„Meine Rolle sehe ich als „Dolmetscherin“ zwischen Disziplinen: Ich übersetze technische und wissenschaftliche Daten in eine Sprache, die Gestalter*innen, Nutzer*innen oder Entscheider*innen verstehen – und umgekehrt.“
Jacqueline Lemm leitet als Honorarprofessorin das Forschungsgebiet Mensch – Technik – Raum und das TFI – Institut für Boden- und Raumsysteme an der RWTH Aachen e.V. Sie spielt eine Schlüsselrolle bei der Vermittlung zwischen Bauindustrie, Forschung, Planung und Nutzung von Innenräumen – nicht zuletzt auf der Domotex.
Frau Prof. Lemm, Sie haben interdisziplinär an der Schnittstelle zwischen Textiltechnik und Soziologie promoviert. Wie kam es dazu? Was ist Ihr heutiger Schwerpunkt?
Meine Promotion ist aus dem Interesse entstanden, wie materielle und soziale Dimensionen ineinandergreifen – insbesondere im Kontext textiler Materialien, die sowohl technische als auch symbolische Bedeutung tragen. Mich hat fasziniert, dass Textilien nicht nur funktionale Eigenschaften tragen, sondern auch soziale Praktiken, Wahrnehmungen und Identitäten prägen.
Heute liegt mein Schwerpunkt auf einem nutzerzentrierten Ansatz: Ich untersuche, wie technische Innovationen – etwa in der Materialentwicklung oder Raumgestaltung – an den Bedürfnissen der Menschen ausgerichtet werden können. Mit dem Wechsel ans TFI – Institut für Boden- und Raumsysteme an der RWTH Aachen e. V. (TFI) hat sich diese Perspektive erweitert, weil hier die Verbindung zwischen Forschung, Anwendung und Praxis besonders greifbar ist.
Beim TFI stehen Nachhaltigkeitskriterien im Vordergrund. Wie stellen Sie sicher, dass diese eingehalten werden?
Nachhaltigkeit ist kein Add-on, sondern integraler Bestandteil unserer Arbeit. Dabei verstehen wir sie nicht nur ökologisch, sondern auch sozial und kulturell. Der Produktpass Nachhaltigkeit ist ein gutes Beispiel: Er schafft Transparenz über Herkunft, Materialien, Zirkularität und Nutzungsdauer – und ermöglicht eine faktenbasierte Bewertung.
Meine Rolle sehe ich als „Dolmetscherin“ zwischen Disziplinen: Ich übersetze technische und wissenschaftliche Daten in eine Sprache, die Gestalter*innen, Nutzer*innen oder Entscheider*innen verstehen – und umgekehrt. Nur so lassen sich Nachhaltigkeitskriterien in Planung und Umsetzung verankern.
Und wie beeinflusst Ihre Arbeit die Raumgestaltung?
Räume sind mehr als nur physische Umgebungen – sie sind soziale Systeme. In der Gestaltung von Bildungsräumen beispielsweise geht es darum, die Interaktion zwischen Menschen, Technik und Raum gezielt zu fördern.
Wir analysieren zunächst Nutzungsmuster, Arbeitsprozesse und Wahrnehmungen der späteren Nutzer*innen. Auf dieser Basis entwickeln wir Konzepte, die Kommunikation, Konzentration oder Kreativität unterstützen. In Bildungsräumen bedeutet das: flexible Möblierung, gute Akustik, variable Lichtführung und Materialien, die funktional und atmosphärisch wirken. Ziel ist es, Lernräume als „Ermöglichungsräume“ zu gestalten – Orte, die Lernen, Begegnung und Entwicklung begünstigen.
Gibt es ein konkretes Beispiel, das diesen Ansatz veranschaulicht?
Ein gutes Beispiel ist die Neugestaltung einer früheren Schulmensa in Berlin: Der historische Fritz-Wachsner-Saal der Wilhelm-von-Humboldt-Gemeinschaftsschule war wegen seiner akustischen Probleme für größere Menschengruppen nicht nutzbar. Dennoch wurde die Idee der Schulleitung, hier einen Open Learning Center einzurichten, vom Innenarchitekturbüro no room aufgenommen. In enger Zusammenarbeit mit Schüler*innen, Lehrer*innen und Sozialarbeiter*innen legten sie die Ausstattung, Farben und Materialien fest.
Eine Aufgabe bestand darin, Bücherregale und eine Sitztreppe aus einer Bibliothek weiterzuverwenden. Um die denkmalgeschützte Holzverkleidung der Wände unangetastet zu lassen, stellte das Team von no room alle verfügbaren Regale zu einem Raum-in-Raum zusammen, mit Zugängen über den Ecken und den offenen Regalreihen möglichst zur Mitte. Die Möbelrückseiten wurden mit Schallelementen der Akustikmanufaktur SUAM belegt und zusätzlich mit grünem Nadelvlies kaschiert. So wurden die Elemente robuster und als Pinnwand nutzbar. Diese schallabsorbierende Maßnahme und neue Akustikvorhänge reduzierten die Nachhallzeit von drei Sekunden auf eine Sekunde. Die 900 Schüler*innen der Wilhelm-von-Humboldt-Gemeinschaftsschule nehmen den neuen Raum gut an. Nicht nur wegen der jetzt stimmigen Akustik, sondern weil sie Teil des Entstehungsprozesses waren.
Sie leiten auch das Lehr- und Forschungsgebiet „Mensch – Technik – Raum“ am Institut für Soziologie der RWTH Aachen und arbeiten mit Architekturstudierenden zusammen. Wie gestaltet sich diese Kooperation in der Lehre?
Die Zusammenarbeit ist praxisnah und projektorientiert. Wir arbeiten an realen Fragestellungen, etwa an der Umnutzung eines ehemaligen Kaufhauses in Aachen. Studierende entwickeln hier Konzepte, wie bestehende Bauten sozial, funktional und ästhetisch transformiert werden können.
Dabei fließen sozialwissenschaftliche Methoden – wie Interviews, Beobachtungen und Nutzungsanalysen – direkt in den Entwurf ein. Die Studierenden lernen so, dass Architektur nicht nur Gestaltung ist, sondern auch Kommunikation: zwischen den Menschen, die sie nutzen und der Technik, die sie ermöglicht.
2024 waren Sie seitens des TFI Juryvorsitzende des Green Collection Awards auf der Messe Domotex. Welche Trends haben Sie beobachtet, wie entwickelt sich die Branche?
Wir sehen deutlich, dass Nachhaltigkeit in der Branche kein Nischenthema mehr ist, sondern ein zentrales Innovationsfeld. Hersteller investieren zunehmend in zirkuläre Materialkonzepte, modulare Systeme und biobasierte Rohstoffe. Gleichzeitig gewinnt das Thema Transparenz – also nachvollziehbare Lieferketten und überprüfbare Nachhaltigkeitsangaben – an Bedeutung.
Bei den Gestalter*innen von Innenräumen zeigt sich ein Trend zur Materialehrlichkeit und zu multisensorischen Konzepten: Räume sollen nicht nur schön aussehen, sondern sich auch gut anfühlen, gesund sein und Geschichten erzählen. Die Zukunft liegt aus meiner Sicht in der Verbindung von technischer Innovation, gestalterischer Qualität und sozialer Verantwortung.