Ein paar Fragen an: Angelika Hinterbrandner

Angelika Hinterbrandner lässt sich nicht mit einer Berufsbezeichnung beschreiben: Ihre zahlreichen Interessen und Tätigkeitsfelder prägen die deutschsprachige Architekturszene im akademischen, medialen und politischen Umfeld. Ein ausführliches Gespräch über persönliche Erfahrungen, berufliche Visionen, akute Zustände und Zukunftsnarrativen. 

ETH Zürich

ein Interview geführt von Sorana Radulescu | 17.01.2023

Architektin Angelika Hinterbrandner?

Die Frage, ob und wie ich mich als Architektin verstehe, begleitet mich schon eine ganze Weile. Man findet sie auch auf meiner Website als Intro: „Am I actually an architect?“ Aus der Frage an mich selbst ist eine Frage geworden, die sich auch nach außen, an meine Leser*innen richtet. In Deutschland darf man sich nur Architekt*in nennen, wenn man die Voraussetzungen für die Eintragung in die Architekt*innen- oder Stadtplaner*innenliste nach dem Kammergesetz erfüllt. Diese Bedingungen erfülle ich nicht. Ich bin also keine Architektin, werde aber dennoch in der Branche rezipiert. 

Im Rahmen des „Global Moratorium on New Construction“, an dem ich 2021–2022 gemeinsam mit Charlotte Malterre-Barthes und Brandlhuber+ gearbeitet habe, stellten wir uns die Fragen: Was passiert, wenn wir nicht mehr bauen? Und was heißt das im Umkehrschluss für eine Praxis, die einer ökonomischen Wachstumslogik unterworfen ist? Wie sieht Architekturpraxis aus, die sich dieser Logik widersetzt? Diese Fragen wirken sich auf unser Berufsbild aus, das wir abseits von bürokratischen Setzungen neu denken können. Bewegungen wie Architects4Future zeigen bereits, wie die junge Generation von Gestalter*innen das Berufsbild als Reaktion auf die Klimakrise transformiert.

Das architektonische Schaffen bedeutet für mich das Erzeugen einer räumlichen Konsequenz. Deswegen beschäftige ich mich derzeit schwerpunktmäßig mit den ökonomischen, politischen und legislativen Rahmenbedingungen von Wohnraum und der Frage, wo man ansetzen muss, um Veränderung zu initiieren. Mich interessiert das fluide, schnelle Wechseln zwischen Branchen, Feldern und Themen. Ich könnte mir auch gut vorstellen, mich ganz aus der Architektur zurückzuziehen. In Deutschland ist solch ein Selbstverständnis allerdings wenig kompatibel mit dem klassischen Arbeitsmarkt – als Freiberuflerin kann ich mir die Gestaltung meiner eigenen Rolle aber durchaus erlauben.

Wie definierst du das, was du machst, und wie kam es dazu?

Prof. Ludger Hovestadt hat meine Arbeit vor kurzem als „fluide feministische Praxis“ bezeichnet. Das trifft es gut, weil es kein klassisches Label ist, sondern einen Modus beschreibt. Die Themenbereiche, in denen ich mich bewege, sind das Gerüst meiner Arbeit: An das übergreifende Thema Klimakrise knüpfen die Bereiche Wohnungskrise, Berufsbild und Arbeitsbedingungen in der Architektur, Komplexität und Kommunikation. In meinen Projekten lassen sich unterschiedliche Themen, Formate, Zugänge und Rollen kaum trennen. Mein Zugang ist opportunistisch, insofern ich versuche, die Optionen, die sich bieten, für das jeweilige Projekt bestmöglich zu nutzen und das Herangehen entsprechend zu hinterfragen. Welches Ziel verfolge ich? Will ich Wissen vermitteln, Aufmerksamkeit für ein Thema generieren oder Friktion erzeugen? Welche Entscheidungen muss ich bezüglich Format, Inhalt und Sprache treffen, um eine Wirkung zu erzeugen?

Spaceforfuture.org ist dafür ein gutes Beispiel – Die Wohnungsfrage beschäftigt mich schon seit 2019. Mit fünf Verbündeten – Julius Grambow, Rebekka Hirschberg, Jonas Illigmann, Martin Röck und Jomo Ruderer – denken wir über umfassende Lösungsansätze nach. Jede*r hat eine architektonische Grundausbildung, die durch eigene Schwerpunktthemen erweitert wird. Unsere Kompetenzen ergänzen sich. Darauf aufbauend entwickeln wir gerade die ersten Formate: Workshops für die breitere Öffentlichkeit, Social Media Posts, Whitepaper, die sich an die Politik richten. Ich hätte mir während des Studiums nicht vorstellen können, dass das ein Aspekt architektonischer Arbeit sein kann.

