Tempel, Teestuben und Typen: Anna Weber über Räume der Migration

Anna Weber, Architektin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der RWTH Aachen, erforscht migrantisch geprägte Bautypen in Deutschland. In ihren Projekten verbindet sie empirische Feldforschung mit Selbstbau und typologischer Theorie. Gemeinsam mit Studierenden untersucht sie hybride Architekturformen zwischen Alltagsrealität und institutionellen Normen – wie etwa am Tempelbau in Hamm-Uentrop.

Ihr Forschungsprojekt „Transfer – Bauten von Migranten in der Bundesrepublik“ verbindet Lehre und Forschung mit studentischem Selbstbau. Wie kamen Sie zu diesem Schwerpunkt?

AW: Die Frage ergab sich aus meiner Arbeit als Lehrende. Wir lehren den Entwurf zeitgenössischer Gebäudetypen und ich habe mich gefragt, wenn über 1/5 der in Deutschland lebenden Menschen einen Migrationshintergrund hat, ob wir den „klassischen Kanon an Gebäudetypen“, den wir lehren, erweitern müssen. Daraus entstand ein Forschungsprojekt, das auf unterschiedlichen Ebenen empirisch angelegt ist. Ich habe mit großen Gruppen von Studierenden Städte in Deutschland auf der Suche nach gebauten Beispielen durchkämmt: migrantisch initiierte Bauprojekte, die einen Gebäudetyp aufweisen, der gewohnheitsmäßig an anderen Orten auf der Welt gebaut wird. Gleichzeitig ist das Bauen stark vom lokalen Kontext, seinen Regeln und Verwaltungsabläufen geprägt. Deshalb gibt es die Selbstbauprojekte: Sie behandeln typologische Fragestellungen und erproben zugleich, wo die Grenzen des formal oder programmatisch Möglichen liegen – was erlaubt ist, was nicht, und warum. Darüber hinaus werden die Funde auch kulturwissenschaftlich und materialbezogen reflektiert und aufgearbeitet.

Wie setzen Sie diese interdisziplinäre Arbeit konkret in ihrer Lehre um?

AW: Ein Beispiel ist das Pfauenhaus am hinduistischen Kulturzentrum beim Sri Kamadchi Ampal Tempel in Hamm-Uentrop. Ich hatte mich länger mit dem Tempel beschäftigt und das Projekt in Kooperation mit mehreren Disziplinen umgesetzt: mit der Baugeschichte, insbesondere Prof. Dr. Emeritus Jan Pieper, einem Experten für historische indische Architektur, mit der Tragwerkslehre – da es sich um einen Kuppelbau handelt – sowie mit dem Architekten des Tempels, Heinz-Reiner Eichhorst, und natürlich mit der Gemeinde selbst. 

Ein weiteres Beispiel ist das Projekt „Zwei Seiten einer Fassade“: Wir haben die Fassaden von Cafés in Köln-Mülheim überarbeitet, die jeweils von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen besucht werden. Die Fassade wird von beiden Seiten wahrgenommen und organisiert das räumliche Verhältnis zwischen dem Innen – den Nutzer*innen – und dem Außen – der Allgemeinheit. Das wollten wir untersuchen. Mit dabei waren ein LGBTQ+ Café, ein türkisches Frühstückscafé, ein Kulturverein und eine Teestube.

Welche Herausforderungen sehen Sie in der architektonischen Auseinandersetzung mit migrantischen Bauten? Gibt es strukturelle Bedingungen, die die Sichtbarkeit oder Anerkennung dieser Architektur beeinflussen?

AW: Menschen waren häufig enttäuscht, wenn ich ihnen meine gefundenen Beispiele gezeigt habe. Zu wenig „Hocharchitektur“, zu improvisiert, zu ungewöhnlich – oder zu alltäglich. Es gibt eine große Erwartungshaltungshaltung, eine hochqualitative „fremde“ Baukultur in Deutschland zu finden. Aber es gibt zahlreiche Herausforderungen. Die lokalen Regelwerke lassen nicht alles zu. Wenn § 34 greift und ein Planer etwa versucht, eine Pagode für eine thailändische Gemeinde in einem typischen Mehrfamilienhausviertel mit Lochfassaden zu entwerfen, entstehen zwangsläufig Hybridisierungen. Das ist gestalterisch spannend, aber nicht einfach. Im Fall der Pagode sagte der Entwurfsverfasser sogar, dass er lieber wieder traditionell planen würde.

Genau deshalb lehre ich Transformations- und Hybridisierungsprozesse in der Typenentwicklung. Denn: Die Herausbildung neuer Typen braucht Zeit, Geld und, vor allem, viele Menschen mit ähnlichen Zielen.

Oft werden migrantische Bauweisen in der breiten Öffentlichkeit wenig beachtet oder sogar problematisiert. Welche Perspektiven fehlen aus Ihrer Sicht in der architektonischen Debatte?

AW: Was mir am stärksten in Erinnerung geblieben ist aus der Sammlung und den vielen Gesprächen, ist ein Gefühl von Wunder und Erstaunen. So viele Menschen stecken so viel Energie in die Errichtung und Einrichtung von Orten, die dem Gemeinschaftsleben dienen sollen, für jeweils differenzierte Gruppierungen. Dieses Potenzial beeindruckt mich, und ich finde, wir sollten viel mehr darüber sprechen. Klar, Kultur ist ein Prozess. Wir befinden uns mitten in der Entwicklung kultureller Artefakte. Dabei entstehen nicht sofort perfekte Ergebnisse, sondern viele Zwischenschritte. Diese sollte man als solche anerkennen und diskutieren.

Die Forschung zu Typologie sagt, dass ein neuer Typ in einem spezifischen gesellschaftlichen Kontext mit seinen Regeln und Vorschriften zum Bauen und mit dem Beitrag vieler Akteur*innen – Planende, Auftraggeber*innen, Verwaltung, Finanzierende – entsteht. Ich meine, das gilt auch, wenn Menschen mit Zuwanderungsgeschichte bauen wollen.