Nahrungssysteme am Limit: Wie die Ausstellung CONVIVIUM selbst zum Entwurf wird
Drei Studierende gestalten eine Ausstellung über globale Nahrungssysteme – und nutzen die Ausstellungsarchitektur als Reallabor für biobasiertes Bauen.
1.700 Leichtlehmsteine, Deckentextilien mit Tierblutzuschlag, Wände aus klebstofffreien Strohpaneelen: Was sich nach experimenteller Materialforschung anhört, trägt eine komplette Ausstellung im Architekturmuseum der Technischen Universität München (TUM). Amelie Steffen, Maximilian Atta und Jan Müller haben über 14 Monate die Ausstellungsgestaltung für „CONVIVIUM – Nahrungssysteme am Limit“ entwickelt – als erste Studierende, die im Rahmen des Architekturmuseums eigenständig ein Ausstellungsdesign konzipiert, produziert und umgesetzt haben. Damit verschiebt sich, was ein studentisches Entwurfsstudio leisten kann: nicht der Plan eines hypothetischen Gebäudes, sondern eine real begehbare Architektur, die bis zum 18. Oktober 2026 in der Pinakothek der Moderne zu sehen ist und die Inhalte der Schau – globale Lieferketten, industrielle Tierhaltung, zerstörte Böden – in ihrer eigenen Materialität spiegelt.
Die Ausstellung als Entwurfsstudio
Das Trio agiert wie ein kleines Büro innerhalb der TUM: wöchentliche Meetings mit Kuratorin Andjelka Badnjar und den internationalen Autor*innen, Abstimmung mit dem hauseigenen Aufbauteam, dem Grafikbüro strobo B M und mit Materialforschenden. Dass die Entwurfsaufgabe nicht im Modellbau endete, sondern in der Realisierung, prägte die Methode: Jede Designentscheidung musste konstruktiv, logistisch und budgetär funktionieren. Das räumliche Konzept reagiert auf die kuratorische Kleinteiligkeit von zwölf Kapiteln – von der niederländischen Hightech-Gewächshausindustrie bis zur zerstörten ukrainischen Kornkammer. Drei große Räume wurden durch eingestellte Wände in introvertierte Filmräume und großzügige Objektzonen gegliedert. Im Zentrum jeder offenen Sequenz steht ein Lehmtisch – das namensgebende „Convivium“ (lat. Gastmahl) – als räumliches Sinnbild für Erde als Grundlage allen Lebens.
Material als Argument
Die Kuratierung kritisiert globale Nahrungssysteme, die ihre Produkte von Herkunft und Boden entkoppeln. Das Ausstellungsdesign zieht daraus die konsequente Schlussfolgerung: Auch Materialien haben eine Herkunft. Statt einer neutralen White-Cube-Hülle setzen die drei auf eine Dualität, die dem Thema selbst eingeschrieben ist – biobasierte Stoffe aus Reststoffen der Lebensmittelproduktion (Erde, Stroh, Tierblut, Paludi-Biomasse) treffen auf geliehene Plastikartefakte aus der Lebensmittellogistik (Gemüsekisten als Bänke und Tischuntergestelle, Kühlhausstreifenvorhänge als Raumteiler). Die Wände nutzen das museumseigene Wolfsburger Leichtbausystem, aber statt es zu verputzen, bleibt das Metallskelett sichtbar und wird mit klebstofffreien Strohplatten beplankt. Verschraubungen und seitliches Pressstroh bilden den kontrastreichen Hintergrund für die weißen Prints.
Ein Masterstudio produziert die Wände
Damit nicht genug: Die drei riefen ein eigenes Masterstudio ins Leben. „CONVIVIUM Materiality“, betreut von Prof. Niklas Fanelsa und Öykü Tok, verlagerte die Materialproduktion vom Zulieferer in die Hochschule. Studierende entwickelten eine Rezeptur für Leichtlehmsteine und mischten sechs Tonnen Erde, eine halbe Tonne Stroh und 2.000 Liter Wasser zu 1.700 Steinen. Eine zweite Gruppe forschte an textilen Decken mit Zuschlagsstoffen wie Tierblut – einem Abfallprodukt aus der Schlachtindustrie, das die Inhalte der Schau auf Materialebene weiterdenkt. Eine dritte nähte aus Supermarkt-Plastiktüten den geschwungenen Eingangshimmel, der Besucher*innen als Konsument*innen adressiert.
Reversibel statt repräsentativ
Die Ausstellung versteht sich als temporäres Materiallager. Lehmsteine werden zerlegt und weiterverwendet, Gemüsekisten kehren in den Umlauf zurück, Strohpaneele lassen sich kompostieren. Damit beantwortet das Studio eine Frage, die im Ausstellungsbetrieb selten gestellt wird: Was passiert nach der Finissage? Bei CONVIVIUM: möglichst wenig Abfall hinterlassen – und ein Werkstoffwissen, das über das Museum hinaus weiterarbeitet.