Udo zieht ein: Wie optimist office mit positiven Geschichten gegen Privatisierung kämpft

Vier Architekt*innen aus München, Zürich und Brüssel hinterfragen, wer in Europa welche Gebäude besitzt – und entwerfen Alternativen. Mit Forschung, Stadtführungen und einem fiktiv eingezogenen Udo Lindenberg.

350.000 Quadratmeter Bürofläche für eine Milliarde Euro: Im Sommer 2023 kündigte die Europäische Kommission die größte Immobilientransaktion in der Geschichte Brüssels an. Um bis 2030 klimaneutral zu werden, verkauft sie die Hälfte ihrer Gebäude an einen privat verwalteten Investmentfonds. Genau diesen blinden Fleck hat optimist office zu seinem Forschungsgegenstand gemacht. Maximilian Lewark, Tim Schellhammer, Josiane Schmidt und Alexander Throm gründeten ihre Kollektivgesellschaft in Zürich aus einer gemeinsamen Diplomarbeit – und arbeiten heute zwischen München, Zürich und Brüssel an der Frage, wie sich Eigentumsverhältnisse europäischer Institutionen sozial gerechter gestalten lassen. Die ETH-Medaille sowie Preise des SIA und des BDA Bayern würdigten ihre Arbeit bereits. 

#StudioUnderConstruction blickt auf Entstehungsgeschichten, Projekte und Philosophien von Architekturbüros, die ihre Gründung innerhalb der letzten fünf Jahre vollzogen haben – oder mittendrin stecken. Eine Reihe von und für Newcomer*innen.

Vom Studium zum Kollektiv

Kennengelernt haben sich die vier im ersten Bachelorsemester an der TU München. Nach Auslandsstationen in Valparaíso, Delft, Aarhus und Athen sowie Praktika bei Büros wie Krucker in Zürich, noAarchitecten in Brüssel oder Sergison Bates in London studierten Max, Alex und Josiane an der ETH weiter. Tim ging für ein Jahr nach London und schloss seinen Master in München ab. 2024 brachte sie ein spekulativer Ideenwettbewerb der Zürcher Arbeitsgruppe Städtebau (ZAS) zu den Triemli-Hochhäusern zusammen – ehemalige Personalwohnheime eines Klinikums, die abgerissen werden sollten, ohne Ersatzplan.

Statt einer klassischen Planabgabe reichten die vier einen Film ein, in dem sie Musiker Udo Lindenberg fiktiv in das geplante Stadthotel einziehen ließen – samt Voiceover von einem Cousin Josianes, der die Stimme imitieren kann. Lindenberg, seit 25 Jahren tatsächlicher Bewohner des Hotels Hamburger Atlantic, erklärte aus Bewohnersicht das Konzept verschiebbarer Wände, gemeinschaftlicher Etagen und einer vorgelagerten Infrastrukturschicht. Die Jury prämierte den Beitrag, weil er die städtebauliche Idee auch außerhalb der Fachwelt vermittelte. Der Wettbewerb wurde zum Gründungsmoment: nicht durch ein Manifest, sondern durch die Erkenntnis, wie kraftvoll eine optimistisch erzählte Geschichte sein kann.

HINTERM HORIZONT // ZAS*

21 Buildings: Forschung als Eingriff

Aus der ETH-Diplomarbeit von Max, Alex und Josiane – betreut von An Fonteyne – entstand 2025 das zweijährige Forschungsprojekt „21 Buildings“. Im Fokus steht das großangelegte Stadtentwicklungsprojekt „Cityforward“ in Brüssel. Hier sollten leistbarer Wohnraum und öffentliche Nutzungen entstehen. Die Realität: Social Housing scheitert am fehlenden Vorkaufsbudget der Region, die Kategorien „Public“ und „Commerce“ wurden in Verhandlungen zusammengelegt – ein Supermarkt zählt nun als öffentliche Nutzung.

Optimist Office reagiert mit Workshops, Ausstellungen und Stadtführungen, bei denen Max, Alex und Josiane jeweils die Rolle einer Akteur*in übernehmen – Stadt, Kommission, Privatmarkt. Susann spricht als kritische Erzählerin. An den Workshops nimmt teilweise die Europäische Kommission selbst teil. Im Gegenentwurf „Ode to Joy“ trennen sie Bodenbesitz vom Gebäudebesitz: Bleibt der Grund im Erbpachtmodell beim Staat, lassen sich über Gegenfinanzierungsmechanismen die Hälfte der Wohnungen unter Marktpreis realisieren. 

Optimismus als Strategie

„Wir wollen lieber die optimistische Geschichte über die Zukunft erzählen, als zu sagen, alles sei schlecht“, sagt Max. Die vier finanzieren sich derzeit über halbe Lehrstellen: Tim lehrt seit 2025 an der TU München. Max, Alex und Josiane leiten seit 2024 das Entwurfsstudio station+ an der ETH Zürich, das eng mit der Brüsseler Forschung verzahnt ist. Parallel sind die drei seit 2023 an der Konzeption von HouseEurope! beteiligt: Josiane managt aktuell die zweite Europäische Bürgerinitiative „Right to Housing! Now and Forever!“. Ob klassisches Architekturbüro oder forschende Plattform: Diese Trennung interessiert die vier weniger als die wichtige Frage, wie sich Eigentum, Wohnen und Repräsentation in Europa tatsächlich neu verhandeln lassen.