrise besteht ein dringender Bedarf an Publikationsplattformen, die den Dialog fördern, Reformen anstoßen und intellektuelle Rahmen für den Umgang mit der Vielzahl aktueller Krisen bieten.
Publizieren demokratisiert den Diskurs, indem es vielfältige Stimmen und Themen in die Diskussion einbringt, die in institutionellen Kontexten häufig marginalisiert werden. Durch die unterschiedlichen Formate wissenschaftlichen Schreibens ermöglicht Publizieren, über das bloße Dokumentieren von Praxis hinauszugehen – hin zu einem aktiven Entwerfen neuer Richtungen.
Entscheidend ist, dass Publizieren administrative und politische Zyklen ebenso wie Akkreditierungszwänge überdauert. Es bewahrt radikale pädagogische Experimente, projektive Entwurfsmethoden und kritische theoretische Debatten.
Publizieren schafft so ein kritisches Archiv von Möglichkeiten und historischen Fehlversuchen, das zukünftige Lehrende aktiv nutzen können. Es wird damit sowohl zur Dokumentation als auch zur Provokation – und trägt zur disziplinären Erneuerung bei.
Du hast in sehr unterschiedlichen akademischen Kontexten gelehrt und geforscht – von Australien und Europa bis in die USA. Wie haben diese Erfahrungen deinen Ansatz beeinflusst, insbesondere im aktuellen Umfeld, in dem akademische Bildung wachsenden strukturellen Druck erfährt?
RM: Die Arbeit in unterschiedlichen Kontexten hat mein Engagement für forschungsbasiertes Designlernen gestärkt, das sich an spezifische lokale Bedingungen anpasst und zugleich planetare Perspektiven beibehält. Jeder Kontext bot eigene Beziehungen zum Land, alternative Wissenssysteme und unterschiedliche institutionelle Strukturen.
In Australien haben die anhaltende fossile Extraktionsökonomie und die starken indigenen Landrechtsbewegungen mein Verständnis von Landschaft als umkämpftes Territorium geprägt – und die Dringlichkeit, Reformen anzustoßen.
In Europa boten Konzepte der Commons und alternative Wirtschaftsmodelle wertvolle Rahmen. In Asien lernte ich von der Handlungsfähigkeit informeller Organisationsformen, innerhalb größerer Governance-Strukturen zu agieren.
Diese Erfahrungen haben mir gezeigt, dass wirksame Pädagogik tief kontextuell sein muss – und dennoch mit einer größeren disziplinären Forschung verbunden bleiben sollte.
Die aktuellen Herausforderungen der Designausbildung – von Finanzierungskürzungen über technologische Umbrüche bis hin zur Klimakrise – erfordern grundlegende Transformationen, keine bloßen Anpassungen. Entscheidend ist, Räume für kollektive Wissensproduktion und spekulative Forschung zu bewahren – trotz des wachsenden Drucks durch Unternehmens-getriebene Bildungsmodelle.
Heute ist es wichtiger denn je, Studierenden Umgebungen zu bieten, in denen sie Risiken eingehen, Unsicherheit navigieren und für systemischen Wandel eintreten können. Das verlangt pädagogischen Mut, um radikale disziplinäre Transformationen voranzutreiben – und Bildung als zutiefst politische und ethische Praxis zu verstehen, die für eine Zukunft der Hoffnung unverzichtbar ist.
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English version
What are your key priorities when teaching at the intersection of spatial design and environmental systems?
RM: Teaching is a privilege. A role which, as an instructor, I don't take lightly. We are given the opportunity to share knowledge and guide individuals along an educational journey that is inevitably transformative.
My priority is to empower students to approach uncertainty not as a problem to solve, but as a generative space for discovering alternative ways of understanding environmental relationships and challenges.
I structure learning activities to move continuously between ‘rendering visible’ and ‘acting’. For example, students will be guided through mapping a region through a plurality of positions and spatio-temporal instances, then translate those insights into speculative interventions that prioritise reparative actions whilst reflecting on whose voices were centered or erased. This process reveals hidden histories embedded in landscapes, including whose labour shaped these ecologies, which knowledge traditions were suppressed, and how Colonial systems continue to frame our environmental thinking and designs.
Rather than positioning myself as the sole expert, I create collaborative laboratories where students are supported to develop their own methods for engaging with more-than-human systems. The goal is not to develop predetermined outcomes but to cultivate "creative intelligence" where students engage in a process of capacity building, where they learn to hold multiple perspectives simultaneously while acting responsibly within a planetary ethic. This transforms students from passive recipients into active knowledge producers.
