Atelierpraxis und universitäres Reallabor: Florian Kaiser über zirkulären Holzbau
Mit seiner neu angetretenen Professur am KIT rückt Florian Kaiser den Lebenszyklus von Gebäuden ins Zentrum der Architekturlehre. Im Gespräch mit uns beschreibt er, wie Bestandsentwicklung, Altholz und robotische Fertigung zu Bausteinen einer zirkulären Entwurfskultur werden.
Du hast die Professur für "Kreislaufgerechten Holzbau" am KIT übernommen. Was verstehst du unter diesem Fachgebiet, und welche Lehr- und Forschungsansätze möchtest du etablieren?
FK: Unter kreislaufgerechtem Holzbau verstehe ich ein ganzheitliches Planungs- und Konstruktionsparadigma, das den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes systematisch mitdenkt. Im Zentrum steht die Verschiebung vom linearen zum zirkulären Wertschöpfungsmodell. Neubauten begreifen wir als Materialspeicher, deren Bauteile demontierbar, reparaturfähig und sortenrein trennbar sind. Konstruktive Prinzipien wie lösbare Fügungen, eine klare Schichtenlogik und reversible Tragwerke bilden hierfür die Grundlage. Ökologische, kreislaufgerechte Materialien sind dabei konsequent zu bevorzugen.
Aufbauend auf den Erkenntnissen aus dem Haus Hoinka forschen wir am KIT zur Skalierbarkeit der Strohballenbauweise. Im Herbst publizieren wir ein praxisnahes Handbuch zum Bauen mit Stroh, Lehm und Holz. Zugleich umfasst kreislaufgerechtes Bauen die Transformation des Bestands. Priorität haben stets der Erhalt und die Weiterentwicklung vorhandener Strukturen. Mit der Mehrzweckhalle in Ingerkingen ließ sich zeigen, dass trotz erheblicher Erweiterung rund 60 Prozent der Baumasse erhalten werden konnten.
Wo Rückbau unvermeidbar ist – etwa im Zuge städtebaulicher Nachverdichtung –, verstehen wir Gebäude als urbane Minen. Durch selektiven Rückbau und Re-Use-Strategien werden Bauteile erneut in Wert gesetzt. Ein aktueller Forschungsschwerpunkt ist das Projekt „Domino Zirkular“, in dem wir prototypisch zirkuläre Tragwerke aus Altholz entwickeln. Im 1:1-Demonstrator prüfen wir neben technischer und wirtschaftlicher Machbarkeit insbesondere das gestalterische Potenzial des Bauens mit Altholz.
Du warst bereits zuvor in der akademischen Lehre tätig, zuletzt auch am KIT. Wie haben diese Erfahrungen deinen Zugang zur Architekturvermittlung geprägt? Welche Methoden verfolgst du, und welche inhaltlichen Schwerpunkte möchtest du vertiefen?
FK: Meine bisherigen Lehrerfahrungen zeigen, dass integrierte, langfristig angelegte Formate größere inhaltliche Tiefe ermöglichen. Entwurfsstudios werden durch Seminare, Exkursionen und Inputvorträge ergänzt; so entsteht ein diskursiver, forschungsorientierter Lernraum. Projekte wie „Domino Zirkular“ sind bewusst über mehrere Semester angelegt und verknüpfen Entwurf, Konstruktion und Rückbaustrategien.
Methodisch verfolgen wir zunehmend den Ansatz „vom Detail zum Entwurf“. Ausgangspunkt ist die Entwicklung eines Bauteils, aus dem räumliche, typologische und schließlich städtebauliche Strukturen abgeleitet werden. Damit kehren wir die klassische Maßstabslogik um und verstehen das Detail als generatives Instrument. In Zusammenarbeit mit der Professur Digital Design and Fabrication entwickeln Studierende derzeit Bauelemente im Maßstab 1:1. In Zwischenkritiken diskutieren wir robotische Fertigung und ökonomische Skalierbarkeit. Die Ergebnisse sollen in den kommenden Semestern gemeinsam mit der SWSG und der IBA’27 in einem Reallabor umgesetzt werden. Angesichts wachsender Anforderungen an Materialeffizienz, CO₂-Bilanzierung und Rückbaubarkeit gewinnt die konstruktive Durcharbeitung erheblich an Bedeutung. Architekturvermittlung heißt für mich daher, Entwurf als integralen Prozess zu begreifen, in dem Material, Tragwerk und Raum untrennbar verbunden sind.
Eure Praxis im Atelier Kaiser Shen verbindet städtebauliche Konzepte mit gebautem Detail. Wie arbeitet ihr, und wie überträgst du diese Maßstabsarbeit in die Lehre – insbesondere im Kontext kreislaufgerechter Strategien?
