Die Werte von Cergy: Interdisziplinäre Ausstellung “Laboratoire des Transformations”
Weitergedacht für die heutige Zeit: Eine universitätsübergreifende Ausstellung sammelt Strategien für das Grand Centre Cergy, ein urbanes Experiment aus den 1960er Jahren, dessen Zukunft auf dem Prüfstand steht.
Rund 30 Kilometer nordwestlich von Paris entstand Cergy-Pontoise Ende der 1960er-Jahre als neues urbanes Zentrum – geplant nach den Prinzipien der Moderne. Ein halbes Jahrhundert später wird das einstige Vorzeigeprojekt zum Freiluftlabor für Wandel. Unter dem Titel „Laboratoire des Transformations“ leitete Stadtplaner und Gastprofessor Alessandro Gess im Wintersemester 2023/24 ein Entwurfsstudio am Karlsruher Institut für Technologie. Daraus entstand eine gleichnamige Ausstellung – ein interdisziplinäres Projekt mehrerer Hochschulen. Das wirft die Frage auf: Wie lässt sich der vernachlässigte Bestand des Stadtzentrums erneuern und weiterentwickeln?
Von Grund auf geplant
Mit Brasília schufen Lúcio Costa, Oscar Niemeyer und Roberto Burle Marx eine weltberühmte Blaupause der modernen Stadt. In Europa war der Neubau ganzer Städte in der Nachkriegszeit weniger prestigeträchtig – und meist eine Reaktion auf akute Wohnungsknappheit. In Großbritannien nannte man sie New Towns, in Frankreich Villes Nouvelles. Fünf davon wurden nahe Paris gebaut, um die Metropolregion zu erweitern. 1965 begann der Ingenieur Bernard Hirsch mit der Planung von Cergy-Pontoise. Als Vorbild diente der finnische Stadtteil Tapiola, ein großangelegtes Neubauprojekt bei Helsinki. Cergy Grand Centre, das neue Zentrum, wuchs rasch: Rund 200.000 Menschen, 25.000 Studierende und 4.000 Unternehmen profitierten von der guten Anbindung an die Hauptstadt.
Überholte Utopie?
Heute verkörpert das Cergy Grand Centre eine Vision von Urbanität, geprägt vom Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit. Ein erhöhter öffentlicher Sockel verbindet Geschäftsviertel, Einkaufszentrum und Universität. Fußgänger*innen und Autos bewegen sich auf getrennten Ebenen. Doch das Viertel wirkt heute wie aus der Zeit gefallen. Leerstand, Sanierungsbedarf – und die Abrissbirne steht im Raum.
Gleichzeitig scheint das Interesse an der Geschichte der Stadt zu wachsen. Alessandro Gess erhielt zahlreiche Anfragen von Hochschulen, Führungen durch Cergy zu organisieren. Das brachte ihn auf die Idee, ihre Qualitäten aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Kann das junge architektonische Erbe für Bewohner*innen und Investor*innen wieder attraktiv werden? Wie lässt sich wirtschaftliches Wachstum fördern, der öffentliche Raum beleben, die Lebensqualität steigern – und die vorhandene Bausubstanz sinnvoll weiterentwickeln? Und was braucht es, damit die universitäre Struktur zukunftsfähig bleibt?
Ein transdisziplinäres Aufklärungsprojekt
Antworten auf diese Fragen bot die Ausstellung „Laboratoire des Transformations“, die im September 2024 an der École nationale supérieure d'arts de Paris-Cergy stattfand. Spekulative Entwürfe und experimentelle Zukunftsszenarien spannen das visionäre Narrativ der Stadt weiter und regten den Dialog mit Entscheidungsträger*innen an. Sieben Hochschulen aus verschiedenen Disziplinen – Landschaftsarchitektur, Kunst, Architektur, Wirtschaft, Sozialwissenschaften und Stadtplanung – beteiligten sich. Die Ergebnisse des von Gess geleiteten Entwurfsstudios am KIT lieferten gestalterische Lösungsansätze in enger Einbeziehung des Bestands. Die Vielfalt der Beiträge reichte von großformatigen Modellen bis zu Archivmaterial über die Entstehung des Quartiers – ein Aufklärungsprojekt, das Geschichte und Zukunft verzahnte.
Experiment mit Wirkung?
Grand Centre Cergy, geboren aus visionärer Kraft, braucht neue, ebenso mutige Ideen, um weiterzuleben – das machte die zweiwöchige Ausstellung deutlich. Sie sprengte den akademischen Rahmen und brachte Student*innen, Stadtverwaltung, Immobilieneigentümer*innen und -entwickler, Planende und Bürger*innen ins Gespräch. All diese Gruppen prägen das Schicksal des Stadtzentrums – und treffen hier aufeinander. Ob das interdisziplinäre Projekt die komplexe Transformation von Cergy Grand Centre tatsächlich vorantreibt, bleibt offen. Doch als akademisches Experiment und öffentlicher Impuls war es zweifellos wirksam.