Your research explores urban transformation through dynamic resource flows and advanced modelling techniques. How do these methodologies shape your students’ understanding of landscape?
RM: My research explores the ontologies of energy and how alternative systems of measurement and representation reveal the impacts of how energy and extractive infrastructures operate across territories, challenging conventional mapping practices that reinforce colonial spatial frameworks. Through collaborative fieldwork and spatio-temporal archival research, students develop the capacity to read complex natural systems from multiple perspectives, engaging with concepts of data sovereignty and pluriversal knowledge systems.
The goal is not to produce purely technological solutions, but to cultivate attunement to living and non-living systems, recognizing diverse temporal rhythms and cultural approaches to landscape and territorial transformations. Students are encouraged to critically examine their own positionality as environmental agents while generating tools that enact worldbuilding through multiperspectival approaches. They are creating an entanglement of material performativity that accounts for the relationships between entities, and describing the demands and ecological shifts in our understanding of territorial organization.
You speak about working simultaneously “from the ground up and from the top down.” How do you guide students in adopting this dual perspective, and what does it mean in practice?
RM: This dual lens reflects the pedagogical approach, which moves between scales of engagement while maintaining ethical accountability to relational networks.
Students begin ‘from above’, uncovering geo-spatial narratives through archives and mapping material flows and power structures across vast territorial scales. They then move ‘from within,’ developing representational methods that perceive the ground as an active material process, working directly with communities and ecosystems. Finally, we approach the work ‘from below,’ exploring alternative concepts of energy, labour, and kinship that are dedicated to planetary wellbeing. Throughout this process, students learn that information is never neutral and that conventional measurement systems may have a bias and often serve predominantly economic imperatives.
We cultivate alternative regimes of value that prioritize ecological and social well-being over purely economic metrics. The overarching objective is to understand that local and planetary scales are intimately connected, requiring design approaches capable of mediating between immediate community needs and longer ecological timeframes, while acknowledging the influence of global and planetary systems. This is what I call thea thickened ground.
What role do you see for publishing in shaping the discourse of landscape architecture today, especially in times of shifting institutional priorities?
RM: Publishing serves as critical infrastructure for the disciplinary lineages and transformation of landscape architecture. In the current context of institutional pressures experienced globally and the climate emergency, there is an urgent need for publishing platforms to facilitate conversations that bring about reform to the discipline and provide intellectual frameworks for addressing the plurality of crises.
Publishing democratizes the discourse by bringing diverse voices and topics to the conversation that pressures experienced in institutional environments might unfortunately, otherwise exclude. Through the various formats of written scholarship, publishing importantly enables moving beyond documenting practice toward actively proposing new trajectories.
Critically, publishing outlasts administrative and political cycles and accreditation pressures. Publishing preserves radical pedagogical experiments and projective design methodologies, and, for example, critical theoretical conversations.. It creates a critical archive of possibilities and historical failures that future educators can mobilize. Publishing thus becomes both documentation and provocation for discipline-wide transformation.
You have taught and researched across diverse academic contexts—from Australia and Europe to the United States. How have these experiences influenced your approach, particularly in the current climate where academia faces growing structural pressures?
RM: Working across diverse contexts has reinforced my commitment to design research-based learning that prioritises adaptation to unique local conditions while maintaining planetary perspectives. Each context offered distinct relationships to land, alternative sets of knowledge systems, and unique institutional structures. In Australia, the prominence of ongoing carbon-based extraction and vibrant Indigenous land rights movements has shaped my understanding of landscape as a contested territory and an urgency for reform. European contexts provided frameworks for understanding the commons and alternative economic models. In Asia, the agency of informal organisation models to operate within broader governance models was the key learning. These experiences taught me that effective pedagogy must be deeply contextual while remaining connected to broader disciplinary inquiry.
The current pressures on design education, including funding cuts, rapid technological changes, and the climate crisis, among others, have demanded fundamental transformations beyond incremental reform. The key is to maintain spaces for collective knowledge production and speculative inquiry within increasing pressure from corporate-based educational models. In response to these challenges, the need to provide an environment for students to take risks and develop the capabilities to navigate uncertainty and advocate for systemic change is ever more critical. Achieving this requires pedagogical courage to advance radical disciplinary transformation, which positions education as an inherently political and ethical practice essential for a future of hope.