Spatial Practices: Ein Exkursions-Seminar zur Analyse des Erlebten
Was bedeutet es, Architektur als gelebten Prozess zu begreifen? Im Seminar „Spatial Practices“ untersuchten internationale Studierende durch Exkursionen, wie Räume gelesen, verstanden und vermittelt werden – und welche Akteur*innen sie prägen.
Wie lässt sich Architektur über ihre gebaute Form hinaus als Handlung und Prozess verstehen? Im Seminar „Spatial Practices“ an der Whitecliffe University of Applied Sciences (vormals Berlin International University of Applied Sciences) beschäftigten sich im vergangenen Wintersemester 18 internationale Studierende gemeinsam mit mir, Katharina Lux, als Lehrbeauftragte, mit dieser Frage. Der Kurs ist Teil eines neuen Masterprogramms MA Architecture and Spatial Practices unter der Leitung von Prof. Lukas Staudinger an der Faculity of Architecture and Design. Ausgangspunkt bildete die Verbindung von Materialität, Konstruktion und Resilienz mit sozialen und kuratorischen Fragestellungen. Im Kern standen dabei acht Exkursionen und parallel laufende analytische Aufgaben, in denen die Teilnehmenden eigene Perspektiven auf ihre gebaute Umwelt entwickeln sollten – mit dem Ziel, Räume präzise zu lesen, kritisch zu hinterfragen und das Erfahrene schließlich nachvollziehbar zu vermitteln.
Was ist „Spatial Practice“?
Der Begriff versteht Raum nicht als statische Geometrie, sondern als Ergebnis sozialer, materieller und kultureller Prozesse. Aufbauend auf theoretischen Ansätzen – insbesondere der „Critical Spatial Practice“ nach Jane Rendell – lag der Fokus des Seminars auf einer reflexiven, transdisziplinären Auseinandersetzung mit Architektur und Stadt. Entwerfen wurde bewusst erweitert: Beobachten, Analysieren und Vermitteln galten als gleichwertige architektonische Praktiken.
Im Seminar arbeiteten wir mit drei zentralen Perspektiven: „Material & Resilient Practices“, „Urban & Social Practices“ sowie „Critical & Curatorial Practices“. Diese fungierten als analytische Linsen, um Architektur als vielschichtigen Prozess zu begreifen und ökologische sowie soziale Zusammenhänge und kritische Prozesse zu erkennen.
Exkursionen: Lernen vor Ort
Das klingt alles noch sehr theoretisch – also, wie lassen sich diese Dimensionen begreifen? Am besten, wenn wir einfach dorthin gehen, wo genau diese Zusammenhänge sichtbar werden. Den wesentlichen Bestandteil unseres gemeinsamen Semesters bildeten dabei acht Exkursionen in Berlin, die wir als kollektive Lernräume verstanden haben. Wir besuchten gemeinwohlorientierte Projekte wie den Rathausblock oder das VOLLGUT. auf dem KINDL-Areal in Neukölln und unternahmen mit den IBA-Bauten in Kreuzberg sowie dem IBZ Berlin eine Reise in die 1980er-Jahre. Gleichzeitig erhielten wir Einblicke in aktuelle Transformationsprozesse – etwa auf der Baustelle eines Dachausbaus von Studio LOES oder beim Projekt San Gimignano in Lichtenberg von b+. Ergänzt wurde dies durch kuratierte Führungen, unter anderem im Kunstgewerbemuseum und in der Ausstellung „Baustelle Transformation“ im DAZ.
Vor Ort ging es nicht nur darum, Architektur zu betrachten, sondern ihre Entstehungsbedingungen zu verstehen. Gespräche mit Architekt*innen, Nutzer*innen und anderen Beteiligten zeigten, wie soziale, politische und materielle Faktoren räumliche Prozesse prägen. Diese Erfahrungen bildeten die Grundlage für die anschließenden Analysen.
Analytisch durch drei Linsen
Im Zentrum des Seminars stand „Analyse the Sites“, die grundlegende Aufgabe des Semesters. Aufbauend auf den Exkursionen untersuchten die Studierenden in Gruppen konkrete räumliche Situationen. Ausgangspunkt war stets eine präzise Beobachtung vor Ort: etwa die Bank am Nebeneingang eines Supermarkts, die sich täglich als informeller Treffpunkt etabliert, oder eine Stahltreppe im Wohnhaus, deren Patina auf ihre industrielle Vergangenheit verweist. Im Fokus standen damit bewusst Situationen, die sich primär durch unmittelbares Erleben erschließen und weniger durch klassische Recherche rekonstruieren lassen.
Ein zentrales Arbeitsinstrument bildete ein Farbcodesystem, das drei analytische Perspektiven sichtbar machte: Material & Resilient, Urban & Social sowie Critical & Curatorial. Diese waren nicht als feste Kategorien zu verstehen, sondern als bewusst gewählte Blickrichtungen. Jede Gruppe entschied sich für eine dieser Perspektiven und entwickelte daraus eine konsistente Lesart ihrer Situation. Der Farbcode fungierte dabei nicht nur als grafisches Mittel, sondern strukturierte die Argumentation und machte unterschiedliche Interpretationen vergleichbar.
Die Ergebnisse wurden auf zwei A3-Sheets ausgearbeitet: eine räumliche Darstellung sowie eine vertiefende inhaltliche Ebene mit Text und ergänzenden Medien. Ziel war es, individuelle Beobachtungen so zu übersetzen, dass sie innerhalb der Gruppe nachvollziehbar und diskutierbar werden.
So analysierte eine Gruppe am IBZ Berlin die teils geschlossene Fassade als klimatische Schnittstelle in Hinblick auf die Ölkrise in den 1980ern und interpretierte die Wintergärten als resiliente Übergangsräume. Eine andere untersuchte im Dachausbauprojekt von Studio LOES die Wechselwirkung von Zwängen in der Konstruktion und ihrer Raumwirkung. Weitere Arbeiten widmeten sich urbanen Zwischenräumen wie im unmittelbaren Umfeld eines Baller-Wohnhauses an der Admiralbrücke, in denen sich soziale Dynamiken verdichten.
Vermitteln als architektonische Praxis
Als erweiterte Aufgabe sollte die Analyse um eine kommunikative Dimension ergänzt werden. Aufbauend auf selbst gewählten Transformationsprojekten entwickelten die Studierenden Strategien, ihre Erkenntnisse zu vermitteln. Beispiele reichten von einer partizipativen audiovisuellen Installation zur Rindermarkthalle über ein spielerisches Brettspiel zur Stadtentwicklung an der Storkower Straße bis hin zu einer kuratierten Wegführung zur Clubkultur am Kraftwerk Berlin.
Beide Aufgaben zusammen zeigen Architektur als das, was im Seminar verstanden wurde: nicht nur als Entwurf, sondern als Praxis des Analysierens und Vermittelns der eigens erarbeiteten Beobachtungen.