Wie ein Feld zum Baustoff wird: Das Studio „Hemp Lands“

Hanf aus der Region wird in einem Masterstudio zum Testfall für eine neue Baupraxis: vom Acker bis zum Prototypen.

Wer im Herbst durch die Felder der Oberpfalz fährt, sieht sie manchmal noch stehen: Bis zu vier Meter hohe Hanfpflanzen, deren Stängel nach der Ernte gebündelt, gehäckselt oder zu Ballen gepresst auf dem Boden liegen – und meist in der Biogasanlage landen. Dabei kann dieselbe Pflanze dämmen, tragen und dauerhaft CO₂ binden. In der Debatte um regenerative Baustoffe gilt Hanf deshalb seit Jahren als vielversprechendes Material. Warum sie trotzdem kaum auf Baustellen genutzt wird, untersuchte das Masterstudio „Hemp Lands“ an der TU München. Unter der Leitung von Prof. Niklas Fanelsa und Victoria Schweyer erforschte das AND Design Studio gemeinsam mit Partner*innen aus Landwirtschaft und Verarbeitung, wie sich regional angebauter Hanf zu einem standardisierten Baustoff entwickeln lässt – und was dafür eigentlich fehlt.

Vom Hanffeld ins Labor

Die Recherche begann außerhalb des Campus. Die Teams reisten durch die Oberpfalz, Niederbayern und Oberbayern und folgten dem Material dorthin, wo es entsteht und verarbeitet wird. Im Austausch mit der regionalen Initiative zur Verarbeitung von Hanfstroh Rottal Hanf, dem bayerischen Kompetenzzentrum für nachwachsende Rohstoffe C.A.R.M.E.N. e. V. sowie Natuvalis, einem Unternehmen zur industriellen Aufbereitung von Hanffasern, wurde schnell klar: Hanf wächst in Deutschland gut – doch zwischen Feld, Aufbereitung und Baustelle klaffen Lücken. Fehlende Absatzwege, unklare Normen, kaum Planungssicherheit. Gleichzeitig liegt darin auch das Potenzial des Materials: Hanf lässt sich vom Anbau bis zum Bauteil regional denken, sobald die einzelnen Prozessschritte ineinandergreifen.

Vom Materialtest zur Ausstellung

Mit diesen Erkenntnissen kehrten die Studierenden nach München zurück und arbeiteten im TUM Bioregional Design Lab weiter. Dort mischten sie Hanfkalk, pressten Fasern, bauten 1:1-Mock-ups und prüften, wie sich das Material in reproduzierbare Bauteile übersetzen lässt. Aus diesem Prozess heraus entstanden 14 Prototypen. Eine Abschlussausstellung zeigte, wie breit das Studio das Thema angelegt hatte: Einige Arbeiten untersuchten Hanf als tragendes Bauteil, andere entwickelten Publikationen oder Spiele, um Wissen über Anbau, Verarbeitung und Nutzung überhaupt erst zugänglich zu machen.

Entwürfe für eine neue Baukette

„Hemp Core“ von Daniel Köhler und Luca Schulze hakte genau dort ein, wo Hanf bislang selten ankommt: in der Konstruktion. Die beiden bündelten Hanfstängel, teilten sie in etwa ein Meter lange Segmente und fügten sie zu einem modularen Wandsystem. Im Verbund mit Hanfbeton entstand ein 1:1-Prototyp, dessen Druckversuche zeigten, dass die Stängel Lasten aufnehmen können. Hanf erschien hier erstmals als sichtbares Tragwerk und nicht nur als Füllstoff.

Mit „Carbo Hemp“ untersuchten Toni Nicklas und Andrea Pichlmeyer, wie sich Industriehanf durch Pyrolyse in Biokohle umwandeln lässt und CO₂ langfristig speichert. Nach dem Besuch einer Pyrolyseanlage bei Amberg übertrugen sie den Prozess ins Studio, verkohlten Hanfschäben in eigenen Versuchen und testeten das Material auf Wärmeleitfähigkeit, Brandverhalten und Feuchtigkeitsaufnahme. Anschließend setzten sie die Biokohle direkt in Bauteile ein – als Dämmputz auf einem 1:1-Mock-up sowie in Bodenaufbauten.

Felicitas Klinks und Iben Schneiders Projekt entstand nicht im Labor: „Setting the Frame“ ist ein gezeichneter Comic, der München 2040 als Stadt zeigt, in der umgenutzte Bestandsgebäude mit vorgefertigten Hanfbauteilen saniert werden. Damit entwirft der Comic eine Zukunft, in der Hanf längst in der Baupraxis angekommen ist.

Hanf wird Verhandlungsraum

„Carpet Discussions“ von Laura Schieferdecker und Johanna Roth übersetzte die Frage nach regionalen Strukturen in ein räumliches Setting. Ein runder Teppich aus 100 % Hanfwolle bildete während der Ausstellung den Mittelpunkt für Gespräche zwischen Landwirtschaft, Planung und Baupraxis. Als gewebtes Objekt griff der Prototyp das Prinzip des Bioregional Weaving auf: Er verknüpfte Material, Produktion und Akteur*innen zu einem gemeinsamen Raum und brachte damit auf den Punkt, worum es dem Studio ging: Das Material ist da. Was fehlt, sind Normierung, Standardisierung und funktionierende regionale Ketten. Dass all das zusammengedacht werden kann, hat „Hemp Lands“ gezeigt.