Vollgut eG - Leergut adé: Wie eine Genossenschaft eine Lagerhalle neu verhandelt

Was passiert, wenn ein 40.000 Quadratmeter großes Gebäude gemeinschaftlich entwickelt wird? Die Vollgut eG beantwortet diese Frage mit ihrer Gründung. Ein Zusammenspiel aus Planung, Verantwortung und lokaler Verankerung.

Mit Vollgut eG formierte sich in Berlin-Neukölln ein Zusammenschluss, der Stadtentwicklung nicht länger globalen Marktlogiken überlassen will. Stattdessen soll gemeinschaftlich, lokalwohlorientiert und eng mit den zukünftigen Nutzenden gestaltet werden. Eine Gründung, die an ein Projekt knüpft und einen anderen Weg beschreitet, um Architektur zu machen.

#StudioUnderConstruction wirft einen Blick auf Entstehungsgeschichten, Projekte und Philosophien von Architekturbüros, Kollektiven oder Planungsgemeinschaften, die ihre Gründung innerhalb der letzten fünf Jahre vollzogen haben – oder mittendrin stecken. Eine Reihe von und für Newcomer*innen.

Eine Genossenschaft bildet sich aus einer Genossenschaft

Vollgut eG ging aus einem Team hervor, das bereits unter dem Dach der TRNSFRM eG an zirkulären Umbauten auf dem ehemaligen Gelände der Kindl-Brauerei beteiligt war. Heute arbeitet ein rund zwölfköpfiges Team daran, die Flächenpotenziale des 40.000 Quadratmeter großen Getränkelagerhauses auszuloten und ein Kultur- und Gewerbezentrum aufzubauen. Dort, wo einst abertausende Liter von Bier lagerten, sollen künftig Räume für Subkultur, Kleingewerbe, soziale Träger und marginalisierte Communities entstehen – dauerhaft bezahlbar und gemeinschaftlich betrieben.

Die Vorstände Philine Barbe und Christian Ziebertz erklärten uns, wie aus jahrelanger Vorbereitung ein eigenständiges genossenschaftliches Modell entstand. Sie begleiten das Areal seit Jahren und kennen das Gebäude bis in seine Untergeschosse.

Vom Industriekomplex zum gemeinwohlorientierten Stadtbaustein

Die Transformation des Kindl-Areals begann lange vor der Gründung der Vollgut eG. Nach dem Ende der Brauereiproduktion 2004 wurde das Gelände parzellenweise veräußert. 2016 erwarb die Stiftung Edith Maryon das Areal und setzte den Rahmen für eine gemeinwohlorientierte Entwicklung. Neben der Umwandlung des denkmalgeschützten Kesselhauses in ein Museum entstanden vier wichtige Projekte: 

  • das Berlin Global Village für migrantisch-diasporische Organisationen, 
  • das zirkulär realisierte CRCLR-Haus mit Impact Hub,
  • Wohnprojekt Campus Cosmopolis,
  • das Haus ALLTAG mit sozialen Dienstleistungen und Gesundheitszentrum.

Die zirkulären Projekte CRCLR und ALLTAG realisierte TRNSFRM eG. Sie brachte Nutzungsinteressierte, Architekt*innen, Aktivist*innen und sozial engagierte Investor*innen zusammen, vom Anspruch getragen, komplexe Hausprojekte professionell und selbstverwaltet umzusetzen.

Ein Netzwerk, eine Idee, ein neuer Rahmen

Die Lagerhalle blieb als letzter großer unentwickelter Teil des Areals übrig: ein weitläufiger Bestand mit tiefen Geschossen und erheblichem Sanierungsbedarf – zugleich ein hochpolitischer Ort in einem Bezirk, der seit Jahren massivem Verdrängungsdruck ausgesetzt ist.

Bald wurde deutlich: Die Transformation dieses Getränkelagers erfordert eine eigene Struktur. So gründete ein Teil des TRNSFRM eG-Teams – darunter Philine und Christian – gemeinsam mit den zukünftigen Nutzenden 2023 die Vollgut eG. „Uns war klar, dass wir einen Rahmen brauchen, der nicht nur Eigentum regelt, sondern kollektive Verantwortung ermöglicht“, erklärte Christian. Zusätzlich sicherte ein 99-jähriger Erbbaurechtsvertrag mit der Stiftung Edith Maryon dem Projekt langfristige Planungssicherheit. 

Ein erfahrenes Netzwerk, darunter ZRS Architekten, Baubüro in situ und Akteur*innen aus der Zirkularwirtschaft, begleitete den Prozess.  Wissen aus früheren Projekten bildete die Grundlage, um langfristig zu planen und das Projekt zu betreiben.

Minimalinvasiver Umbau mit sozial-ökologischem Betriebssystem

Der Umbau des Gebäudes folgte den Prinzipien des zirkulären Bauens: Bestehende Bauteile sollten erhalten bleiben, neue Elemente demontierbar sein und Materialien – wo möglich – aus Abbruchbaustellen stammen. „Durch kleinere, gezielte Eingriffe können wir enorme Ressourcen sparen“, sagt Philine. Da viele Bereiche unbelichtet, schwer erschlossen oder technisch veraltet sind, setzt das Planungsteam auf punktuelle Eingriffe, die Licht, Erschließung und Nutzbarkeit verbessern, ohne den Bestand zu entkernen.

Parallel entstand ein Betriebssystem, das Genossenschaftlichkeit konsequent mitdenkt. Alle Mieter*innen zahlen solidarische Zuschläge, die soziale und kulturelle Projekte im Kiez unterstützen. Öffentlich zugängliche Formate wie Flohmärkte dienen schon jetzt als Brücken in die Nachbarschaft. Vorstand, Planung und Projektsteuerung konsultieren die Mitglieder regelmäßig, sodass diese die Entwicklung des Hauses aktiv nach ihren Bedürfnissen mitgestalten können. Die Vielfalt der beteiligten Organisationen – darunter etwa ein migrantischer Kunstraum, ein queer-feministisches Archivzentrum, ein Kollektiv für Kunstproduktion, Werkstätten oder eine zukünftige Kletterhalle – prägen bereits jetzt die Struktur des Projekts. Die Genossenschaft versteht sich als langfristige Betreiberin: Sie plant, baut und bewirtschaftet das Gebäude über Jahrzehnte hinweg.

Gründungsprojekt mit Signalwirkung

Mit ihrer Arbeit zeigt die Vollgut eG, wie Gemeinwohlorientierung, Zirkularität und Selbstverwaltung in der Stadtentwicklung zusammenwirken können. Das Projekt verdeutlicht, dass Gründung räumliche, soziale und politische Wirkung entfaltet. So entsteht auf dem Areal ein städtebauliches Experiment: Ein Gegenentwurf zu Verdrängungsdynamiken in Neukölln und ein Beispiel für Stadt, die durch das Zusammenspiel von Nutzenden und Architektur erwächst, wo Menschen Verantwortung übernehmen und Neues erproben können.