„Künstlerische Medien sind für mich keine Darstellungsformen, sondern Erkenntnisinstrumente“

Zwischen Kunst, Architektur und Anthropologie entwickelt Prof. Michael Hirschbichler an der HCU Hamburg eine experimentelle Lehr- und Forschungspraktik, die Räume als Träger von Mythen und Atmosphären begreift. Wir sprachen mit ihm darüber, wie diese neue Perspektiven auf den Entwurf eröffnen.

Du arbeitest mit deiner Professur für Experimental Creation sowie dem Center for Spatial Cosmology an der Schnittstelle von Kunst, Architektur und Anthropologie. Was können wir uns darunter vorstellen?  

MH: Mich haben die Räume, aus denen unsere Welt besteht, schon immer fasziniert – mitunter auch verstört. Ich frage mich: Wie sind diese Räume beschaffen? Warum gerade so? Welche Vorstellungen, Ideologien und Erzählungen sind mit ihnen verknüpft? Was hat sich hier ereignet – und was könnte sich künftig zutragen? Und vor allem: Welche Weltauffassung entsteht aus diesen Räumen? 

Mit Antritt meiner Professur an der HCU Hamburg habe ich das "Center for Spatial Cosmology (CSC)" gegründet, um diesen Fragen nachzugehen. Das CSC ist eine transdisziplinäre Plattform, die das Verhältnis zwischen Räumen – Gebäuden, Landschaften, Infrastrukturen, Umwelten – und Kosmologien untersucht, also Weltbildern, Mythen, Glaubenssystemen und Ideologien, die Räume prägen und zugleich durch sie hervorgebracht werden.

Die Verbindung von Kunst, Architektur und Anthropologie ist hierfür zentral. Kunst eröffnet sinnliche und mediale Zugänge zu Räumen – auch dort, wo architektonische Darstellung oder Sprache an Grenzen stoßen. Architektur übersetzt dieses Wissen in räumliche Setzungen, Entwürfe und Prototypen und stellt die Frage, wie Wirklichkeit konkret gestaltet werden kann. Anthropologie wiederum schärft den Blick für kulturelle Praktiken und Aushandlungsprozesse, durch die Orte definiert werden – einschließlich der Konflikte und Machtverhältnisse, die sich in sie einschreiben.

Du verbindest anthropologische Feldarbeit mit künstlerischen Medien wie Malerei, Installation, Sound oder spekulativer (Non-)Fiction. Wie nutzt du diese Methoden in der Lehre, und welche Erkenntnisformen eröffnen sie für Entwurf und Analyse?

MH: Um Orte zu verstehen, ist es entscheidend, das Atelier zu verlassen und Zeit vor Ort zu verbringen. Feldarbeit bedeutet hier hauptsächlich zuzuhören,zu  beobachten, Beziehungen aufzubauen – zu menschlichen und nicht-menschlichen Akteur*innen - zu Materialien, Spuren, Geschichten, Pflanzen, Tieren, Boden, Wasser und Luft, aber auch zu geisterhaften Abwesenheiten, die einen Ort prägen.

Künstlerische Medien dienen dabei nicht primär der Darstellung, sondern als Erkenntnisinstrumente. Ortsspezifische Malerei, Zeichnung oder Fotografie binden einen Ort als Ko-Autor in Bildwerdungsprozesse ein – durch chemische Reaktionen, Bewegungen, Ablagerungen oder Umwelteinflüsse. Installationen materialisieren ortsspezifische Logiken oder erproben alternative Raum- und Wirklichkeitsmodelle. Sound- und Listening-Arbeiten erschließen atmosphärische und narrative Dimensionen jenseits des Visuellen – Rhythmen, Resonanzen, Störungen. Spekulative (Non-)Fiction erlaubt es, Vergangenheiten und mögliche Zukünfte zu artikulieren und Entwerfen als Weltbildarbeit sichtbar zu machen.

In unseren Studioexperimenten ermöglichen diese Medien ein sinnliches und kognitives, verkörpertes und zeitbasiertes Verstehen von Raum. Aus diesem Verstehen heraus entstehen Entwürfe. 

Deine Arbeit zu Extraktionslandschaften, Flüssen und degradierten Ökologien basiert auf langfristigen Prozessen. Wie übertragt ihr diese ortsgebundene Forschungshaltung in eure Lehrformate – etwa im Projekt „Wastelandia“? Und wie reagieren Architekturstudierende darauf? 