Durch mehrere Praktika habe ich gemerkt, dass ich nicht nur „vor dem PC sitzen und zeichnen will“. Meine breiten Interessen wollte ich beruflich ausloten und mich in anderen Bereichen weiterentwickeln. Es folgte die Erfahrung in der ARCH+ Redaktion, die mir eine inhaltliche Vertiefung ermöglichte sowie eine Erweiterung von textlich-analytischen Fähigkeiten. Zu diesem Zeitpunkt habe begonnen, Architektur anders zu begreifen. Das Zusammenspiel von kulturhistorischen, gesellschaftspolitischen und ökonomischen Aspekten, die gebauten Raum prägen, sind seither integrale Bestandteile meines Architekturverständnisses. Durch den berufsbegleitenden Studiengang Leadership Digital Innovation, den ich gerade an der UdK abschließe, habe ich mir außerdem Kenntnisse in den Bereichen Organisationsgestaltung und Digitale Transformation angeeignet. All diese Aspekte fließen in meiner Arbeit heute zusammen.  

Du bist gleichzeitig Lehrende und Studentin. Wie vermittelst du zwischen den zwei Rollen?

Mein Zugang in der Lehre widerspricht diesen beiden Rollen nicht. Lehren heißt auch lernen, ist mit Respekt und Wertschätzung in beide Richtungen verbunden. Die Lehre in dieser Form bereichert mich. Dabei ist es mir wichtig, die Studierenden zu ermächtigen, selbst eine Position zu entwickeln und zu formulieren. In neuen Formen des gemeinsamen Lernens – weg vom Meisterschüler-Prinzip hin zu Reallabor-Situationen, wie sie beispielsweise bereits im Rahmen des Natural Building Lab an der TU Berlin praktiziert werden – sehe ich sehr viel Potenzial. Die Herausforderungen im Bauen, die sich uns als Gesellschaft stellen, sollten sich auch in der Lehre widerspiegeln: Wir brauchen mehr Diversität, klimagerechte Ansätze, andere Formen des Miteinanderarbeitens, demokratische Praxis in der Planung – die Liste ließe sich noch um viele Aspekte erweitern.

Neben diesen Anforderungen, die ihre Übersetzung in die zukünftigen Curricula der Universitäten erst noch finden müssen, sollten wir die Realität von Studierenden allerdings nicht vergessen. Durch die Bologna Reform ist die universitäre Ausbildung vereinheitlicht worden. Die Studierenden müssen die Inhalte möglichst schnell und stringent durchlaufen. Inflationsbedingt und durch die Entwicklungen im Wohnungsmarkt steigt die finanzielle Belastung. 37,9 % der Studierenden in Deutschland waren 2021 armutsgefährdet. Dadurch steigt der Druck, alle Kurse in Mindestzeit zu absolvieren und parallel dazu zu arbeiten. Auch hier entscheidet oft das Elternhaus darüber, wie gut man mit diesem Druck umgehen kann. 

Die Finanzierung meines Studiums war auch für mich ein ausschlaggebender Faktor für Entscheidungen. Meine Eltern haben mich während des Bachelors unterstützt. 2011 war die Situation noch entspannter, aber ich habe trotzdem parallel dazu gejobbed und meine Auslandsaufenthalte durch Stipendien finanziert. Das Baumeister-Stipendium ermöglichte mir beispielsweise das Praktikum bei MVRDV in den Niederlanden. Im Master wollte ich unabhängiger sein und habe mich komplett selbst finanziert. An der Uni konnte ich als studentische Hilfskraft arbeiten und so Erfahrung sammeln. Für bessere berufliche Aussichten nach dem Abschluss habe ich mich vor der Masterthesis auf Praktika beworben – was mich erst nach Basel, dann nach Berlin führte.

Da ich selbst keinen Architekturhintergrund in der Familie habe, waren diese Praktika die einzige Möglichkeit, überhaupt Einblicke in diese Welt zu bekommen, die ich heute mein Netzwerk nennen kann. Deswegen habe ich direkt im Anschluss die Möglichkeiten ergriffen, die sich mir boten. Was dabei auf der Strecke blieb, war der Abschluss. In 2022 habe ich mir die zweite Hälfte des Jahres so eingerichtet, dass ich die Architektur-Masterarbeit neben meiner reduzierten Freiberuflichkeit abschließen konnte. Jetzt starte ich mit der zweiten Thesis. 

Meine individuellen beruflichen Entscheidungen hängen davon ab, wie viel Freiheit ich mir leisten will. Finanzielle Sicherheit hat sehr viel mit Entscheidungsfreiheit zu tun. Darauf, dass ich mir hier einen Spielraum erarbeitet habe, weil ich meinen Wert kenne und inzwischen auch „nein“ sagen kann, bin ich stolz. Ich gehe keine Arbeitsverhältnisse mehr ein, die mich unzureichend finanzieren oder in anderer Art ausbeuten. 

Zukunftsvision?

Eine konkrete Vision für meine Zukunft habe ich nicht, sondern eher eine Art Kompass, der mir hilft Entscheidungen zu treffen. Die wichtigsten Fragen, die richtungsweisenden Einfluss haben, sind: Was ist mir als Mensch wichtig und erfüllt mich? Wie viel persönliche Freiheit erlaubt mir die Entscheidung? Wie viel Neues kann ich in diesem Kontext lernen, und welche Menschen begleiten mich dabei? Ich bevorzuge Umfelder, die mich herausfordern und in ungewohntes Terrain bringen. Gerade in herausfordernden Zeiten, wie wir sie aktuell erleben, ist es mir wichtig, die richtigen Menschen um mich zu haben – gemeinsam lässt sich mehr bewegen.