Gesperrt, gekürzt, vergessen: Das langsame Verschwinden des IfA der TU Berlin
Während die TU Berlin um Ausweichräume für das gesperrte Hauptgebäude kämpft, verschwinden am Institut für Architektur seit Monaten Räume und Treffpunkte – und mit ihnen ein zentraler Teil des studentischen Alltags.
Vor drei Wochen schloss das Präsidium der Technischen Universität Berlin das Hauptgebäude. Defekte Brandschutzsysteme, mangelhafte Löschwasserversorgung, ausgefallene Fluchtwegleuchten, zudem Wasserschäden in der Notstromanlage. 350 Lehrveranstaltungen mussten kurzfristig verlegt oder digital abgehalten werden. Die Nachricht ging durch alle großen Medien. Doch der Zustand des Hauptgebäudes ist keine Ausnahme, sondern Teil einer länger sichtbaren Situation. Am Institut für Architektur (IfA), nur ein paar Hundert Meter entfernt, überraschte das niemanden. Für die Architekturstudierenden gehörte der Verfall längst zum Alltag.
Das IfA im Dauerkrisenmodus
Als ich 2019 am IfA zu studieren begann, waren gesperrte Toiletten, kaputte Aufzüge und bestialischer Gestank im Treppenhaus normal. Ende 2024 schloss dann auch die beliebte Mensa im Gebäude. Aber der Betrieb lief weiter, irgendwie funktionierte es trotzdem – bis es nicht mehr ging. Nach einer Brandschutzprüfung im März 2026 folgten das Café A und der Roundkiosk des studentischen Vereins Roundabout – zwei Orte, an denen man sich zwischen Abgaben, Seminaren und Nachtschichten traf, Kaffee trank oder bis spät abends noch kickern konnte. Die Öffnungszeiten des Architekturgebäudes schrumpften auf 8 bis 20 Uhr, sonn- und feiertags geschlossen. Auch die Architekturbibliothek machte dicht. Gleichzeitig wurde ein Großteil der Steckdosen nach einer fehlerhaft beauftragten, externen Prüfung gesperrt – funktionstüchtig, aber aus Sicherheitsgründen nicht mehr nutzbar. Mit den Einschränkungen veränderte sich der Alltag im Gebäude. Arbeitsplätze blieben leer, spontane Treffen wurden seltener. Und wer gerade an der Bachelorthesis sitzt, fragt sich: Soll ich hier überhaupt bleiben?
Am IfA fehlen damit nicht nur Räume für Lehre, sondern auch die informellen Orte, in denen der Studienalltag bisher stattgefunden hat. Der Verein Roundabout versuchte, gemeinsam mit dem Kiosk of Solidarity einen provisorischen Treffpunkt im Innenhof zu organisieren, der aber nur eingeschränkt funktionierte.
Niemand ist zuständig, alle sind informiert
Hinzu kommt die Unsicherheit. Niemand kann derzeit sagen, wann geschlossene Räume wieder öffnen können. Viele Studierende empfinden die Kommunikation der Universität als chaotisch. Zuständigkeiten wandern zwischen Bauabteilung, Präsidium und Bezirksamt hin und her, ohne dass etwas passiert. Wie unklar die Situation selbst innerhalb der Universität ist, zeigte auch die Podiumsdiskussion „Was jetzt?! Wir brauchen Antworten!“ am 30. April 2026, organisiert von studentischen Initiativen des IfA gemeinsam mit dem Kiosk of Solidarity. Eingeladen waren Lehrende, Vertreter*innen der TU-Leitung und der Gebäudedirektion. Hier erfuhr man ebenfalls, dass neue Bauanträge gestellt und genehmigt werden müssen, bevor Räume wieder genutzt oder umgebaut werden können – ein Vorgang, der meist mindestens ein Jahr dauert, oft länger.
Die Proteste unter Mitarbeitenden bleiben bisher klein. Hintergrund ist auch die Sorge vor Konsequenzen: Laut einem anonymen Bericht soll einer beschäftigten Person mit fristloser Kündigung gedroht worden sein, nachdem sie sich öffentlich solidarisch mit Studierenden gezeigt hatte. Die Bereitschaft, sich zu engagieren, schwindet, wenn offenes Reden Konsequenzen haben könnte.
Mehr Bürokratie, keine Lösungen
Und die politische Antwort? Als Reaktion auf die maroden Hochschulgebäude plant der Berliner Senat eine zentrale Hochschulbaugesellschaft, die Bauprojekte der Universitäten künftig koordinieren soll. Die Berliner Hochschulen lehnen den Entwurf laut Medienberichten deutlich ab. Dies entspricht auch der Haltung der TU Berlin, wie aus einer internen Mitteilung des Präsidiums hervorgeht. Kritisiert werden zusätzliche Bürokratie, der Verlust von Selbstverwaltung sowie die im Gesetz vorgesehenen Flächeneinsparungen von bis zu 30 Prozent. Eine zentrale Baugesellschaft löse keines der bestehenden Probleme, sondern verlagere Entscheidungen weiter aus den Hochschulen heraus. Stattdessen fordern viele Stimmen mehr Bauautonomie für die Hochschulen.
Dabei zeigt ein Modell, wie es anders geht: Die TU Darmstadt verwaltet seit 2005 ihr Baubudget, ihre Grundstücke und ihre Bauprojekte autonom. Seitdem hat sie über 100 Gebäude saniert, informiert die Website der Hochschule.
Wer repariert die Hochschule?
Jahrzehntelang blieb die Instandhaltung auf der Strecke. Jetzt ist es zu spät. Gebäude, die komplett saniert werden müssen, lassen sich nicht mehr durch kleinere Reparaturen retten. Dafür bräuchte es einen langfristigen Plan.
Stattdessen löst sich das Architekturgebäude Schritt für Schritt weiter auf. Damit liegt die grundsätzliche Frage nahe: Was wird aus der Architekturlehre, wenn die Räume verschwinden, in denen sie entsteht?