Resilienz des Spezifischen: Studio Oficina über ihre Lehre zum baulichen Bestand
Im Rahmen der Wüstenrot-Gastprofessur am KIT luden Hanna Maria Schlösser und Lorenz Kirchner Studierende dazu ein, den baulichen Bestand als Ausgangspunkt für Entwürfe zu nutzen. Im Interview mit uns erläutern sie, wie ihre Lehre Fragestellungen von Identität, Transformation und räumlicher Komposition vermittelt.
Ihr habt im Wintersemester 2024/25 zum Umgang mit dem baulichen Bestand gelehrt. Welche Fragestellungen standen für euch dabei im Zentrum?
Studio Oficina: Wir leben und arbeiten in Berlin, einer von Umbrüchen stark geprägten Stadt. Hier finden sich exzellente Architekturen, aber auch viele gewöhnliche Gebäudebestände, wie z. B. Infrastrukturbauten für Autos. Uns hat in unserem Entwurfsstudio am KIT die Auseinandersetzung mit diesen Bestandsbauten aus der „zweiten und dritten Reihe“ interessiert, gerade weil sie recht sperrig sind und ein Brennglas für das Bauen im Bestand bieten. Unsere entwurflichen Fragen dazu waren: Was macht die Identität des Bestandes aus, wie tarieren wir sein Verhältnis zur Umgebung und zur Stadt, und welche Besonderheiten des Bestandes könnten Impulsgeber für einen Entwurf sein?
Begleitend haben wir die IBA Altbau 84/87 in Berlin untersucht. Im Rahmen der Bauausstellung gab es schon einmal eine radikale Hinwendung zum Bestand, die rückblickend wegweisend war. Wie damals bei der IBA ging es uns beim Entwurf um eine Transformation, eine Verwandlung des Bestandes. Strategien und Begriffe wie Erhalt, Weiterbauen, Ressource, Teilrückbau wurden projekt- und entwurfsspezifisch ausgelotet. Anders als beispielsweise beim Bauen mit denkmalgeschützten Beständen – der „ersten Reihe“ der Bestandsbauten – ist entwurflich zunächst alles möglich, wenn auch nicht immer sinnvoll.
Inwiefern begreift ihr das Entwerfen im Bestand als Entwurfshaltung, die über das rein Technische hinausweist?
Studio Oficina: Die Befriedigung funktionaler und technischer Anforderungen ist eine Selbstverständlichkeit, aber im Grunde auch das Mindeste, was wir von der Architektur erwarten können. Auch beim Entwerfen im Bestand geht es natürlich vorrangig um die Schaffung schöner, angemessener Räume.
Der Entwurfsprozess mit Bestehendem scheint für uns jedoch in gewissem Maße anders als ein reiner Neubau. Bestandsbauten leisten anfänglich zum Teil starken Widerstand. Es gibt oft Zwänge im Vorgefundenen, die den Handlungsspielraum zu verengen scheinen. Einschränkungen können aber paradoxerweise auch eine große Befreiung sein, wenn man sich auf sie einlässt und einen Umgang mit ihnen findet. Ein Problem wirklich gut zu verstehen, ist ja meist schon der Weg zu einer Lösung.
Uns hilft eine fundierte Kenntnis der Gebäude und ihres Kontextes, um anschließend eine entwerferische Haltung formulieren zu können. Dafür braucht es Geduld und einen offenen Blick. Man beobachtet, sucht Anknüpfungspunkte und formt dabei einen geistigen Nährboden, aus dem sich schrittweise eine Idee entwickelt.
In eurer Lehre an der Bauhaus-Universität Weimar setzt ihr unterschiedliche, sich ergänzende Schwerpunkte: Hanna zu Wohnen und ökologischem Alltag, Lorenz zum Entwerfen im Bestand. Wie entwickelt sich daraus ein gemeinsames Lehrverständnis?
Studio Oficina: Die inhaltlichen Schwerpunkte der verschiedenen Teildisziplinen weisen auf eine handwerkliche Kernkompetenz hin, die kultiviert und vermittelt wird. Als Duo haben wir uns als wissenschaftliche Mitarbeitende also mit gleich zwei spezifischen Kompetenzen intensiver beschäftigt. Gemeinsam ist uns, dass wir unsere Disziplin aus der Perspektive des Entwurfs und der räumlichen Gestaltung betrachten.
