Aus Büros werden Wohnungen, aber für wen? Der Wettbewerb *DEMOT
Ein Ideenwettbewerb in Brüssel zeigt, wie leerstehende EU-Bürogebäude in bezahlbaren Wohnraum umgewandelt werden können. Die Antworten reichen weit über die Architektur hinaus.
In Brüssel verkaufte die EU-Kommission 21 ihrer ungenutzten Bürogebäude. Deren Umnutzung organisiert nun ein eigens gegründeter Immobilienfonds. In zwei dieser modernistischen Hochhäuser in der Rue de Mot soll Wohnraum entstehen. Die Forschungsgruppe 21 buildings kritisiert jedoch den hohen Verkaufspreis und die erwartete Rendite: Beides werde voraussichtlich die Mieten in die Höhe treiben. Eine Ironie angesichts der Vornutzung: Zuvor saß hier die EU-Taskforce für bezahlbares Wohnen.
Nachdem das Ausschreibungsverfahren des Immobilienfonds im April 2026 abgeschlossen wurde, startete 21 buildings den Gegenwettbewerb *DEMOT. Damit stießen sie eine größere Debatte an: Was kann Architektur zwischen Wohnungskrise und Büroleerstand leisten?
Ein Gegenwettbewerb
Hinter 21 buildings stecken noAarchitecten, optimist office und der Künstler Thomas Bellinck, unterstützt von der ETH Zürich und dem flämischen Kunstdekrets. Zusammen untersuchen sie Zukunftsszenarien für die von der EU veräußerten Gebäude. Der Umbau der ehemals öffentlichen Gebäude bietet der Stadt eine große Chance. Laut der Wohnungsgesellschaft SLRB hätte über ein Drittel aller Brüsseler Haushalte Anspruch auf eine Sozialwohnung. Doch nur sieben Prozent aller Wohnungen in der Stadt sind sozial gebunden.
Der Gegenwettbewerb suchte nach Strategien, wie in den beiden ehemaligen Bürogebäuden langfristig bezahlbarer Wohnraum entstehen könnte. Gefragt waren Ideen, die über den klassischen Architekturentwurf hinausgehen und sich auch mit den Ursachen der Wohnungsnot sowie mit Modellen der Finanzierung und Verwaltung auseinandersetzen. 53 Beiträge aus acht Ländern gingen ein. Das Preisgeld betrug 10.000 Euro.
Vier Argumente
Die Jury bestand aus Thomas Bellinck, Arno Brandlhuber (bplus und ETH Zürich), Geert De Pauw (Gründer des Community Land Trust Brüssel), Lisa De Visscher (Bouwmeester von Brüssel) und Tamino Kuny (Mitglied von ZAS* und Mitgründer des Architekturbüros c/o). Sie kürte nicht nur einen, sondern gleich vier Preisträger*innen. Kein Entwurf löse das Problem allein, so die Begründung. Nicht der beste Umbau zählt, sondern die stärksten Argumente. Dies spiegelt sich auch in den vier Projekten wider.
- "DesMots Bleus" versteht die Spekulation als Ursache für die hohen Mieten. Das Team entwickelte ein Finanzierungsmodell: Ein Community Land Trust – eine gemeinnützige Organisation – hält die Grundstücke, damit sie nicht weiterverkauft werden können.
- "*DEMOT is just a pretext" sieht die Politik in der Verantwortung. Das Argument: Wohnen ist ein Menschenrecht und somit ist der Verkauf eine politische Entscheidung, die revidierbar ist. Ein Appell an die Politik in Form eines detaillierten Gebäudeschnitts.
- "moth – 21 Ways to Affordable Housing" unterstreicht den gesellschaftlichen Willen nach bezahlbarem Wohnen. In Interviews und einem 21-Punkte-Manifest dokumentierte das Dreierteam von Corpo Ration Incoöperated die Wohnungskrise – teils ironisch.
- "TERRA LUNA" von DEMOT CIVIC TRUST blieb konkret und entwickelte ein Finanzierungsmodell, das beide Gebäude miteinander verknüpft. Nutzungen wie Büros und Rechenzentren sollen Wohnungen, Gemeinschaftsräume, eine Kita und eine Bäckerei mitfinanzieren.
Kein Einzelfall
Brüssel ist nicht die einzige europäische Stadt mit Wohnungsnot und wachsendem Büroleerstand. Man denke an Berlin, wo acht Prozent der Büroflächen leer stehen und gleichzeitig laut Senat 100.000 Wohnungen fehlen. 21 buildings beteiligt sich auch an der Europäischen Bürgerinitiative Right to Housing! Now and Forever. Sie fordern die Politik auf, Maßnahmen zu ergreifen, um bezahlbaren Wohnraum in Europa zu gewährleisten.
Architektur kann mehr
*DEMOT stellt das klassische Berufsbild der Architekt*innen infrage: Der Entwurf allein reicht nicht. Planende müssen auch die Rahmenbedingungen mitdenken. Die Frage ist nicht nur, wie aus Büros Wohnungen werden, sondern auch, für wen sie entstehen und wer dafür sorgt, dass sie bezahlbar bleiben.