Wohnen im Denkmal: Das Studio „Beyond Modernism – Vernacular Use(s) of Hansaviertel“
Zwischen Erbe und Alltag: Wie lässt sich das denkmalgeschützte Hansaviertel heute bewohnen? Ein Entwurfsstudio untersucht, wo der Denkmalschutz an seine Grenzen stößt – und wer das architektonische Erbe erhält.
Das Berliner Hansaviertel sollte einst die Stadt von morgen werden. Zur Interbau 1957 entwarfen mehr als 50 Architekt_innen aus 13 Ländern ein Modell für modernes Wohnen. Seit 1995 steht das Quartier vollständig unter Denkmalschutz. Aber was bedeutet es, ein solches Wohnideal zu bewahren, wenn sich die Bedürfnisse der Bewohner*innen verändern?
Mit dieser Frage beschäftigte sich im Sommersemester 2026 das Entwurfsstudio „Beyond Modernism – Vernacular Use(s) of Hansaviertel“ an der TU Berlin unter Leitung von Prof. Jörg Stollmann. Dafür orientierten sich die Studierenden an den Critical Heritage Studies. Dieser Ansatz hinterfragt, warum vor allem Fachleute und Ämter festlegen, was als schützenswertes Erbe gilt. Das Studio stellte dem die Perspektive der Bewohner*innen gegenüber: Wie nutzen sie das Hansaviertel, und wie verändern ihre Bedürfnisse den Umgang mit dem Denkmal?
Was schützt der Schutz?
Das Hansaviertel sollte bezahlbaren Wohnraum für die Mittelschicht schaffen. Heute steht seine Architektur im Zentrum eines architektonischen und bildungsbürgerlichen Tourismus; zugleich werden Wohnungen zu hohen Preisen verkauft. Nach Einschätzung des Studios belastet der Denkmalschutz die Bewohner*innen finanziell und erschwert es ihnen, ihre Wohnungen an veränderte Lebenssituationen anzupassen. So kann der Schutz des baulichen Erbes ausgerechnet jene Nutzung einschränken, für die das Quartier einst entstand: das Wohnen.
Das Erbe im Gebrauch erforschen
Im Mittelpunkt der Untersuchung standen die alltäglichen Praktiken und das Wissen der Bewohner*innen – eine Ebene, die in der klassischen Denkmalpflege oft zu kurz kommt. In Anlehnung an Ivan Illich bezeichnet das Studio diese Form der Alltagsgestaltung als „vernakulär“.
Dafür rekonstruierten die Studierenden zunächst die Geschichte des Quartiers und die Institutionen, die heute über seinen Erhalt bestimmen. Danach gingen sie ins Viertel und beobachteten die alltägliche Nutzung der Gebäude. Aus ihren Beobachtungen entwickelten die Studierenden sechs Projekte. Sie beschäftigen sich mit Identität, Aneignung, Anpassung, Unterhalt, Ökologie und Ökonomie.
Das Denkmal neu betrachten
Die Projekte reichen vom Therapie-Film bis zur Dystopie: Eine Gruppe schickte das personifizierte Viertel zur Therapie bei „Doktor IBA“, benannt nach der Bauausstellung. Dort suchte es seine Rolle in der Stadt. Eine andere Arbeit entwarf ein dystopisches Szenario: eine Gated Community, in der ein privater Luxusclub den Erhalt des Quartiers finanziert – und fragt damit zugespitzt, wer sich das Denkmal künftig noch leisten kann. Mit dem Projekt „Transformation Unseen“ untersuchten die Studierenden rund zehn Wohnungen: Sie dokumentierten, wie Menschen das modernistische Denkmal heute bewohnen und wo denkmalpflegerische Auflagen mit den Bedürfnissen des Alltags kollidieren.
Die unsichtbare Infrastruktur
Was als schützenswert gilt, entscheiden meist Fachleute und Behörden. Doch das Hansaviertel erhalten auch Menschen, die kaum jemand wahrnimmt: die Hausmeister. Sie kennen die Gebäude genau. Sie erkennen Schäden, kümmern sich um Probleme und vermitteln zwischen Bewohner*innen und Eigentümer*innen.
Das Projekt „Dynamics of the Standstill“ von Delphine Douglas, Eunkyung Yoo, Jaehwan Kim, Jonathan Sparla und Sanaz Nahalbar widmet sich dieser oft unsichtbaren Arbeit. Am Anfang stand ein Interview mit einem Hausmeister, aus dem ein Kurzfilm wurde. Er zeigt, wie der Denkmalschutz in der täglichen Praxis ankommt. Um das System dahinter zu verstehen, kartierte die Gruppe die Struktur der Denkmalpflege im Viertel. Sie zeigt ein komplexes Netz aus Akteur*innen, Abläufen und Beziehungen. Der Hausmeister sitzt dort, wo dieses Netz den Alltag berührt und welche Schlüsselposition der Hausmeister zwischen ihnen einnimmt.
Die Menschen hinter dem Erhalt
Drei Hausmeister porträtierte die Gruppe. Ihre Büros bauten die Studierenden als detaillierte Modelle nach, samt Möbeln, Werkzeug, Schlüsseln und Akten. Die Räume erscheinen hier als operative Knotenpunkte: Hier werden Probleme aufgenommen, eingeschätzt und weitere Schritte koordiniert. Zusammen mit einer Chronik von Reparaturen und Umbauten zeigen sie, wie viel Arbeit hinter dem Erhalt der Gebäude steckt. Es geht nicht nur darum, einzelne Schäden zu beheben. Die Hausmeister müssen die Häuser im Blick behalten, Probleme früh erkennen und sich mit anderen abstimmen.
Die Gruppe plädiert dafür, das Denkmal nicht nur als geschützte Architektur zu verstehen, sondern auch die Arbeit anzuerkennen, die seinen Erhalt im Alltag erst möglich macht. Die Hausmeister gehören für sie deshalb zum kulturellen Erbe des Hansaviertels. In einem Positionspapier an das Denkmalamt halten die Studierenden ihre Forderungen fest: mehr Anerkennung für die Arbeit der Hausmeister, bessere Arbeitsbedingungen und eine systematische Dokumentation der Instandhaltung als Teil der Denkmalpflege.
Architektur erhalten, Wohnen ermöglichen
Das Hansaviertel sieht auf den ersten Blick aus, als sei die Zeit dort stehen geblieben. Doch dieser Eindruck täuscht. Ein Gebäude, in dem Menschen leben muss dauerhaft gepflegt, instand gehalten und an neue Anforderungen angepasst werden. Was die Hausmeister im Kleinen zeigen, gilt für das ganze Studio: Ein Denkmal wird nicht im Amt erhalten, sondern im Alltag. Die Projekte bieten dafür keine einfachen Lösungen. Sie machen aber deutlich, dass die Fachdebatte über den Wert dieses Erbes nicht ohne die Menschen geführt werden kann, die darin leben. Denn ein Denkmal, das nur um des Erhalts willen bewahrt wird, bleibt am Ende vor allem eines: Kulisse.