Editorial
Was entsteht, wenn Planung auf Material, Menschen und Wirklichkeit trifft
Editorial
Was entsteht, wenn Planung auf Material, Menschen und Wirklichkeit trifft
Studio LOES, 2017 in Berlin gegründet, arbeitet bevorzugt im Bestand. Kein "Investoren-Glanz", dafür behutsame Eingriffe und eine langfristige Nutzbarkeit stehen im Vordergrund. Dass diese Haltung in Ausführungsplanung und auf der Baustelle täglich neu verhandelt werden muss, zeigt ihr Projekt BRIZE in Neukölln. Eine Dachaufstockung, die längst mehr ist als ein neues Geschoss. Mitgründer Onur Özdemir erzählte von seinen bisherigen Erfahrungen im laufenden Projekt.
Recht & Verhandlung
Das Gebäude ist ein klassischer Geschosswohnungsbau aus den Fünfzigern. S-förmiges Volumen, von der Straße abgerückt, mit kurzem Dachüberstand und (bisher!) flachem Abschluss. Links eine Tankstelle, rechts ein Friedhofsweg. Ein unscheinbares Haus, das jedoch seit Jahrzehnten mit sich selbst ringt. Die Fassade wurde irgendwann gedämmt, das Dach jedoch nie. Schimmel in den oberen Wohnungen war die Folge.
Der Auftraggeber, ein Projektentwickler, entdeckte ein Sondernutzungsrecht auf dem Dach. Daraus wuchs die Idee: eine Dachaufstockung, die das Haus abschließt und die bestehende Wohnungseigentümergemeinschaft (WEG) um sechs Einheiten erweitert.
Studio LOES übernahm 2023 den Auftrag, wohl wissend, dass ein früherer Entwurf eines anderen Büros – zweigeschossig und auf maximale Fläche ausgelegt – vom Bauamt abgelehnt wurde. LOES entwickelte in engem Austausch mit dem Stadtplanungsamt einen eingeschossigen Aufbau mit echter Dachform. Kein glattes Geschoss obendrauf, sondern einen Abschluss, der zum Haus passt. Für den Rettungsweg der sechs Wohneinheiten musste das Team bereits eine Sonderlösung entwickeln: eine Verbindung beider Fluchttreppenhäuser über das Dach.
Mit einer Vermessung dann die Überraschung: Das Bestandsgebäude hatte damals im Plan vermerkte "preußische Baugrenzen" nie eingehalten. Was damals nicht auffiel, wurde im Zuge des neuen Bauvorhabens plötzlich rechtlich relevant. Ein Haus, das in den Fünfzigern nach geltendem Recht gebaut wurde, stand plötzlich seinem eigenen Weiterbau im Weg. Erst nachdem mit Nachbar*innen und dem Straßen- und Grünflächenamt entsprechende Vereinbarungen getroffen wurden, war das Baurecht gesichert.
Zwischen Plan und Baustelle: Wo Entscheidungen wirklich fallen
Dass so viel schon vor dem ersten Spatenstich zu klären war, macht den Übergang zur Ausführung nicht leichter. Auch dort kam so einiges anders, als es zunächst gedacht war. Ursprünglich war das gesamte neue Geschoss in leichter Holzkonstruktion geplant. Doch die Bauakustik wurde zum Problem. Die notwendigen Maßnahmen für Holz-Wohnungstrennwände wären so aufwendig geworden, dass das Büro während der Ausführungsplanung umschwenkte: Die Trennwände wurden gemauert. Eine Entscheidung, die kurz vor Beginn der Baustelle fiel und die zeigt, wie viel in dieser oft unterschätzten Phase noch offen ist.
Auf der Baustelle kam es zu weiteren Anpassungen. Insbesondere die Planung des Treppenhauses wurde auf den Kopf gestellt. LOES hatte die engen Maßvorgaben des Rettungswegs mit Fertigteilbetontreppen geplant. Das ausführende Unternehmen wollte stattdessen in Rohbau herstellen, günstiger und schneller, so das Argument. Was folgte, war eine vollständige Umplanung während der laufenden Bauausführung. Der Statiker musste erneut ran, der Prüfstatiker erneut auf die Baustelle. Am Ende war es weder günstiger noch schneller. „Es ist nicht so einfach, wenn es vorgefertigte Meinungen gibt, ohne dass alle die gesamte Planung durchdringen“, so Onur.
