Berge aus Gold: Einblicke in die Architektur des Schweizer Bankwesens

Architekt Ludo Groen zeigt, wie Schweizer Banken ihr Gold im Zweiten Weltkrieg in den Alpen lagerten und warum Architektur die ideale Perspektive sei, um diese Geschichte zu erzählen. Ein Gastbeitrag auf Deutsch und Englisch.

Wenn du wirklich wissen willst, wo die alpinen Tresorräume der Schweizer Banken liegen und wie sie aussehen, musst du zuerst wissen: Die von fast allen Schweizer Banken streng gehüteten Archive sind nicht öffentlich zugänglich – und selbst wenn du Zugang erhältst, findest du dort keine Baupläne. Im besten Fall entdeckst du unleserliche Kritzeleien am Rand oder auf der Rückseite von Papieren. 

Architektur als Spurensuche

Nach zwei Jahren, in denen ich Berge von Korrespondenz, Jahresberichten und Sitzungsprotokollen im Archiv der Schweizerischen Nationalbank durchforstet habe, fiel mir ein besonderes Dokument auf. Ein vergilbtes, zerfleddertes Blatt, etwa 15 mal 21 Zentimeter groß, das angesichts seines gezackten Randes wohl hastig aus einem Notizblock gerissen wurde. Oben ziehen sich neun Linien schnurgerade, ohne Abweichung nach links oder rechts – eindeutig von einer präzisen, peniblen Hand, aber nicht unbedingt von einem Architekten. Sie skizzieren einen rechteckigen Raum, eine unterirdische Höhle, deren Bergwand durch Schraffuren hervorgehoben und von zwei Zugangskorridoren durchbrochen ist. Ein dicker roter Bleistift vermerkt – vermutlich bei einer Ortsbesichtigung – handschriftlich die Innenmaße des Raums: 8,5 mal 7 Meter. 

Die Skizze, die der Schatzmeister der Schweizerischen Nationalbank, Erich Blumer, im Oktober 1939 anfertigte, zeigt einen der einst streng geheimen Alpenbunker der Bank aus Kriegszeiten, den ich im Rahmen meiner Doktorarbeit am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur (gta) der ETH Zürich dokumentiert habe. Das daraus entstandene Buch „Mountains of Gold“ enthülltim Stil eines Krimis die konzentrierten Bemühungen von Bankiers, Militäroffizieren, Politikern und Architekten, im Laufe des 20. Jahrhunderts die Schweiz als Finanzzentrum zu festigen. Die Bankarchitektur steht dabei nicht im Mittelpunkt (also keine neoklassizistischen Fassaden oder gläsernen Bürotürme); vielmehr dienen die Gebäude als bauliche Zeugnisse einer kulturellen und wirtschaftlichen Geschichte. 

Flucht in die Alpen

Jahrhundertelang fanden Banken innerhalb und außerhalb der Schweiz ihren sicheren Hafen in befestigten Städten, hinter monumentalen Fassaden, dicken Mauern und imposanten Toren. Doch mit den Fortschritten in der Luftkriegsführung Ende der 1930er Jahre galten Städte nicht mehr als sichere Aufbewahrungsorte. Damals suchten Schweizer Bankiers Zuflucht in den Alpen. Während sie ihre Geschäftsfassaden in Städten wie Zürich beibehielten, verlegten die Banken ihre geheimsten, manchmal sogar zwielichtigen Geschäfte in die Berge, fernab der Öffentlichkeit. So erhielt die Schweizerische Nationalbank beispielsweise 1936 das Angebot, den Bahnhof Eismeer der berühmten Jungfraubahn als Evakuierungsort für ihre Goldreserven zu nutzen. Auch wenn der Standort letztendlich als zu kostspielig abgelehnt wurde, weil die ständige militärische Bewachung fehlte, kündigte das Projekt kommende Entwicklungen an.

