Drei Bühnen für Riom: Neue Spielorte für das Surses-Tal

Ein Theater für ein Tal: Das Studio Cifuentes sucht nach Möglichkeiten, mit Holz, Stein, Erde, Stroh und den bestehenden Kreisläufen eines Schweizer Tals neue Kulturstätten zu erschaffen.

Die Burg Rätia Ampla steht am Rand von Riom, zwischen dem historischen Dorfkern und den steilen Hängen des Surses-Tals in der Schweiz. Während der Festivalzeit dient sie der Kulturstiftung Origen als Spielort. Danach kehrt Stille ein, der mächtige Bau bleibt weitgehend ungenutzt. Die dicken Mauern isolieren kaum, der Komfort reicht gerade für die Dauer einer Aufführung. 

Wie sich das ändern lässt, fragte im Frühjahrssemester 2026 das Studio Cifuentes an der ETH Zürich unter der Leitung von Prof. Francisco Cifuentes. Gemeinsam mit Origen, die seit 2005 Theater, Kunst, Architektur und Dorfentwicklung in den Schweizer Alpen fördert, untersuchten die Studierenden Riom als erste Fallstudie. Sie entwickelten Konzepte für neue Spielorte – mit lokalen Materialien und angepasst an die Bedingungen vor Ort. 

Das Tal als Ressource

Das Surses-Tal verändert sich. Der Wintertourismus gerät unter Druck, gleichzeitig verlieren alpine Dörfer durch Abwanderung und fehlende Angebote an Alltag. Origen nutzt Architektur, um dort neue Kulturorte zu schaffen – wie etwa mit dem Weissen Turm in Mulegns. In Riom nahm das Studio die Bedingungen des Tals selbst zum Ausgangspunkt, um zu analysieren, wie Ressourcen, Bauweisen und Landschaft architektonische Entscheidungen bestimmen.

Dafür mussten die Studierenden zuerst das Tal „lesen“ lernen: Territorium, Typologie und Technik bildeten dabei die drei Ebenen der Untersuchung. Sie betrachteten die Landschaft mit ihrer Geologie, ihren Ressourcen und ihren Siedlungsstrukturen. Sie untersuchten traditionelle Bautypen und fragten, wie deren räumliche Logik mit den verfügbaren Materialien zusammenhängt. Bei der Technik rückten schließlich die Eigenschaften von Holz, Stein, Erde und Stroh in den Mittelpunkt. Exkursionen nach Vals und Vrin ergänzten die Analysen. Aus ersten Zeichnungen, Beobachtungen und Karten entstand ein gemeinsamer Atlas, der die Grundlage für die folgenden Entwürfe bildete. 

Drei Orte, drei Bühnen

Auf die Analyse des Tals folgte die konkrete Entwurfsaufgabe: ein Auditorium für Riom. Alle Studierenden arbeiteten mit demselben Programm, aber an drei unterschiedlichen Orten:

  • Burg Rätia Ampla: Die Burg dient heute vor allem als Veranstaltungssaal und bleibt den Großteil des Jahres ungenutzt. Die Aufgabe: Den Komfort und klimatische Bedingungen verbessern und zugleich prüfen, ob die Burg auch außerhalb von Aufführungen als Treffpunkt für das Dorf funktionieren kann. Elena Coduri, Dario Malgiaritta und Benjamin Wietlisbach arbeiteten dafür in ihrem Entwurf mit Strohballen, die nach der Ernte in den Baukörper eingebracht werden. Sie verbessern damit die Dämmung der Burg und verkleinern das beheizte Volumen. Im Frühjahr wandern die Ballen zurück auf die Höfe und dienen dort als Einstreu. Der Entwurf macht aus dem saisonalen Materialkreislauf einen Teil des Gebäudes und trägt so dazu bei, die Burg auch außerhalb der Festivalsaison nutzbar zu machen.

  • Die Hochbühne: Am höchsten Punkt von Riom soll ein Hauptsaal für rund 350 Zuschauer*innen und 50 bis 70 Darsteller*innen entstehen. Die Studierenden untersuchten, wie ein ganzjährig nutzbarer Neubau den Siedlungsrand definieren und zugleich die Verbindung zur Burg und zur Landschaft stärken könnte. Livio Cadotsch, Antonia Melber und Nicola Nussbaumer verwendeten dafür Serpentin aus einem aufgegebenen Steinbruch in Marmorera. Sechs Meter hohe Steinplatten bilden die Pfeiler eines Holztragwerks. Zwischen den schweren Steinen entsteht ein geschützter Saal, der sich mit großen Öffnungen zur Landschaft orientiert.

  • Die Lichtungsbühne: Die dritte Aufgabe führt in den Wald und lässt bewusst offen, wie ein Theaterraum aussehen muss. Statt ein geschlossenes Gebäude zu setzen, zeigen die Studierenden hier, wie sich ein Aufführungsort allein durch Gelände, Material und räumliche Setzungen definieren lässt. Jennifer Braghetti, Sofia Ortelli und Olivia Pfister folgten einer Geländelinie mit Blick über das Tal und formten den Zuschauerbereich mit Flusssteinen und Gewölben aus Valser Stein. Der Wald blieb Teil der Bühne: Landschaft, Blick und Atmosphäre werden zu Bestandteilen des Aufführungsraums.

Theater als Teil des zukünftigen Dorflebens

Die drei Entwürfe geben Orten, die heute kaum genutzt werden, eine neue Aufgabe – mit den Mitteln, die das Tal hergibt. Stroh dämmt die Burg über den Winter, Serpentinstein trägt den Saal am höchsten Punkt des Dorfes, Fluss- und Bruchstein formen die Bühne im Wald. Das Studio zeigt damit, wie sich eine Landschaft lesen und daraus bauen lässt, statt sie mit importierten Lösungen zu überschreiben.