Einem Entwurf können wir uns – zum Glück – aus allen möglichen Richtungen nähern. Es kann eine bestimmte Nutzung, die Konstruktion, die technische Performanz oder anderes im Fokus stehen; jeder dieser Aspekte kann zum besonderen Merkmal eines Raums werden.
Am Ende bieten für uns diese verschiedenen Themenfelder jeweils ein Anlass, um sich mit dem architektonischen Entwurf als unserer eigentlichen Kernkompetenz zu befassen. Das übergeordnete Ziel ist für uns immer dasselbe: die räumliche Komposition, ihre Stimmung und besondere Qualität. Denn gelungene Räume sind etwas, das Architekten und Laien gleichermaßen anspricht. Dies unseren Studierenden zu vermitteln, ist uns sehr wichtig und die Basis unseres gemeinsamen Lehrverständnisses.
In eurer Arbeit bei Oficina sprecht ihr von der ‚Resilienz des Spezifischen‘ – Offenheit bei klarer architektonischer Identität. Wie nähert ihr euch dieser Balance, und wie beeinflussen Maßstab und Detail eure Entwürfe?
Studio Oficina: Wir mochten das Begriffspaar, weil Resilienz zunächst im Widerspruch zum Spezifischen zu stehen scheint. Resilienz im Sinne von Flexibilität suggeriert meist neutrale oder generische Räume, einen kleinsten gemeinsamen Nenner vieler Nutzungen. Diese sind aber viel formbarer, als oft angenommen. Wir folgen der These, dass ausdrucksstarke Gebäude und Räume mit einer spezifischen Identität langlebig sind, auch weil sie aufgrund ihrer Qualitäten eine hohe Akzeptanz erfahren.
Im Entwurf denken wir oft in Szenarien weit über die konkrete Bauaufgabe hinaus, vor allem im Bereich Wohnen mit seinen fließenden Bedürfnissen über Jahres- oder Lebenszyklen. Gleichzeitig besinnen wir uns auf das Alltägliche, das Wesentliche. Es geht dann vielleicht nicht darum, alles zu können, sondern einige Dinge besonders gut.
Dieses Denken wirkt sich auf sämtliche Maßstäbe aus – über die Konstruktion und typologische Aspekte bis hin zu Details wie einer besonderen Doppeltür mit besserem Schallschutz, wodurch die separate Nutzung eines Raumes möglich wird.
Viele eurer Projekte entstehen im Austausch mit anderen Büros oder Disziplinen. Welche Impulse zieht ihr aus diesen Kooperationen? Und wie vermittelt ihr den Wert dieser gemeinschaftlichen Prozesse in eurer Lehre?
Studio Oficina: Wir haben unser Büro Oficina genannt, nach dem Teatro Oficina von Lina Bo Bardi, deren Werk wir sehr schätzen. Oficina bedeutet auf Portugiesisch „Werkstatt“, und wir wollten mit dieser Namenswahl als Gestalter in den Hintergrund treten und das Prozesshafte sowie Gemeinschaftliche unserer Arbeit unterstreichen.
Wir kultivieren keine wiedererkennbare entwerferische Handschrift und sind eher daran interessiert, uns selbst zu überraschen. Natürlich bringen wir alle ein architektonisches Repertoire und persönliche Vorlieben mit, aber man macht es sich ja mitunter ein wenig bequem in ihnen. Also freuen wir uns, wenn sie im Austausch mit anderen hinterfragt und weiterentwickelt werden.
Mit dieser Einstellung lehren wir auch. Wir sehen ein Entwurfsstudio als eine Zusammenarbeit, die mehr ist als die Summe der einzelnen Entwürfe. Im unvoreingenommenen Blick der Studierenden werden viele scheinbare Gewissheiten immer wieder auf den Prüfstand gelegt, was auch uns hilft, selbst neue Gedanken zu entwickeln. Man kann sicher sagen, dass wir beim Lehren selbst auch immer lernen. Was für ein schöner Beruf das ist, wenn man so darüber nachdenkt.