„Der Klimawandel macht nicht vor Innenräumen halt. [...] Wir brauchen auch die Beiträge aus der Innenarchitektur.“
Seit über 20 Jahren lehrt Diane Ziegler Innenraumgestaltung – mit einem klaren Fokus auf internationale Zusammenarbeit. Gemeinsam mit ihren Studierenden verwandelt sie knappe Ressourcen in kreative Lösungen und bringt ihre Projekte bis auf die Biennale in Venedig.
Welche Rolle spielt für Sie die Verbindung von Innen- und Außenräumen, und wie hat dieser Gedanke Ihre Arbeit und Lehre geprägt?
DZ: Innen und Außen gehören für mich untrennbar zusammen. Deshalb habe ich nach meinem Innenarchitekturstudium in Coburg noch Architektur und Stadtplanung an der Uni Stuttgart studiert. Meine ersten Berufserfahrungen sammelte ich bei Foster and Partners in London – ein Highlight war die Mitarbeit am British Museum. Diese Zeit hat mich nachhaltig geprägt: In einem internationalen Team aus zwölf jungen Architekt*innen aus neun Ländern haben wir den Great Court gestaltet – einen Außenraum, der zum Innenraum wurde. Heute ist er das Herzstück und Wahrzeichen des Museums. Seitdem sehe ich Innen und Außen nicht mehr getrennt.
Sie haben den internationalen Masterstudiengang „Interior-Architectural Design“ (IMIAD) an der HFT Stuttgart maßgeblich mitaufgebaut. Wie verläuft die Arbeit in internationalen Teams?
DZ: Kurz nach meiner Zeit in London bin ich – mitten in einer Phase des Umbruchs – als Professorin für Innenraumgestaltung an die HFT Stuttgart berufen worden. Der Bologna-Prozess, also die Idee eines gemeinsamen europäischen Hochschulraums, steckte gerade in den Anfängen. Den internationalen Masterstudiengang Interior-Architectural Design habe ich gemeinsam mit meinem Kollegen Eberhard Holder aufgebaut und viele Jahre geleitet. Bis heute versuche ich in internationalen Workshops, Studierenden Neugier und Offenheit für unterschiedliche Perspektiven zu vermitteln. Das Arbeiten in internationalen Teams begeistert mich nach wie vor – und ich finde, es ist heute wichtiger denn je, einander kennen- und wertschätzen zu wollen.
Können Sie uns von einem aktuellen Projekt berichten, das beispielhaft dafür ist?
DZ: Ein aktuelles Beispiel: Im März 2024 haben wir den Workshop RE:LIFE Ukraine veranstaltet. Zwölf Studierende der National Academy of Fine Arts and Architecture aus Kyjiw kamen mit zwei Professorinnen nach Stuttgart, um gemeinsam mit unseren Architektur-, Innenarchitektur- und KlimaEngineering-Studierenden ein Wohngebiet für geflüchtete Familien aus Bachmut zu entwerfen. Daraus sind bis heute weitere Studien- und Abschlussarbeiten entstanden, und zwei Studierende aus Kyjiw konnten dank eines Stipendiums ein Semester in Stuttgart verbringen.
Gute Innenarchitektur braucht nicht unbedingt große Budgets. Welche Chancen sehen Sie im Gestalten mit knappen Ressourcen?
Neben internationalen Projekten liegen mir soziale Themen besonders am Herzen. Gerade Menschen, die alt, krank, sozial schwach oder in irgendeiner Form eingeschränkt sind, brauchen gute Innenräume – und genau diese bekommen leider oft zu wenig Aufmerksamkeit und Budget. Ein Beispiel ist Tonis Ladencafé in Ellwangen, ein Second-Hand-Laden mit Café, in dem Menschen mit geistiger Behinderung arbeiten. Hier war fast kein Geld vorhanden. Unsere Studierenden haben daraus eine Stärke gemacht: Unter dem Motto nichts wegwerfen, nichts neu kaufen haben sie mit viel Einsatz Materialien gesammelt, Möbel wiederverwendet und den Laden gemeinsam mit den Mitarbeitenden umgebaut. Ein kleines Projekt mit großer Wirkung.
Sie haben an der aktuellen Ausstellung „Keep Cool!“ im Salone Verde art & social club auf der Biennale in Venedig mitgearbeitet. Dort werden Beiträge zum Thema klimaresiliente Stadtgestaltung gezeigt. Wie kam es zu Ihrer Beteiligung und was war Ihr genauer Beitrag?
DZ: Die Teilnahme am internationalen Diskurs ist mir wichtig. So war ich bereits 2023 mit Studierenden auf der Architekturbiennale in Venedig. Dieses Jahr hatten wir die besondere Chance, im Salone Verde auszustellen. Der Workshop „Keep Cool! Workshop for Cool Cities“ stellte die Frage: Wie lebt man mit dem Klimawandel – und was können wir von Kulturen lernen, die schon seit Jahrhunderten mit großer Hitze umgehen? Schatten ist dort selbstverständlich, und genau daran haben wir angeknüpft. Gemeinsam mit meinem Kollegen Prof. Ralf Petersen haben wir ein Team gebildet, das eine „Schattenwolke“ entwickelt hat: Studierende der Uni Stuttgart und dem FumaLab haben gemeinsam mit Studierenden der Innenarchitektur der HFT Stuttgart über 400 Module aus dehnbarem Stoff, mit Miscanthusstäben zu hyperbolischen Paraboloiden verformt und Myzelpaste bestrichen, die unter Laborbedingungen verfestigt wurden. In einem Netz aufgehängt, wirken sie wie eine schwebende Wolke, durchbrochen von einem pulsierenden Sonnenball aus 24 LED-Modulen – entwickelt von Elektrotechnik-Studierenden der TH Deggendorf.
Nachhaltigkeit und Transformation werden oft vor allem städtebaulich diskutiert. Wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht, dass auch die Innenarchitektur in diesen Dialog eingebunden wird?
DZ: Der Klimawandel macht nicht vor Innenräumen halt. Es stimmt – viele Diskussionen zu Nachhaltigkeit und Transformation finden noch stark aus städtebaulicher Perspektive statt – aber wir brauchen auch die Beiträge aus der Innenarchitektur. Carlo Ratti, der Kurator der diesjährigen Biennale, hat betont, dass alle Formen von Wissen und Gestaltung in diesen Diskurs einfließen müssen. Genau das ist meine Leidenschaft: Menschen zusammenzubringen, über Disziplinen und Ländergrenzen hinweg. Wenn wir bereit sind, einander zuzuhören, Wissen zu teilen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen, können wir die Herausforderungen unserer Zeit meistern – ökologisch und gesellschaftlich.