Hinzu kommt: Das Haus blieb bewohnt. Gerüst, Lärm, Wasser und Kälte bedeuten eine Stressprobe für alle Beteiligten. Als zum Beispiel beim Aufbau des Ringankers für das neue Dach Wasser in eine Nachbarwohnung eindrang, musste gehandelt werden, nicht vertröstet. Das Bauunternehmen übernahm die Verantwortung und sanierte die betroffenen Wohnungen im laufenden Betrieb. Bauleitung in bewohntem Bestand bedeutet eben auch immer, ansprechbar zu sein und Haltung zu zeigen.
Wissen, das trägt
Die Erfahrungen bei BRIZE sind kein Einzelfall. Onur erinnert sich an das erste Interior-Projekt des Büros. Ein neues Badezimmer in einem Berliner Altbau, die Balkenrichtung schien eindeutig, bis man zu reißen begann. Die Balken liefen genau anders, die Entwässerungsplanung funktionierte nicht mehr. Eine Erkenntnis, die das Büro seitdem stets mitnimmt: Im Bestand braucht man den Spielraum, auf der Baustelle noch reagieren zu können.
Diese Offenheit schließt die ausführenden Gewerke ausdrücklich ein. Wenn die Schornsteinfeger*in über Abgase mehr weiß als die Architekt*in und die Handwerker*in dreißig Jahre Berufserfahrung mitbringt, dann ist Zuhören keine Schwäche, sondern Methode. „Man muss so ein bisschen humbled sein auf der Baustelle“, sagt Onur, „weil da sind Leute, die haben direkt nach der Schule eine fachliche Ausbildung gemacht und arbeiten seit 30 Jahren im Betrieb.“ Was die Architekten auf diesen Baustellen gelernt haben, kommt nicht aus Büchern. Es kommt von der Schornsteinfegerin, vom Rohbauer oder vom Prüfstatiker, der dreimal rausgefahren ist. Dieses Wissen scheint nicht akademisch elegant, aber es trägt.
Was das mit einem jungen Büro macht, beschreibt Onur mit dem Dunning-Kruger-Effekt: „Nach der Uni denkst du, du kannst alles. Dann fängst du an zu arbeiten und merkst: Ich weiß gar nichts.“ Irgendwann richtet man sich wieder auf. BRIZE zeigt einen Schritt in diese Richtung, komplex, lehrreich und noch nicht ganz fertig.
Ein altes Fenster zu reparieren, klingt einfach. Auf der Denkmalbaustelle dauert es Stunden. Bevor neue Farbe aufgetragen wird, analysiert jemand die alten Schichten, prüft Glas und Kitt, bessert Schäden aus. Abgeblätterte Farbe offenbart frühere Fassungen und Reparaturen. Wer sie entfernt, löscht ein Stück Baugeschichte. Auf einer Denkmalbaustelle beginnt die Arbeit deshalb fast immer mit derselben Frage: Was ist hier eigentlich noch vorhanden? Erst danach entscheidet sich, was repariert, ergänzt oder ersetzt wird. Diese Aufgaben übernehmen junge Freiwillige in den Jugendbauhütten der Deutschen Stiftung Denkmalschutz.
Ein Jahr am Bestand
Ein Jahr lang arbeiten die Freiwilligen in Restaurierungswerkstätten, Museen, Denkmalbehörden oder direkt auf der Baustelle. Die Einsatzstellen verteilen sich über mehrere Bundesländer, mobile Teams wechseln zwischen mehreren Denkmalen einer Region. Wer teilnehmen will, braucht keinen Schulabschluss, nur die Bereitschaft, am 1. September zu beginnen und zwölf Monate durchzuhalten.
Die Freiwilligen sind keine Schnellarbeiter. Sie müssen zuerst verstehen, was schon da ist, bevor sie überhaupt handeln. Das unterscheidet ihre Tätigkeit grundlegend von der auf einer Neubaustelle, wo Bauteile nach Plan bestellt und montiert werden. Auf der Denkmalbaustelle bestimmt zuerst der Bestand, was möglich ist.
