Architektur im Mitfahrmodus: Studio Sozia plant offen weiter
Studio Sozia, gegründet von Lisa Häberle und Valerio Calavetta, verstehen Architektur als gemeinsames Arbeiten und Weiterdenken. Ihr Ziel: offene Typologien und Räume, die sich mit ihren Nutzer*innen verändern können.
Ein leerstehendes Grundstück, ein Wochenende im Lockdown und zwei Menschen, die eigentlich gar kein Büro gründen wollten – so fing Studio Sozia an. Lisa Häberle, gerade frisch aus dem Studium, und Valerio Calavetta, damals bei Allmann Wappner tätig, entwickelten 2020 spontan einen Entwurf für einen Auftrag im Familienkreis. Ohne Bauerfahrung, ohne Businessplan, eher aus Neugier. Das Ergebnis: das „Tina-Gebäude“. Geplant als Bürohaus, lässt es sich später ohne großen Aufwand in Wohnungen umbauen. Für dieses flexible Konzept erhielt das Projekt die Hugo-Häring-Auszeichnung und schaffte es auf die Shortlist des DAM-Preises 2024. Damit war klar: Sie machen weiter. 2021 gründeten sie offiziell Studio Sozia in Karlsruhe.
#StudioUnderConstruction wirft einen Blick auf Entstehungsgeschichten, Projekte und Philosophien von Architekturbüros, die ihre Gründung innerhalb der letzten fünf Jahre vollzogen haben – oder mittendrin stecken. Eine Reihe von und für Newcomer*innen.
Warum „Sozia“?
Der Name spielt bewusst mit dem Bild einer Beifahrerin: „Sozia“ steht für Mitfahrende, Verbündete, Gefährtinnen. Architektur entsteht für Studio Sozia nicht als Sololeistung, sondern als gemeinsame Fahrt – mit Auftraggebenden, Nutzer*innen und Nachbarschaften.
Flexibel denken, flexibel bauen
Wie kann Architektur offen bleiben, statt endgültig zu sein? Diese Frage stellten sich Lisa und Valerio beim Entwurf für das Tina-Gebäude in Breisach bei Freiburg. Der Ausgangspunkt war pragmatisch: Wohnraum war im Großraum Freiburg kaum bezahlbar, Gewerbeflächen dagegen noch erschwinglich. Also kaufte die Eigentümerschaft ein Gewerbegrundstück, rund 85 Prozent günstiger als eine vergleichbare Wohnimmobilie. Studio Sozia entwickelte daraufhin einen Entwurf für ein Gebäude, das heute als Büro funktioniert. Ohne großen Umbau kann es in Wohnungen verwandelt werden, sobald der Bebauungsplan das erlaubt. Die Architektur folgt deshalb einer einfachen Logik: Alles, was sich schwer ändern lässt – Tragwerk, Raster, Erschließung, Installationen – wurde so geplant, dass es für beide Nutzungen funktioniert. Keine typischen Bürotiefen, keine festen Raummodule. Eher ein offenes System, das verschiedene Zuschnitte zulässt. Ob Einzelbüro, Coworking oder Zweizimmerwohnung, alles ist denkbar, ohne die Grundstruktur anzutasten. Dabei bauten Lisa und Valerio weitgehend in Eigenregie, was viel Improvisation, Recherche und das Wälzen von Literatur erforderte, um die Wissenslücken nach der Uni zu schließen.
Zwischen Uni und Büro
Parallel zu ihren Projekten lehren Lisa und Valerio am Karlsruher Institut für Technologie. Die Lehrtätigkeit ist für sie eine Erweiterung der architektonischen Praxis: Die Lehre hält das Büro finanziell flexibel, eröffnet Freiräume für Experimente und bringt frischen Input von Studierenden. Dazu gehört zum Beispiel das Forschungsprojekt „Sortenrein Bauen“, das in einem Handbuch zeigt, wie man nach den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft plant und baut. Daneben beschäftigen sie sich mit Themen wie kollektivem Planen und Konstruktionen für die Demontage. Seit dem Wintersemester hat Valerio zudem die Professur für Entwerfen und Konstruieren in Kaiserslautern inne, was das Zusammenspiel von Lehre und Praxis intensiviert.
Diese Offenheit spiegelt sich auch in der Bürostruktur wider. Studio Sozia bleibt bewusst klein, ohne Chefzimmer oder klassische Hierarchie. Stattdessen sitzen alle an einem großen runden Tisch, wo Entscheidungen gemeinsam getroffen werden. Projektbezogene Unterstützung kommt von Werkstudierenden oder externen Partner*innen aus Grafik, Szenografie und Forschung.
Architektur zum Mitkochen
Nach dem ersten Projekt folgte nicht automatisch der nächste Auftrag. Wettbewerbe blieben verschlossen, weil Referenzen fehlten – ein typischer Zyklus für neue Büros. Statt sich entmutigen zu lassen, setzten sie eigene kleine Projekte um: Dazu gehört zum Beispiel die Mobile Küche, entwickelt mit der Jugendarbeit Karlsruhe für das Jugendpastorale Team Südwest. Ein Wagen, der sich vor Ort in Kochstelle, Lernraum oder Bühne verwandeln lässt. Keine feste Architektur, sondern eine, die sich aufklappt, auszieht, wandert und immer wieder neu angeeignet wird. Ziel des Projekts ist es, das Angebot für Jugendliche zu stärken und einen breiten Zugang auch außerhalb kirchlicher Strukturen zu schaffen. Auch die Konstruktion bleibt bewusst einfach und nachhaltig: Schraubverbindungen statt Kleber, regionales Borkenkäferholz, autarke Stromversorgung.
Neuer Maßstab, gleicher Ansatz
Mit dem ersten Preis im Wettbewerb „Fernwärmespeicher mit Verteilzentrale“ in Karlsruhe hat Studio Sozia aktuell erstmals ein Projekt im städtebaulichen Maßstab gewonnen. Ihr Entwurf öffnet das bisher abgeschottete Areal der Stadtwerke und verwandelt es in einen durchlässigen Stadtbaustein, der Industrie, Grünraum und Nachbarschaft neu verknüpft.
Vom spontanen Entwurf an einem Lockdown-Wochenende bis zum städtebaulichen Wettbewerbssieg zeigt sich bei Studio Sozia ein roter Faden: Architektur entsteht nicht aus Druck oder Prestige, sondern aus Neugier, Improvisation und dem Versuch, Räume offen zu halten. Vielleicht ist das bis jetzt ihr größter Erfolg. Nicht die Preise, sondern die Art, wie sie Räume und Beziehungen immer wieder neu denken, flexibel und mit Blick auf alles, was noch kommen könnte.