FK: Im Atelier Kaiser Shen arbeiten wir in einer kontinuierlichen Verschränkung der Maßstabsebenen. Einerseits entwickeln wir Projekte klassisch vom städtebaulichen Kontext bis ins konstruktive Detail. Parallel dazu forschen wir an wiederkehrenden Fügungsprinzipien, Materialhybriden und Tragwerksstrategien, die projektübergreifend weiterentwickelt werden. Dieser iterative Prozess gleicht einem Pingpong zwischen Raum, Struktur und Detail.
Im Zentrum steht das Tragwerk als ordnende und identitätsstiftende Struktur. Konstruktion verstehen wir nicht als nachgelagerte Technik, sondern als konstitutiven Bestandteil des architektonischen Konzepts – auch im Hinblick auf Materialeffizienz, Lebenszykluskosten und ökologische Performance. Deshalb arbeiten wir bereits in frühen Wettbewerbsphasen eng mit Tragwerksplanern zusammen; entwurfsprägende Ideen entstehen häufig in diesen gemeinsamen Workshops.
Diese Haltung übertrage ich in die Lehre: Studierende lernen, räumliche Qualität aus konstruktiver Logik heraus zu entwickeln. Kreislaufgerechte Strategien verstehen wir nicht additiv, sondern als integrale Entwurfsparameter. Ziel ist eine Architektur, die Maßstabskontinuität, strukturelle Klarheit und zirkuläre Materialstrategien verbindet. Umgekehrt fließen Forschungsergebnisse aus dem KIT direkt in unsere Praxis ein. Derzeit untersuchen wir bei mehreren Bauvorhaben den Einsatz von Altholz und begleiten Bauherren bei dessen Gewinnung durch selektiven Rückbau.
Mit „Wohnterrassen am Schillereck“ habt ihr 2017 Europan 14 gewonnen. Auch wenn das Projekt nicht realisiert wurde, hatte es Folgen für eure Praxis. Welche Rolle spielen Wettbewerbe wie Europan für junge Büros?
FK: Guobin Shen und ich gründeten 2017 das Atelier Kaiser Shen – getragen von unternehmerischem Optimismus und, rückblickend, produktiver Naivität. Wir entschieden uns bewusst für offene Wettbewerbe als strategischen Einstieg. In Deutschland ist deren Zahl jedoch begrenzt, während die Teilnehmerzahlen hoch sind. Bereits im ersten Jahr konnten wir zwei erste Preise gewinnen: das Mikrohaus mit 7 m² Wohnfläche in Ludwigsburg und die Wohnterrassen am Schillereck mit rund 10.000 m² Geschossfläche. Realisiert wurde bislang nur das Mikrohaus.
Dennoch war insbesondere Europan ein zentraler Baustein auf dem Weg in die Selbstständigkeit. Über den Auslober ergab sich ein Direktauftrag, der schließlich zur Umsetzung führte. Offene, qualitätsorientierte Verfahren können als Katalysator für junge Büros wirken. Ich wünsche mir strukturell mehr niedrigschwellige Zugänge – etwa reduzierte Teilnahmehürden bei kleineren Bauaufgaben oder eine stärkere Etablierung offener Wettbewerbe. Sie sind essenziell für Innovation, Diversität und eine nachhaltige Erneuerung der Baukultur.
Wie siehst du vor dem Hintergrund eurer Haltung die aktuelle Architekturlehre? Was wünschst du dir für Studium, Institutionen und Praxis?
FK: Die Architekturlehre befindet sich in einem grundlegenden Transformationsprozess. Neben konzeptionellen Fragen sind Klimagerechtigkeit, Ressourceneffizienz und Kreislaufwirtschaft integrale Bestandteile der Ausbildung geworden. Die Herausforderung liegt darin, gestalterisch anspruchsvolle Architektur mit ökologischer und materieller Verantwortung zu verbinden.
Zentral erscheint mir weniger die Vermittlung statischen Fachwissens als vielmehr strategischer Kompetenzen: Systemdenken, adaptive Entwurfsstrategien und die Fähigkeit, auf sich wandelnde regulatorische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu reagieren. Institutionell wünsche ich mir eine stärkere Verankerung zirkulärer Planungsprinzipien in Curricula und Förderinstrumenten. Förderpolitiken sollten neben energetischer Effizienz auch Re-Use-Quoten, Rückbaubarkeit und den Einsatz ökologischer Materialien berücksichtigen – idealerweise begleitet von qualifizierten Jurys, die architektonische Qualität würdigen.
In Praxis und Lehre plädiere ich zudem für eine Vereinfachung der Bauprozesse. Ziel sind konstruktiv klare, langlebige Häuser, die technisch nicht überkomplex und architektonisch qualitätsvoll sind.