Verantwortung für die Bauwende: Judith Reitz über die Innenarchitekturlehre
In Deutschland bieten 16 Hochschulen ein Studium der Innenarchitektur an, zwei davon in Nordrhein-Westfalen. Judith Reitz leitete bis 2025 als Dekanin die PBSA an der Hochschule Düsseldorf. Dort ermöglicht das „Y-Modell“ einen besonderen Einstieg in die Architektur- und Innenarchitekturlehre: Nach einem gemeinsamen, interdisziplinären Start teilten sich die Wege ab dem 5. Semester in zwei Fachrichtungen. Studierende können sich dann gezielt auf Architektur oder Innenarchitektur spezialisieren. Mit der Zeitschrift „INTUS“ der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen sprach Judith Reitz über die Besonderheiten, Chancen und Verantwortung der Innenarchitekturlehre. Das Interview wird hier erneut veröffentlicht.
Vor welchen Herausforderungen steht die Lehre der Innenarchitektur aktuell?
JR: Die Kernthemen der Innenarchitektur in der kommenden Zeit sind: Wie definieren wir uns in der Bauwende? Wie können wir unseren Gebäudebestand in Deutschland zukunftsfähig ertüchtigen und weiternutzen? Wie saniert man ökologisch, mit welchen Materialien? Welche nachhaltigen Lösungen für die Innenarchitektur gibt es?
Inwieweit ist es in der Lehre wichtig, nicht allein das Know-how für ein klimagerechtes Planen und Bauen zu vermitteln, sondern auch ein grundlegendes Bewusstsein?
JR: Wir wollen, dass die künftigen Innenarchitekt*innen Haltung gegenüber der Zukunft zeigen; dass sie sich mit dem ökologischen Bauen, ja mit demokratischem Bauen auseinandersetzen. Wer heute Architektur oder Innenarchitektur studiert, sollte sich bewusst sein, dass diese Berufsaufgabe mit einer großen Verantwortung verbunden ist.
Welche Rolle spielen in der Lehre die aktuellen Entwicklungssprünge in Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz?
JR: Wir beschäftigen uns mit KI auf ganz vielen Ebenen. Es gibt hier hochschulweit eine KI-AG, in der sich Lehrende aus verschiedenen Disziplinen zusammensetzen und schauen, wie können wir KI besser in die Lehre und in das Lernen einbinden. Wo und wie können Studierende KI sinnvoll und verantwortlich nutzen? Das ist für uns in der Lehre ein ausgesprochen wichtiges Thema.
Die PBSA ist traditionell praxisorientiert. Wie wird dieser Anspruch konkret umgesetzt?
JR: Das Studium ist so aufgebaut, dass man zuerst die Grundlagen lernt und diese in Studios und Projekten anwendet. Wichtig sind uns in der Innenarchitektur auch unsere Reallabore, wo wir innovativ Raum – bestehend und neu – anders denken. Es geht unter anderem darum, sozial und gesellschaftsverantwortlich zu planen, sich Gedanken zu machen, wie eine Nachbarschaft funktioniert, sich ändern kann, oder wie nachhaltiges Weiterbauen im Bestand erreicht werden kann. Als ein Reallabor nutzen wir beispielsweise seit dem Herbst 2024 eine leerstehende Düsseldorfer Kirche in unmittelbarer Nähe der Hochschule für Lehre, Veranstaltungen und Ausstellungen; aber auch, um neue Ideen für solche Bauwerke zu erproben.
Welchen Beitrag kann Innenarchitektur insgesamt für die Gesellschaft leisten?
JR: Die Innenarchitekt*innen von Morgen können die ökologische Transformation voranbringen. Sie können eine nachhaltige, zukunftsfähige Umwelt gestalten, denn sie gehen mit dem um, was wir haben – mit dem Wert des Bestandes. Auf diesem Weg können Innenarchitektinnen und Innenarchitekten alles ein bisschen lebenswerter machen.
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