Bauland über dem Fluss: Bachelorarbeiten planen Wohnraum auf einer Heidelberger Brücke
Wo täglich der Verkehr über den Neckar rollt, könnte künftig auch gewohnt werden: Studierende aus Kaiserslautern haben die Theodor-Heuss-Brücke als Grundstück betrachtet.
Brücken werden gebaut, um sie zu überqueren. Verweilen ist dort nicht vorgesehen. Und Wohnen? Schon gar nicht. Angehende Architekt*innen haben diese Selbstverständlichkeit umgedreht: Auf der Theodor-Heuss-Brücke, die die Heidelberger Altstadt mit Neuenheim verbindet, könnte man künftig auch zu Hause sein. So zumindest in den Entwürfen, die im Sommersemester 2026 bei Prof. Valerio Calavetta an der Professur für Entwerfen und Konstruieren der Hochschule Kaiserslautern entstanden sind. Unter dem Titel „housing for all – Überbauung als städtische Ressource“ gingen die Abschlussarbeiten einer zunehmend dringlichen Frage nach: Wo entsteht bezahlbarer Wohnraum, wenn Fläche knapp ist und jeder versiegelte Quadratmeter zählt? Ihre Antwort: auf Bauwerken, die ohnehin schon da sind. Allerdings unter einer Bedingung: Die Brücke durfte keine Verkehrsfläche verlieren.
Starres Tragwerk, bewegliches Wohnen
Kaum ein Bauwerk ist so festgelegt wie eine Brücke – gerade dieser Widerspruch machte die Aufgabe reizvoll. Die Tragachsen des Bestands geben die Lastabtragung vor. Auch die Höhenniveaus und die Verkehrsführung samt Straßenbahn sind gesetzt. Das Wohnen darauf sollte dagegen so beweglich wie möglich sein. Haushalte wachsen, schrumpfen oder setzen sich neu zusammen, und die Wohnungsgrundrisse sollten darauf reagieren können. Schaltzimmer und Räume ohne feste Funktion dienten als Werkzeuge dafür. Günstig sollten die Wohnungen trotzdem bleiben, ohne dass die Raumqualität leidet. Ergänzt wird das Programm durch gemeinschaftliche und öffentliche Nutzungen. Denn Wohnungen allein machen aus einer Verkehrsachse noch keinen Stadtraum.
Zwischen den Ufern
Wie das gelingen kann, ließ sich nur aus dem Bestand heraus beantworten. Nach einer Ortsbegehung zu Semesterbeginn untersuchten die Studierenden die Brücke genau: Erschließung, Lärm und Mikroklima, Blicke ins Neckartal und Anschlüsse an die Ufer. Was nach einer Liste von Hindernissen klingt, wurde zum Regelwerk für den Entwurf, vom Stadtraum über die Konstruktion bis zur einzelnen Wohnung. Sichtbar wurde das am gemeinsamen Umgebungsmodell im Maßstab 1:200. Alle setzten dort eigene Platten ein, anfangs als reine Strukturmodelle, am Ende als ausgearbeitete Architektur. Detaillierte Schnittmodelle und Detailaxonometrien sollten zeigen, ob die Idee auch trägt.
Exemplarisch sind davon drei der Arbeiten in unserer Galerie zu sehen. Eine davon spannt ein zweites Plateau über die gesamte Brückenbreite. Unter ihm fließt der Verkehr weiter, auf ihm entsteht eine neue Ebene zum Verweilen mit Gewerbe und Gemeinschaftsräumen. Erst darüber folgen in einem schmaleren Baukörper die Wohnungen. Eine andere Arbeit legt ebenfalls eine Gemeinschaftsebene über die Fahrbahn, allerdings eher als Innenraum. Auf ihr staffelt sich der Baukörper in die Höhe, die Clusterwohnungen lassen sich dank leichter Wände neu aufteilen. Die dritte macht den Gegensatz von festem Tragwerk und beweglichem Wohnen zur Konstruktion: An massiven Stützen hängt eine leicht wirkende Struktur mit frei einteilbaren Flächen, obenauf liegen Dachgärten mit natürlich bester Aussicht auf den Fluss.
Öffentlicher Ort heißt öffentlicher Diskurs
Wohnungen allein machen aus einer vorerst reinen Verkehrsachse aber längst noch keinen Stadtraum. Deshalb gehörten zu jedem Entwurf auch gemeinschaftliche und öffentliche Angebote. Sie sollen Nachbarschaft stiften und die Brücke zu einem Ort machen, an dem man sich gerne aufhält. Folgerichtig blieben die Arbeiten nicht in der Hochschule.
Zusammen mit der Stadt Heidelberg und dem Verein Neckarorte wurden sie im öffentlichen Raum ausgestellt, frei zugänglich und nahe am Bearbeitungsort. So erreichte die Fachdebatte die Menschen, die sie betrifft. Nach eigener Aussage will die Professur auch weiter zu Infrastruktur und Wohnen forschen. Die bewohnte Brücke bleibt vorerst ein Gedankenexperiment. Es zeigt aber, wie viel Bauland im viel befahrenen Bestand stecken kann.