Erste Hilfe fürs Milchhäusla: Design-Build mit Dorfbeteiligung in Arnstein

Zwei Semester und ein leerstehendes Milchhaus: Studierende haben in Oberfranken ein obsoletes Infrastrukturgebäude gesichert – mit Reuse-Material, Minimalmaßnahmen und viel Beteiligung aus dem Dorf.

Egal, wen die Arnsteiner*innen auch auf ihr altes Milchhaus schauen ließen, die Urteile fielen oft düster aus: Abreißen hieß es, oder zumindest den Dachstuhl abschreiben. Heute steht die ehemalige Milchsammelstelle des oberfränkischen Dorfes bei Weismain wieder unter einem tragfähigen Dach. Über eine Bundestagsabgeordnete war der Ort an die Hochschule Coburg herangetreten. Die Kommune als Eigentümerin will das Gebäude dem örtlichen Gartenbauverein überlassen.

Ein Stegreif im Sommersemester 2025 lieferte erste Entwürfe. Daraus entwickelte Prof. Benedikt Buchmüller an der Fakultät Design und Bauen ein Projekt über zwei Semester: Im Wintersemester 2025/26 untersuchten Bachelorstudierende den Bestand und holten die Dorfgemeinschaft ins Boot. Im Sommersemester 2026 setzten zwölf Studierende, betreut von den Lehrbeauftragten Jonas Urbasik und Ines Klaue, erste Sicherungsmaßnahmen um, gemeinsam mit dem städtischen Bauhof, Auszubildenden einer lokalen Baufirma und den Bewohner*innen.

Eine Typologie auf der Abrissliste

In Milchsammelstellen wurde die Milch oft in gemauerten Becken mit Quellwasser, gekühlt bis Molkereien sie abholten. Zugleich waren die Bauten quasi die dörfliche Nachrichtenbörse. Mit Kühltanks auf den Höfen wurden sie obsolet, viele stehen heute leer. Für Benedikt Buchmüller ist das „Milchhäusla“ deshalb ein ideales Studienobjekt: überschaubar in der Größe, typologisch aber in nahezu jedem Dorf der Region präsent. „Diese Gebäude sind identitätsstiftend und gehören zur Kultur der oberfränkischen Dörfer“, sagt er. „Sie alle abzureißen, ist keine Lösung.“

Erst kartieren, dann diskutieren

Nach einem im Sommersemester vorangegangenen Entwurfs-Stegreif zum Thema (betreut von Prof. Mario Tvrtković) begann die schließliche Arbeit nicht im „Elfenbeinturm der Hochschule“, sondern vor Ort. In einem Workshop bei eisiger Kälte erstellten die Studierenden drei Mappings: zu den Akteur*innen im Dorf und ihren Fähigkeiten, zu lokalen Materialvorkommen und schließlich zum baulichen Bestand. Letzteres versachlichte die Abrissdebatte: Das Dach war schlicht falsch konstruiert, Putz fehlte. 

Daraus leiteten sie kostengünstige „First-Responder-Maßnahmen“ ab – nur das, was das Gebäude für eine Nutzung tatsächlich braucht. Im Januar hingen 1:1-Mock-ups für Fenster, Tür und Dach direkt am Gebäude. So ließ sich am Objekt diskutieren, was das Haus braucht und wer es künftig nutzt. Anfangs sei man dort laut dem Team „wie Außerirdische“ gewesen. Aber: Gemeinsame Essen und Veranstaltungen wie diese schufen Gesprächsanlässe, vor allem aber überzeugte die Präsenz vor Ort: Aus Skepsis wurde Motivation, am Ende wollten alle mitmachen.

Bauteiljagd statt Baumarkt

Im Sommersemester machte eine neue Gruppe die Maßnahmen baubar. Ihre Leitfrage: „Wie sehen die Baustellen der Um-Bauwende aus?“ Die Planung orientierte sich an den HOAI-Leistungsphasen, erprobte aber alternative Formen der Darstellung und Vermittlung. Parallel durchforsteten die Studierenden Online-Kleinanzeigen und Scheunen der Umgebung und passten die Entwürfe fortlaufend an das tatsächlich Gefundene an. So entstanden einfache, sichtbare Konstruktionen, deren Gestalt sich aus dem verfügbaren Material ergibt.

In zwei Bauwochen vor Ort stand das Dach im Zentrum: Die Deckung wurde abgenommen und gereinigt, die Konstruktion ertüchtigt und gerichtet, eine Mindestwärmedämmung ergänzt, die Anschlüsse neu ausgerichtet und zuletzt mit allen Beteiligten neu eingedeckt. Für diese anspruchsvollen Arbeiten gab der ausgebildete Handwerker Benedikt Buchmüller Einführungskurse, Werkstattmeister der Hochschule begleiteten die Gruppe eng.

Finanziert hat den Umbau die Kommune, ausgeschöpft wurde das Budget jedoch interessanterweise nicht: Reuse-Bauteile kosteten fast nichts. Was aber organisatorisch eher ins Gewicht fiel, war vor allem der Transport im hochschuleigenen Sprinter. Fahren durften ihn die Studierenden nur als eigens angestellte Hilfskräfte – ein Indiz dafür, dass Hochschulstrukturen noch ausbaufähig sind, wenn es um Design-Build-Projekte geht.

Vom Design-Build zum Reallabor

Gestartet ist das Projekt als Design-Build, im Vordergrund stand das Bauen. Ob das Dorf mitzieht, ließ sich nicht voraussetzen. Weil die Beteiligung gelang, ordnet das Team es rückblickend auch in gewisser Weise als Reallabor ein. Den viel genutzten Begriff grenzt er dabei genau ab: Die Bauwochen folgten dem Design-Build-Prinzip. Insgesamt aber hat das Projekt einen forschenden Kern erhalten. Es erprobt unter realen Bedingungen und mit Menschen außerhalb der Hochschule. Die zentrale Erkenntnis ist laut Benedikt Buchmüller zugleich die Kernaufgabe der Um-Bauwende: früh Ownership erzeugen, damit Menschen nicht nur mitbauen, sondern auch mitentscheiden.

Wichitg an dieser Stelle zu betonen ist, dass auch aus Sicht des Lehrteams ein solches Projekt kein Ersatz für einen regulären Auftrag ist, sondern ein eigenes Modell. Hochschulen nehmen Handwerk und Planungsbüros nichts weg, vielmehr ermöglichen sie Vorhaben, die sonst schlicht nicht entstünden. Fertigstellen wollte das Team das Milchhaus nicht zwingend, vielmehr aber einen Impuls setzen. Diesen greift die Gemeinde nun mit großem Elan auf. Und aus umliegenden Orten erreichen die Hochschule bereits zahlreiche weitere Anfragen.