Goldrouten

Meine Arbeit dokumentiert diese Reise zwischen 1936 und 1971 durch Orte, die Schweizer Banken für den Handel, den Transport und die Verwahrung von Gold errichteten. Vom beschriebenen Bergtresor in Interlaken bis zu den Grandhotels im Berner Oberland, von den Minen Südafrikas bis zu einem Fondue-Restaurant in London – indem sie den Schleier der Geheimhaltung lüftet, der diese architektonischen Stätten jahrzehntelang verbarg, will die Publikation einen Spalt in die berühmte Verschwiegenheit des Landes schlagen. Sie zeigt nicht nur eine alternative Geschichte, wie und wo die sagenumwobene Einzigartigkeit der Schweiz entstand, sondern fragt auch, auf wessen Kosten dieser Reichtum wuchs – und gibt so bislang überhörten Stimmen in der Geschichte der Schweizer Goldberge Raum. 

Ludo Groen verfasste den Originaltext auf Englisch, der mithilfe von KI-gestützten Tools übersetzt und redaktionell von BauNetz CAMPUS überprüft wurde. Der Originaltext:

If you really want to hear about where to find the Alpine mountain vaults of Swiss banks, and what they look like, the first thing you should probably know is that the archives vigilantly kept by almost all banks in Switzerland are not publicly accessible—and even when they are, the last thing you will find there are architectural drawings. Your best hope is illegible scribbles, in the margins, on the backs of papers. 

Architecture as forensic investigation

After two years of combing through piles of correspondence, annual reports, and meeting minutes in the archive of the Swiss National Bank, one such document stood out. A yellowed bedraggled piece of paper of approximately 15 by 21 centimetres that, considering its serrated edge, must have been hastily ripped from a block note. On top there are nine lines, ruler-straight, not veering to left or right, clearly from the hand of a precise, fastidious person, but not necessarily from an architect. They make up a rectangular space, an underground cavern, the mountainside accentuated by a hatch, pierced by two access corridors. An assumption confirmed by the fat red pencil, handwritten, probably during a site visit, annotating the space’s internal dimensions of 8.5 by 7 metres.

The sketch, drawn up by the Treasurer of the Swiss National Bank, Erich Blumer, in October 1939, reveals one of the once highly secret, war-time Alpine bunkers of the bank that I documented during my doctoral research at ETH Zurich's Institute for the History and Theory of Architecture (gta). The resulting book "Mountains of Gold" is written with the pace of a detective story and unravels the concerted efforts of bankers, military officers, politicians, and architects throughout the twentieth century to fortify Switzerland as a financial centre. In this endeavour, banking architecture is not the subject of investigation (that is, no neoclassical facades or glass office towers), instead, buildings serve as material evidence of a cultural and economic history. 

Refuge in the Alps

For centuries, banks in and outside Switzerland found their safe haven in fortified cities, protected by monumental facades, thick walls and imposing doors, but with advances in aerial warfare in the late 1930s cities were no longer considered safe storage places. It was then that Swiss bankers sought refuge in the Alps. While keeping their storefronts in cities like Zurich, banks moved their most secret, sometimes even clandestine affairs, to the mountains, away from the public eye. In 1936, for instance, the Swiss National Bank received an offer to use the Eismeer railway station of the famous Jungfrau Railway as an evacuation site for their gold stock. Even though the site was eventually rejected as too costly, given the absence of a permanent military guard at the Jungfrau, the project was a harbinger of things to come.

Gold Routes

The book documents that journey between 1936 and 1971, through places built by Swiss banks to trade, transport, and treasure gold. From the earlier described mountain vault in Interlaken to the grand hotels of the Bernese Oberland, from to the mines of South Africa to a fondue restaurant in London, by lifting the veil of secrecy that has shrouded these architectural sites for decades, the book hopes to open a crack in the country’s famed confidentiality – uncovering not only an alternative story of how and where its fabled uniqueness occurred but also at whose expense this wealth was built, and so to include other voices in the history of Switzerland’s mountains of gold.