Stadt von innen: Studio zur Umnutzung eines Gewerbebaus in Genf
Im Studio Baylon 2 deckten neun Bachelorstudierende das Potenzial eines Industriegebäudes auf und regten einen Transformationsprozess an, der vom Innenraum ausging.
Neben Film, Fotografie, Illustration und sogar Uhrendesign bietet die Haute école d'art et de design (HEAD) in Genf auch ein praxisnahes Studium der Innenarchitektur an. Seit eineinhalb Jahren untersucht das Bachelorstudio von Line Fontana und David Fagart, wie bestehende Bauten im Entwicklungsgebiet Praille Acacias Vernets (PAV) in Genf aufgewertet werden können. Im Sommersemester 2025 nahmen die Studierenden ein konkretes Bestandsgebäude unter die Lupe.
Untersuchungsobjekt: Baylon-Block
Das städtebauliche Großprojekt PAV plant, ein 230 Hektar großes ehemaliges Bahngelände in Genf umzuprogrammieren und zu verdichten. Im nördlichen Teil des Areals soll ein Ökoquartier entstehen. Dabei gilt es, bestehende Gewerbeflächen und Industriebauten in die Planung einzubeziehen, um neue Wohnqualitäten und gemischte Nutzungen zu schaffen.
Das Atelier Baylon 2 konzentrierte sich bereits zum zweiten Mal auf die Umgestaltung des ehemaligen Industrieareals an der Rue Baylon. Diesmal stand ein unscheinbares Handwerksgebäude aus den 1980er Jahren im Fokus, dessen Zukunft zwischen Abriss und Restaurierung schwankte. Wie lässt sich aber der gewerblich geprägte Bau für Wohnzwecke umnutzen? Und wie kompatibel ist die neue programmatische Ausrichtung mit der bestehenden Raumstruktur? Die größte Herausforderung lag in der beträchtlichen Gebäudetiefe: Der kompakte Baukörper misst 42 × 35 Meter. Für das Team überwogen allerdings die Qualitäten des Gebäudes – das großzügige Stützenraster, die hohen Räume und die nichttragende Fassade.
Vom Totem zum Geländerdetail
Die Studierenden näherten sich der Aufgabe schrittweise. Zunächst analysierten sie das Gebäude als Ganzes. Anschließend arbeiteten kleinere Teams an einzelnen Bereichen, die sie weiterentwickelten. Dabei entstanden mehrgeschossige Architekturmodelle im Maßstab 1:100 sowie abstrakte Totem-Strukturen. Im nächsten Schritt entwarfen die Studierenden individuelle Lösungen – ein weiterer Zoom-in in das analysierte Gebäudefragment und eine tiefergehende Beschäftigung mit Detailfragen und Mobiliar. Mit realistischen Schnittmodellen und abstrahierten Visualisierungen setzten sie ihre Arbeit fort.
Die Stadt von innen denken
Seit Jahren erforschen Line Fontana und David Fagart in ihrer Praxis und Lehre Strategien zur Erneuerung der Stadt ausgehend vom Innenraum. Sie sehen in Innenräumen ein großes Potenzial, den gesellschaftlichen Wandel abzubilden und mitzugestalten. Ihr Fokus liegt auf der Anpassung bestehender Wohnräume an neue Bedürfnisse und Lebensstile sowie auf architektonischen Maßnahmen, die eine aktive Aneignung der Räume fördern. Dieser methodologische Ansatz bildet die Grundlage ihrer Lehre an der HEAD.
Innenarchitektur als angewandte Praxis
Der Bachelorstudiengang Innenarchitektur der Genfer Hochschule zeichnet sich durch die Arbeit an realen Projekten aus. Die enge Zusammenarbeit mit Organisationen und Unternehmen ermöglicht den Studierenden eine praxisorientierte Ausbildung. Sie setzen sich mit konzeptionellen, technischen und administrativen Aspekten des Entwurfs auseinander und arbeiten in bestehenden Kontexten. Ob die Entwürfe des Baylon 2-Studios letztlich umgesetzt werden, ist nicht bekannt. Doch als Übung sind sie von großem Wert.