Als Tandem entwerfen: Das KYOTO Design Lab
Im KYOTO Design Lab arbeiten Studierende aus unterschiedlichen Ländern gemeinsam an denselben Orten und entwickeln daraus neue Entwurfsansätze.
Zwei Studierende untersuchen dasselbe Stadtviertel in Kyoto: Die eine studiert in Kyoto, der andere in Mendrisio. Gemeinsam analysieren sie Straßenräume, Wohnhäuser und Freiflächen – und obwohl sie den gleichen Ort betrachten, bringen sie grundlegend unterschiedliche Erfahrungen mit. Diese Konstellationen prägen die Joint Studios des KYOTO Design Lab (D-lab), in denen internationale Zusammenarbeit selbst zum Entwurfsinstrument wird. Die 2014 gegründete Einrichtung des Kyoto Institute of Technology (KIT) kooperiert mit 19 Partneruniversitäten weltweit, darunter die ETH Zürich, die EPFL Lausanne und die Accademia di Architettura di Mendrisio.
Seit seiner Gründung hat das D-lab 309 gemeinsame Studios und Workshops durchgeführt, 197 Vorträge organisiert und 62 Ausstellungen realisiert. Im Mittelpunkt steht Kyoto – nicht nur als Ort, sondern als gemeinsames Untersuchungsfeld.
Wohnen entwerfen zwischen Kyoto und Mendrisio
Das Prinzip der Joint Studios zeigt sich in der langjährigen Kooperation mit der Accademia di Architettura di Mendrisio. Seit 2014 finden alle zwei Jahre gemeinsame Studios statt, geleitet von Professoren wie Valerio Olgiati, Quintus Miller und Manuel und Francisco Aires Mateus. Im jüngsten Studio unter Prof. Jonathan Sergison stand erstmals Wohnungsbau in Kyoto im Mittelpunkt – Parzellen in Kamigyo, Hofabfolgen in Machiya-Häusern, Nachverdichtung entlang enger Gassen. Besonders war die Arbeitsweise: Jedes Projekt entstand in einem Tandem – einem Zweierteam aus je einer Person vom KIT und einer aus Mendrisio.
Die ersten vier Wochen verbrachten die Studierenden in Kyoto. Zwölf Nachbarschaften in den Bezirken Kamigyo, Nakagyo, Sakyo und Shimogyo dienten als Untersuchungsräume. Die Teams dokumentierten ihre Quartiere mit Fotografien, Zeichnungen und kurzen Filmen. Während die Zeichnungen räumliche Strukturen festhielten, ermöglichten die filmischen Aufnahmen einen Blick auf alltägliche Abläufe: Wege durch die Nachbarschaft, Übergänge zwischen öffentlichen und privaten Bereichen oder die Nutzung von Freiräumen. Anschließend arbeiteten die Teams in Mendrisio weiter, entwickelten ihre Entwürfe und diskutierten in gemeinsamen Kritiken. So wuchsen die Entwürfe Schritt für Schritt aus einem geteilten Blick auf die Stadt.
Eine Stadt hören
Anders arbeitete ein Forschungsprojekt mit dem Institute of Landscape Architecture der ETH Zürich. Im Projekt „3D Recording of Sounds and Landscapes“ untersuchten die Studierenden drei sehr unterschiedliche Gärten in Kyoto: einen Tempelgarten am Fuß eines Berges, einen Garten moderner Architektur und den Innenhofgarten eines traditionellen Stadthauses. Neben dreidimensionalen Scans zeichneten sie die akustischen Atmosphären der Orte auf. Aus den Scans und Tonaufnahmen entstand ein digitales Archiv, das die Atmosphäre der Gärten erlebbar machte.
Was verrät die Landschaft über die Kultur?
Diese Frage stellte das D-lab im Workshop „Drinkscape“ auf einer anderen räumlichen Ebene. Studierende aus Japan und Italien verglichen zwei Produktionslandschaften: die Uji-Tee-Region bei Kyoto und das piemontesische Weinbaugebiet. Wie beeinflussen Architektur, Topografie und Anbau einander? Statt Gebäude zu untersuchen, lasen die Teams die Landschaft als kulturelles System – mit denselben Mitteln des vergleichenden Blicks, die das D-lab auch im städtischen Maßstab einsetzt.
Raum neu sehen – dank Perspektivwechsel
Das D-lab wechselt den Maßstab, aber nicht die Frage: Ob Wohnquartiere, Gärten oder Produktionslandschaften – es geht immer darum, was sichtbar wird, wenn unterschiedliche Blicke auf denselben Raum treffen. Kyoto ist dabei weniger Ausgangspunkt als wiederkehrendes Argument: eine Stadt, die sich stets neu erschließt – je nachdem, wer sie betrachtet.