Strohgesteppt: Vom Reststoff zum Bauelement

Ein Abschlussprojekt entwickelt und untersucht ein Konstruktionsprinzip, das Stroh als Baustoff in eine architektonische Produktionslogik überführt.

Wie kann Stroh als Grundlage für ein monolithisches und lastabtragendes Wandelement dienen? Dieser Frage ging Tim Cremer in seiner Abschlussarbeit an der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe nach. „Strohgesteppt“ reicht von der Konstruktionsidee über die Entwicklung einer eigenen Verdichtungstechnik bis zum Prototypen. Betreut von Prof. Manfred Lux und Prof. Dirk Hollmann erforscht das Projekt die Potenziale eines industriell herstellbaren Wandbausystems aus Stroh und möglicherweise auch aus anderen Naturfasern. 

Zwischen agrarischer und architektonischer Logik 

Ausgangspunkt des Projekts ist ein Widerspruch im Umgang mit Stroh: Er zählt zu den ökologisch vielversprechendsten Baustoffen. Dennoch übernehmen Planende meist jene Form, die die Landwirtschaft für ganz andere Abläufe entwickelt hat: den Ballen. Seine Abmessungen und Eigenschaften orientieren sich an Ernteprozessen, Lagerflächen und Transportwegen – nicht an konstruktiven Anforderungen. Das Bauen mit Strohballen macht den Baustoff zwar einfach verfügbar, begrenzt aber zugleich Präzision, Standardisierung und gestalterische Freiheit.

„Strohgesteppt“ setzt daher bei der Faser selbst an: Cremer verdichtet sie und formt daraus ein Bauteil mit klaren konstruktiven Eigenschaften. Die Überführung von einer landwirtschaftlichen in eine architektonische Logik soll dem Bauteil Normier- und Skalierbarkeit sowie Vorfertigungspotenzial verleihen.

Eine gesteppte Hülle

Im Zentrum des Systems steht eine stark verdichtete Fasermasse, die ohne zusätzliche Bindemittel auskommt. Metallgitter und mechanische Verzurrungen  stabilisieren das Bauteil, indem sie das Material unter kontinuierlichem Druck halten und seine Form sichern. Diese Konstruktion erprobt das Grundprinzip im Maßstab 1:1 und macht seine Funktionsweise unmittelbar sichtbar. 

Für die weitere Entwicklung zielt das Projekt jedoch auf leichtere und materialgerechtere Lösungen mit geringeren Wärmebrücken. Textile Gitter oder Fasergewebe könnten die Metallkomponenten künftig ersetzen und die verdichtete Fasermasse ähnlich wie bei einer gesteppten Decke mechanisch fixieren.

Der Weg zur Vorfertigung

Um das System schrittweise zu untersuchen, entwickelte Tim Cremer unterschiedliche Element-Prototypen, die in Handarbeit gefertigt und anschließend im Baustofflabor getestet wurden. Unter hoher Druckbelastung gewann er Erkenntnisse zu Tragfähigkeit und Verformungsverhalten. Diese flossen direkt in den nächsten Maßstab ein: Auf dem Campus Detmold entstand ein Demonstratorgebäude, das die Konstruktion erstmals räumlich erlebbar macht.

„Strohgesteppt“ versteht sich als erster Entwicklungsschritt hin zu einem standardisierbaren Bausystem: Künftige Untersuchungen sollen unter anderem Dauerhaftigkeit, Brand- und Feuchteschutz, Langzeitverhalten sowie geeignete Fertigungsverfahren klären. Zugleich reicht der Ansatz über Stroh hinaus und eröffnet Potenziale für Hanf, Flachs, Miscanthus, Schilf oder andere faserige Reststoffe. Dabei hat das Projekt den Anspruch, Landwirtschaft und Architektur enger zusammenzudenken, um ressourcenschonende Synergien zwischen zwei der emissionsintensivsten Wirtschaftssektoren zu schaffen.