Studio gegen Baustelle: Was im Studium fehlt
Im Architekturstudium bleibt diese Erfahrung meist Ausnahme. Ein Semester lang entwickeln Studierende einen Entwurf, aber wie sich ein einzelnes Bauteil über Jahrzehnte verändert, welche Reparatur an einer Fensterlaibung sinnvoll ist und welche das Material zerstört, klärt sich in dieser Zeit selten. In der Jugendbauhütte arbeiten die Freiwilligen dagegen an Bauteilen mit Geschichte. Ein falscher Eingriff lässt sich nicht rückgängig machen.
Ein Kindergarten entsteht Jahrgang für Jahrgang
Nicht jede Einsatzstelle arbeitet im Bestand. Für einen Waldkindergarten in Hessen-Marburg errichteten Freiwillige einen Holzständerbau mit Strohballendämmung – nach der Zimmermannstechnik historischer Fachwerkhäuser. Sie stemmten Zapfenlöcher, schnitten Zapfen mit der Schrotsäge, richteten das Holzgerüst auf, füllten die Gefache mit Stroh, verputzten innen mit Lehm und außen mit Kalk. Das Projekt läuft über mehrere Jahrgänge. 2025 setzten Freiwillige Fensterlaibungen ein, dämmten und verschalten den Giebel und arbeiteten weiter am Putz. Jede neue Gruppe übernimmt, was die vorherige hinterlassen hat, und muss die Konstruktion erst verstehen, bevor sie weiterbaut.
40 Millionen Pailletten
In Berlin lautete dagegen die Aufgabe: einmal, zweimal, vierzig Millionen Mal dasselbe tun. Während ihres Freiwilligenjahres 2024/25 arbeitete eine Teilnehmerin am Premierenvorhang des Kinos International – einem textilen Kunstwerk von 1963, rund 300 Quadratmeter groß, mit etwa 40 Millionen Pailletten besetzt.
Eine Baustelle wird zum Treffpunkt
Wie viele sich für Denkmäler begeistern lassen, zeigte im Juni 2026 das Denkmalrettercamp in Helmstedt: 341 Freiwillige arbeiteten zwölf Tage an 19 Baustellen auf Kramers Gut, einer Hofanlage aus dem 17. Jahrhundert, begleitet von 27 Fachanleitern. Sie setzten historische Fachwerkkonstruktionen instand und restaurierten ein Renaissance-Tor. Zum Abschluss kamen rund 700 Besucher*innen und weihten den ehemaligen Kuhstall als Veranstaltungsort ein.
Wenn Fachwissen fehlt
Laut Deutscher Stiftung Denkmalschutz droht in mehreren Bundesländern eine Schwächung der Denkmalbehörden. Eine Umfrage ergab, dass manchmal eine einzelne Person rund 500 Denkmale betreut. Gleichzeitig gingen 2023 und 2024 nach Angaben der Stiftung mehr als 900 Denkmale verloren. Ohne Fachwissen wird es schwerer, zu beurteilen, welches Gebäude oder Bauteil sich noch retten lässt.
Damit wird Nachwuchs zur Schlüsselfrage des Denkmalschutzes. Es braucht Menschen, die sich für historische Konstruktionen interessieren – auch Architektinnen und Architekten, die später über Umbau oder Sanierung entscheiden. Die Jugendbauhütten bieten dafür einen ersten Zugang. Wer einmal gelernt hat, Holz zu reparieren oder eine historische Oberfläche zu untersuchen, bringt dieses Wissen später auch an andere Bestandsgebäude mit.
Während Auto- und Elektroprodukte in hochautomatisierten Prozessen am Fließband entstehen, wird im Bau noch immer ein großer Teil der Wertschöpfung direkt auf der Baustelle erbracht – in Handarbeit und unter wechselnden Bedingungen. Dort, wo Roboter zum Einsatz kommen, übernehmen sie meist Gewerke von Handwerker*innen. Sie können eine perfekte Ziegelwand mauern, komplexe Geometrien drucken oder effizient streichen.