MH: Meine künstlerische Forschung ist langfristig angelegt und ortsspezifisch – zu Ölfeldern, Minen, Ruinen, Brachen, sakralen Orten, Bergen oder Infrastrukturbaustellen. Im universitären Kontext arbeiten wir mit mehreren Strategien: Erstens strukturieren wir unsere Arbeit über Jahresthemen, die Semestergrenzen überschreiten, etwa „Wastelandia“ oder „Solaris“, künftig „Erdboden“ und „Verzauberung“. Durch Wiederkehr, Vergleich und Archivierung entsteht kumulatives Studio-Wissen. Ziel ist eine reflexive, offene und fragmentarische Kosmologie, die sich über Jahre entwickelt. Zweitens oszillieren die Studierenden zwischen Studio und konkreten Orten. Entwerfen beginnt nicht auf dem weißen Blatt, sondern aus verorteten Beobachtungen, Materialien, Reibungen und Imaginationen.

Drittens verschränken wir Entwurfsstudios mit theoretischen Seminaren und forschenden Diskussionsformaten. Analyse und Entwurf, Denken und Machen schärfen sich  gegenseitig.   Architekturstudierende reagieren überwiegend sehr positiv. Anfangs gibt es Irritationen, weil Prozesse offener und Ergebnisse weniger vorhersehbar sind als gewohnt. Gerade daraus entsteht jedoch eine hohe Motivation: Entwerfen wird als vertiefte und spekulative Auseinandersetzung mit Wirklichkeit erfahrbar.

In kollaborativen Projekten arbeitest du eng mit Studierenden zusammen. Wie verändert das deine Rolle als Lehrender, und welche Kompetenzen entwickeln Studierende im Umgang mit komplexen räumlichen, kulturellen und ökologischen Fragestellungen?

MH: Die kollaborative Praxis ist für mein Team und mich faszinierend, herausfordernd und nie langweilig. Das Abenteuer besteht darin, gemeinsam Erkenntnisse zu gewinnen, Entwürfe zu imaginieren und sie im Maßstab 1:1 zu testen. Unsere Rolle verschiebt sich vom Wissensvermittler hin zu Mitforschenden und Prozessmoderator*innen. Wir wissen im Voraus nicht, wie das Ergebnis aussehen wird, sondern begleiten offene experimentelle Prozesse. Komplexe räumliche Fragen – materiell, kosmologisch, politisch – vermitteln wir über konkrete Situationen und Materialien als Ausgangspunkt. Hinzu kommen thematische Vorlesungen und Diskussionen sowie aufeinander abgestimmte Experimente. So entwickeln Studierende konzeptionelles Denken, künstlerische, architektonische und anthropologische Methodenkompetenz, die Fähigkeit zum situativen Entscheiden, den produktiven Umgang mit Unsicherheit und den Mut zu konsequenter experimenteller Arbeit.

Was wünschst du dir langfristig für deine Rolle in der Architekturausbildung – und was erscheint dir heute besonders entscheidend?

MH: Langfristig wünsche ich mir, die Schnittstelle von Kunst, Architektur und Anthropologie weiter auszubauen und räumliche Kosmologie als Feld zu etablieren. Studierende sollen zu einer ganzheitlichen, experimentellen und zugleich kritischen wie spekulativen Auseinandersetzung mit Raum ermutigt werden – als Arbeit an Weltbildern und Möglichkeiten der Weltgestaltung.

Drei Perspektiven erscheinen mir dafür besonders wichtig: Erstens eine mehr-als-europäische Perspektive, die andere Raumpraktiken und Weltauffassungen ernst nimmt. Meine Lehr- und Forschungstätigkeit in Papua-Neuguinea war hierfür prägend und grundlegend für das CSC.

Zweitens eine mehr-als-menschliche Perspektive, die andere Lebensformen ebenso einbezieht wie Verstorbene und noch Ungeborene und kulturelle Vorstellungen von Geistern oder mythologischen Wesen als wirksame Realitätsmodelle begreift. Drittens eine planetare und kosmische Perspektive, die unsere Fragilität sichtbar macht und statt Eroberungshaltungen zu Demut, Dankbarkeit und verantwortungsvoller Weltgestaltung anregt.