„Die Lehre sollte experimentierfreudiger werden, denn für die Probleme der Klimakrise existieren noch nicht genug gebaute Lösungen.“
Er ist Masterstudent, Geschäftsführer der Organisation Nexture+ und Jurymitglied des Future Skin Awards. Wir sprachen mit Chris Schätz über Fassaden, die mehr leisten müssen als Wärmeschutz. Und über eine Lehre, die sich zu oft an alten Vorbildern festhält.
Du hast deinen Bachelor an der OTH Regensburg absolviert. Was hat dir diese Hochschulausbildung ermöglicht – fachlich, methodisch und persönlich?
Die OTH bietet im Bachelor eine sehr umfangreiche Grundlagenausbildung. Den Mittelpunkt bilden die beiden Kerndisziplinen Entwurf und Konstruktion mit je einem großen Modul pro Semester. Dadurch bin ich gut aufgestellt, zwischen gestalterischer Intention und konstruktiver Notwendigkeit abzuwägen.
Fachlich hat mich das Skelettbau-Modul im dritten Semester besonders geprägt. Hier habe ich verstanden, wie eine entwurfliche Idee unmittelbar auf die Konstruktion wirkt. In meinem Entwurf habe ich verschiedene Fassaden für dasselbe Tragwerk getestet. Spannend fand ich, dass das gleiche Tragwerk unterschiedliche Hüllen aufnehmen kann, die sich auch in ihrer Zonierung unterscheiden. Im darauffolgenden Semester haben wir die Fassade im Gebäudetechnik-Modul um Komponenten für den Wärmeschutz ergänzt.
Der Geist der OTH lebt vom Austausch über alle Semester hinweg, gefördert durch die Fachschaft und das offene Raumkonzept. Viel von meinem heutigen Wissen verdanke ich spontanen Begegnungen. Über die Fachschaft habe ich auch den Einstieg zu nexture+ gefunden – eine Erfahrung, die mich bis heute bereichert.
Gab es ein Projekt oder Seminar, das dich besonders auf die Berufspraxis vorbereitet hat?
Es waren eher zwei meiner Professoren und deren sehr unterschiedliche Haltungen. Der eine war raumchoreographisch geprägt, inspiriert von Kunst und Kultur. Beim anderen stand die Suffizienz der Mittel im Vordergrund. Ich merkte, dass meine Aufgaben im Büro immer wieder von der Aushandlung dieser beiden Pole bestimmt waren.
Während meiner Zeit in Dänemark sollte ich beispielsweise eine Bestandsfassade überarbeiten. Gewünscht war einerseits ein einladendes Erscheinungsbild mit größeren Öffnungen und andererseits eine technisch und innenräumlich funktionsfähige Fassade, die wegen ihrer Beschaffenheit komplett hätte entsorgt werden müssen. Am Ende beschränkten sich die baulichen Eingriffe auf Orte der Adressbildung.
Als einer der Geschäftsführer von Nexture+ tauschst du dich mit vielen Studierenden aus. Wie gut bereitet die Architekturlehre aus deiner Sicht auf die Anforderungen klimapositiven Bauens vor?
In der Baukonstruktion und den technischen Fächern bereitet die Lehre gut darauf vor. In der Studierendenschaft ist ein Bewusstsein für das Thema vorhanden. Aufholbedarf sehe ich bei den Referenzen und Vorbildern, die wir vermittelt bekommen. Wenn wir Veränderungen wollen, müssen wir primär unsere Sehgewohnheiten ändern. Zu oft wird an alten Meistern der Moderne festgehalten, deren Lösungen sich auf heutige Aufgaben nicht mehr übertragen lassen.
Die Lehre sollte experimentierfreudiger werden, denn für die Probleme der Klimakrise existieren noch nicht genug gebaute Lösungen. Chancen sehe ich in neuen Aufgabenstellungen wie einem fossilfreien Semester oder kreislaufgerechtem Konstruieren. Auch die Aufgabe des Future Skin Awards ließe sich hier einbinden. Interdisziplinäres Arbeiten findet bereits statt, lässt sich in höheren Semestern aber weiter ausbauen.
Chris, du bist Jurymitglied des Future Skin Awards und repräsentierst dort die Perspektive der Studierenden. Du warst außerdem an der Auslobung beteiligt. Welche Kriterien empfandest Du als besonders wichtig?
Mir waren die Themen Kreislaufwirtschaft und Ressourcen wichtig, denn wir leben auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen. Daraus ergibt sich der Anspruch, Materialien wiederzuverwenden. Außerdem finde ich den Ideenteil zentral, weil er Raum für experimentierfreudige und unkonventionelle Lösungen schafft.
Du hast in großen Büros in Deutschland und Dänemark gearbeitet. Was macht klimapositives Bauen aus internationaler Perspektive aus – insbesondere mit Blick auf die Gebäudehülle?
Laut DGNB ist ein Gebäude klimapositiv, wenn es auf Basis seiner realen Verbrauchsdaten nachweislich mindestens klimaneutral betrieben wird. Grundlage dafür ist die gebäudespezifische CO₂-Bilanz. Diese Definition ist eindeutig.
Die Fassade muss neben ihrem Mehrwert für das Gebäude auch einen positiven Beitrag zur Klima- und Energiewende leisten. Das kann durch PV-Module, effiziente Verschattung oder ein verbessertes Mikroklima durch Bepflanzung geschehen. In Dänemark ist davon schon mehr umgesetzt – hierzulande wird es aus meiner Wahrnehmung bald folgen.
Dieser Beitrag entstand im Rahmen der redaktionellen Zusammenarbeit von BauNetz CAMPUS mit Future Skins Award.