Wie wäre es aber, wenn Mensch und Roboter sich auf der Baustelle ergänzen und Schulter an, sagen wir, Rotationsachse arbeiten? Dass dies kein Science-Fiction-Szenario ist, zeigt die Arbeit der CRCL – Lab for Creative Computation an der EPFL Lausanne. Prof. Stefana Parascho und Team fragen, wie spezialisierte Fachkräfte und sensible Maschinen auf der Baustelle zusammenfinden. Als Ergänzung, nicht als Ersatz.
Gegeneinander oder miteinander?
Maschinen entlasten Menschen bei schweren, monotonen oder gefährlichen Arbeiten. Für Standardaufgaben im Neubau erscheint ihr Einsatz sinnvoll. Im Bestand sind die Eingriffe allerdings schwer planbar. Könnten Maschinen dann auch nicht-serielle Verfahren bewältigen? Die Bausubstanz sezieren, Entscheidungen treffen, Arbeitsschritte ableiten?
Das CRCL erforscht adaptive Automatisierungsprozesse, die menschliche Fähigkeiten stärken, ohne den Bauablauf umzugestalten. Maschinen sollen auf unvorhersehbare Situationen reagieren und mit Personen kooperieren – miteinander und füreinander. Dafür führt das Lab mehrere Projekte durch, die sich der Realität auf der Baustelle stellen.
Arm in Arm
Welchen Mehrwert schafft zum Beispiel so ein ferngesteuerter gelenkiger Kragarm bei einer Dachbodensanierung? Den plausibelsten Einsatz von Robotern im Bauprozess liefert das Forschungsprojekt „Re:Config“. Es untersucht adaptive Workflows für Rückbau, Reparatur und Wiederaufbau von Holzkonstruktionen – direkt vor Ort. Industrielle Roboter erfassen den Ist-Zustand, unterstützen die Demontage und ordnen die Bauteile materialschonend in neue räumliche und statische Konfigurationen. Auf dieser Grundlage kann die*der Planer*in fundierte Entscheidungen treffen, während dem*der Bauarbeiter*in physisch geholfen wird. Und der Materialkreislauf schließt sich in wenigen Schritten.
Ähnlich interaktiv arbeitet „Truss from Trash“. Maschinen unterstützen Planende dabei, tragende Holzkonstruktionen aus unregelmäßigen Rückständen zu erstellen. Das Projekt verhandelt die Beziehung Mensch-Technologie zwischen rechnerischer Präzision und Intuition und zielt auf einen flexiblen, materialschonenden Bauprozess.
Auch die Weiterverwendung großformatiger Betonbruchstücke testet das CRCL-Team. Das Projekt „Rubble Walls“ entwickelt Methoden für die industrielle sowie In-situ-Anwendung. Digitale Werkzeuge erfassen die unregelmäßige Geometrie der Betonteile; Kran und Roboterarm positionieren und verbinden sie zu tragenden Wänden. Die 2023 fertiggestellte Demonstratorwand aus Betonabbruch zeigt das Potenzial des Ansatzes, den das Structural Xploration Lab der EPFL seitdem weiterentwickelt.
Wovon träumen Roboter?
Diese und weitere Forschungsergebnisse zeigt die Ausstellung „Do Robots Dream of Construction Sites?“ vom 9. September bis 5. Dezember 2026 an der EPFL Lausanne. Die von Prof. Parascho kuratierte Schau beleuchtet die Baustelle als Ort, an dem alte und futuristische Methoden aufeinandertreffen. Sie ordnet Technik kritisch ein und diskutiert gesellschaftliche und kulturelle Aspekte.
Im Gespräch mit BauNetz CAMPUS betonte Parascho, dass die Forschung ihres Labs weder vollständige Automatisierung anstrebt noch spektakuläre Leistungen verspricht. Es geht um die Lücke zwischen Forschung und Praxis – denn roboterbasierte Fabrikation findet bislang selten außerhalb der geschützten Laborumgebung Anwendung.
