Handwerk als Kulturpraxis: Christian Dummer im Gespräch
Christian Dummer verbindet Forschung, Lehre und Praxis zu „elementarer Architektur“: ökologisch, handwerklich fundiert und kulturell verankert. Im Gespräch erläutert er, warum Handwerk für ihn kein nostalgisches Relikt ist, sondern Schlüssel für eine zukunftsfähige Baukultur.
Du setzt dich dafür ein, handwerkliches Wissen nicht nur als Technik, sondern als kulturelle Ressource in die architektonische Lehre einzubringen. Welche Strategien verfolgt ihr am Studio 3 am Institut für experimentelle Architektur, um das im Entwurfsprozess umzusetzen?
CD: Am Studio 3 spielt das Bauen im Maßstab 1:1 seit Langem eine zentrale Rolle. Dabei geht es nicht nur um praktische Übungen, sondern um eine intensive Auseinandersetzung mit dem realen Bauen. Wir wollen die Komplexität der Wirklichkeit abbilden – in einem Maßstab, der keine Fehler verzeiht. Mein Verständnis von Architektur inkludiert das Handwerk als tragende Säule einer zukunftsfähigen Baukultur – nicht nur in der Ausführung, sondern auch als integraler Bestandteil des Entwurfsdenkens.
In unserer Lehre kombinieren wir gestalterische Forschung mit den Herausforderungen der Bauwende. Gerade hier kann das Handwerk einen großen Beitrag leisten. Deshalb entwickeln unsere Studierenden Projekte im direkten Austausch mit Handwerker*innen. Dieser Dialog bereichert das 1:1-Bauen durch externe Expertise, erweitert den Gestaltungsprozess und vermittelt früh ein ganzheitliches Verständnis von Architektur.
Mit der Ausstellung „Alles Handwerk. Zwischen Klischee und Alltag“ thematisierst du die Rolle des Handwerks zwischen Globalisierung, Billigproduktion und dem Wunsch nach Authentizität. Im Entwurfsstudio „Out of Hands“ wiederum nutzt ihr ein historisches Bildarchiv, um alte Herstellungsverfahren und Berufsprofile zu erforschen. Welche Rolle spielt dabei die langjährige Kooperation mit dem Netzwerk Handwerk?
CD: Die akademische Erforschung des Handwerks schafft eine Win-win-Situation, die erst durch das Netzwerk Handwerk und die gemeinsam entwickelten Formate wie „Out of Hands“ möglich wurde. Uns geht es nicht um eine romantische Verklärung des Handwerks im Sinne eines Traditionalismus. Vielmehr untersuchen wir die Logiken des Vernakulären und prüfen, wie sie sich angesichts heutiger Herausforderungen wie Nachhaltigkeit, Zirkularität oder Digitalisierung für die Architektur nutzbar machen lassen.
Beide Projekte öffnen den Diskurs rund ums Handwerk weit über die Fachwelt hinaus. An wen richten sich diese Projekte?
CD: Wir sprechen ein breites Publikum an: Fachleute, Gemeinden, Lernende, politische Entscheidungsträger und die Zivilgesellschaft. Unser Ziel ist es, handwerkliches Wissen als immaterielles Kulturgut sichtbar zu machen und seine Relevanz für eine ressourcenschonende Zukunft aufzuzeigen.
Deine Arbeit bewegt sich zwischen Forschung und Gestaltung, zwischen deinem Architekturbüro ELEMENTAR und deiner Tätigkeit am Institut für experimentelle Architektur. Was genau verstehst du unter „Elementarer Architektur“?
CD: Für mich ist „Elementare Architektur“ vor allem eine Haltung. Sie drückt sich sowohl im konzeptuellen Entstehungsprozess als auch in der methodischen Umsetzung aus. Im Zentrum steht ein konsequent ökologisches Denken, das Gestaltung nicht als Selbstzweck begreift, sondern als bewusste Handlung in Zeiten von Klimawandel, Ressourcenknappheit und gesellschaftlichem Wandel. „Elementar“ bedeutet für uns nicht minimal, sondern substanziell: Räume entstehen aus dem Ort, dem Material und dem tatsächlichen Bedarf.
Und wie gelingt dir der Austausch zwischen Lehre und Projektarbeit konkret?
Die Verbindung von Forschung und Praxis erlaubt es uns, materialökologische Erkenntnisse, zirkuläre Entwurfsprinzipien und handwerklich fundierte Prozesse akademisch zu prüfen und direkt in Projekte der Praxis zu übertragen. Wir arbeiten mit den Prinzipien des kreislaufgerechten Bauens, die wir in allen Aufgaben umsetzen. Zirkularität verstehen wir nicht als technologische Herausforderung, sondern als kulturelle Praxis. Viele traditionelle Bauformen haben sie ohnehin schon vorgelebt – genau das inspiriert uns.