Sie fragt, welche technischen und logistischen Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit Robotik bessere Arbeitsbedingungen und mehr Teilhabe schafft. Wie schwer, groß und gelenkig kann ein industrieller Roboter sein, um auf der Baustelle überhaupt einsatzfähig zu sein? Tatsächlich könnten Roboter die Bauarbeit inklusiver machen, indem sie Aufgaben durchführen, die sonst Menschen mit körperlichen Einschränkungen ausgrenzen. Denn Technik soll sich dem Menschen anpassen, nicht umgekehrt.
Seit 2017 wohnen sie auf ihrer eigenen Baustelle in Tokio. Mit dem Projekt „Holes in a House“ begannen Mio Tsuneyama und Fuminori Nousaku (MT & FN), ein Haus aus den 1980er-Jahren Schritt für Schritt umzubauen – und blieben währenddessen darin wohnen. Bis heute bauen sie es immer wieder um und passen es ihrem Alltag an, trotz offener Konstruktionen und freiliegender Installationen im Wohnraum.
Im Gespräch mit BauNetz CAMPUS blickten Mio und Fuminori auf neun Jahre Leben und Arbeiten im eigenen Wohnraum zurück. Sie erzählten, was sie dabei über das Bauen gelernt haben und wie diese Erfahrung heute ihre Arbeit mit Bauherr*innen verändert hat.
Wenn ihr auf die vergangenen neun Jahre zurückblickt: Was hat sich für euch im Umgang mit dem Haus verändert?
MT & FN: Unsere ursprüngliche Motivation war, das Haus so weit zu verbessern, dass jemand anderes es übernehmen kann. Danach wollten wir weitergehen und das nächste Gebäude retten. Wir hatten allerdings nur ein sehr kleines Budget. Deshalb haben wir begonnen, das Haus selbst umzubauen, und sind währenddessen darin wohnen geblieben. Mit der Zeit haben wir es aber immer mehr zu schätzen gelernt. Weil wir auf der Baustelle lebten, konnten wir mit unserem eigenen Körper erfahren, was funktioniert und was nicht. Wir konnten Dinge ausprobieren und ihre Auswirkungen direkt erleben. So wurde das Haus zu einem Ort, an dem wir ständig weiterlernen und experimentieren.
Diese Erfahrungen haben auch euren Umgang mit Materialien verändert. Was habt ihr durch das Leben im Haus über das Bauen gelernt?
MT & FN: Am Anfang verwendeten wir zum Beispiel Hochleistungsdämmstoffe wie Polystyrol, weil wir dachten, eine höhere Performance sei automatisch besser. Nach ungefähr drei Jahren haben wir mehr über seine biologische Abbaubarkeit gelernt und wollten es deshalb nicht mehr verwenden. Durch das Leben und Arbeiten am Haus haben wir gemerkt, wie sich unser Wissen über Materialien verändert. Manchmal haben wir Entscheidungen getroffen, die wir später anders beurteilen. Trotzdem ist es für uns besser, aus den Experimenten zu lernen, als auf die perfekte Lösung zu warten. Inzwischen genießen wir diesen Prozess des Weiterentwickelns. Uns gefällt die Idee, dass auch das Bauen und Instandhalten Teil des Familienlebens sein kann: Die Familie verändert sich, und damit verändert und entwickelt sich auch das Haus.
Inzwischen lebt ihr mit zwei Kindern in dem Haus. Wie geht ihr mit den neuen räumlichen Anforderungen um?
MT & FN: Wir haben beispielsweise einige der Öffnungen mit einem Baumwollnetz gesichert, damit die Kinder nicht hineinfallen. Im Moment schlafen wir alle zusammen, aber irgendwann werden die Kinder ihre eigenen Bereiche brauchen. Das Haus ist relativ klein. Deshalb überlegen wir, wie wir Schlaf- und Arbeitsbereiche räumlich übereinander anordnen können – etwa mit Betten und Schreibtischen, die den vorhandenen Raum besser ausnutzen. Das wird sich wahrscheinlich in den nächsten fünf Jahren weiterentwickeln. Aber weil Kinder so schnell wachsen, können solche Lösungen auch nur vorübergehend sein. In zehn Jahren werden sie vielleicht schon ausgezogen sein.
Gibt es für euch bei diesem Haus überhaupt einen Punkt, an dem es fertig ist, oder wird es immer weitergebaut?
MT: Ich glaube nicht, dass es jemals wirklich fertig sein wird. Wir müssen es ständig warten und anpassen. Im vergangenen Jahr haben wir beispielsweise die Balkone und das Dach neu gestrichen. Irgendwann müssen wir wahrscheinlich auch die Außenwände überarbeiten, unter anderem weil Wasser an den Fenstern eindringt. Das Haus ist aus den 1980er-Jahren und entspricht damit nicht den heutigen Gebäudestandards. Zum Beispiel gibt es keine ausreichende Verschattung an den Fenstern. Im Sommer kann es dadurch extrem heiß werden. Ohne Klimaanlage hatten wir nachts teilweise fast 40 Grad im Schlafzimmer. Wir wollen aber das Haus nicht einfach gegen das Wetter abschotten, sondern überlegen, wie wir auf das Klima reagieren können. Ich denke zum Beispiel darüber nach, eine vorgehängte, textile Verschattung auszuprobieren. Wir haben ständig neue Ideen, wie wir das Haus weiterentwickeln können.
Bauherr*innen bauen mit
Was sie über neun Jahre am eigenen Haus erprobt haben, prägt auch ihre Arbeit als Architekt*innen. Fuminori ist Gründer von Fuminori Nousaku Architects, Mio Mitgründerin von Studio mnm. In ihren jeweiligen Büros beziehen sie Bauherr*innen möglichst direkt in den Bauprozess ein.
Diese Idee des gemeinsamen Weiterbauens findet sich auch in eurer Arbeit mit Bauherr*innen. Wie ist diese Methode entstanden?
FN: Viele verstehen die Arbeit von Architekt*innen als reine Dienstleistung für die Bauherr*innen. Mir gefällt diese Beziehung nicht. Deshalb lade ich die Bauherr*innen immer auf die Baustelle ein. Architektur ist für uns etwas, das wir gemeinsam konstruieren. Dieses Gefühl ist für beide Seiten wichtig. Wenn Bauherr*innen selbst mitarbeiten, sehen sie, wie Handwerker*innen ein Material verarbeiten, probieren Techniken aus und erfahren, wie viel Arbeit in einer Konstruktion steckt. Dadurch respektieren sie das Handwerk oft mehr. Gleichzeitig können sich die Bauherr*innen selbst Fähigkeiten aneignen und nach und nach mehr Arbeiten übernehmen. Wir haben zum Beispiel einen Bauherrn, der zunächst wenig Interesse daran hatte, selbst zu bauen. Durch die gemeinsame Arbeit auf der Baustelle hat er inzwischen eine Leidenschaft dafür entwickelt. Heute übernimmt er viele Arbeiten selbst. Das spart auch Kosten und gibt ihm mehr Möglichkeiten, in den Bauprozess einzugreifen. Sie bringen eigene Ideen ein, etwa zum Umgang mit vorhandenen Materialien oder deren Wiederverwendung. In diesem Prozess lernen wir voneinander.
Was kann eine Baustelle ermöglichen, wenn nicht alles auf einmal gebaut werden muss?
MT & FN: Seit Beginn unserer Praxis an hatten wir immer ein begrenztes Budget. Das hilft manchmal dabei, den Zeitplan zu verlängern. Man kann zum Beispiel sagen: Wir können uns die Dämmung jetzt nicht leisten, aber wir können sie später machen. Wir können heute etwas instand halten und später weitere Dinge ergänzen. Für mich bedeutet das, den Begriff der Fertigstellung zu entfernen. Auch bei Neubauten kann man mit unterschiedlichen Ebenen arbeiten. Man kann zum Beispiel zunächst auf eine fertige Bemalung oder einen fertigen Putz verzichten und erst später ergänzen. So kann ein Gebäude offen für Veränderungen bleiben. Die Baustelle muss dann kein Zustand sein, den man möglichst schnell beendet, sondern kann Teil der Nutzung und des Lebens mit einem Gebäude werden.
Das Interview in englischer Sprache wurde mithilfe von KI-gestützten Tools übersetzt und von BauNetz CAMPUS geprüft und redaktionell bearbeitet.